1989/90 - Gewerkschaften und die deutsche Einheit: Zeitzeugen

    Gabi Schwitalla: Sehnsüchte

    Gabi Schwitalla: Sehnsüchte

    Im Herbst 1989 begann Gabi Schwitalla, Bibliothekarin im VEB Goethe in Weimar, ein Fernstudium der Kunstgeschichte. 2009 ist sie Personalratsvorsitzende in ihrer alten Bibliothek, die unter ihrem neuen Namen weltberühmt ist: es ist die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek.

    Gabi Schwitalla Foto: Martin Jehnichen Gabi Schwitalla

    „Am 9. November '89 hatte ich Vorlesungen. Kam abends nach Hause, da saß mein Mann mit der Nachbarin vor dem Fernseher und kippte Wein: Die Mauer ist gefallen. Ich war fassungslos. Trotzdem bin ich am nächsten Tag zur Arbeit gegangen.“ Geheult hat sie ein paar Monate später, in Florenz, am Altar von St. Lorenzo.

    Kunsthistorikerinnen stellt man sich wohl ätherischer vor, weniger bodenständig. Gabi Schwitalla wollte auch erst Landschaftsarchitektin werden, begann als Gärtnerin, leider vertrug ihre Haut Dünger und Erdsubstrate nicht. Traktor kann die 47jährige aber immer noch fahren – und Rosen veredeln.

    Ihr heutiger Arbeitsplatz ist weltberühmt, die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Als der historische Bau mit den kostbaren Büchern und Handschriften vor fünf Jahren brannte, war sie unter denen, die sofort hinrannten. Um neun abends hatte sie die Bilder von Flammen im Fernsehen gesehen. Dann schleppte sie Bücher ins Tiefenmagazin, bis sie früh um vier nicht mehr konnte. „Ich gehöre mit meinem Kind zu den Kulturpreisträgern, die in der Nacht dabei waren“, sagt sie. Die Tochter Rachel ist inzwischen 21.

    In der Baumschule konnte Gabi Schwitalla damals nicht bleiben. Lehrerin zu werden, wie man ihr vorschlug, war ihr zu politisch. Sie entschied sich für die Ausbildung zur Bibliotheksassistentin und die Arbeit an der Bibliothek der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur, „VEB Goethe“. Neben der Arbeit in der Bibliothek machte sie das Abitur nach. Es war und ist für sie „nicht vorstellbar, nur zu arbeiten“. Vielleicht weil sie so neugierig ist. Sie wollte studieren. Bibliothekswissenschaften schienen zu trocken, Germanisten gab es schon genug. Also Kunstgeschichte. Sechs Jahre musste sie auf den Fernstudienplatz an der Martin-Luther-Universität Halle warten; nur 15 Plätze wurden alle zwei Jahre vergeben. Wer nicht unbedingt wollte, gab auf. Sie nicht. Im Herbst 89 fing das Fernstudium an. Als eine der Letzten konnte sie es 1995 abschließen.

    Die späten 80er Jahre erlebte sie so: „Die Leute wurden aufmüpfiger, selbst die in der Betriebsgewerkschaftsleitung. Und wir hatten Ideen. Kritische russische Dichter vorstellen, Kontakte knüpfen, Informationen über die Solidarnocz weitergeben. Keine Ahnung, wie viele Biermann-Texte ich abgetippt hab.“

    1988 wurde die Tochter geboren. Mit ihr wollte sie in der DDR bleiben, „um etwas zu verändern. Und wenn weggehen, dann nach Italien. Die Idee von Europa faszinierte mich. Das waren die Sehnsüchte.“ Nach dem Mauerfall fuhr sie nach Florenz, saß in der Kirche von St. Lorenzo, überwältigt.

    Gabi Schwitalla blieb in ihrer Bibliothek. VEB Goethe wurde zur Klassik Stiftung Weimar. Die Bibliothekarin betreibt u. a. Provenienzforschung, sucht nach der Herkunft von Büchern und Handschriften. Gerade geht es um die Bücher des jüdischen Sammlers Arthur Goldschmidt, die er 1936 dem Goethe-und-Schiller-Archiv überlassen musste. Die Erben sind grundsätzlich mit einer Entschädigung einverstanden. „Auch Gewerkschaftsbibliotheken wurden in der Nazizeit aufgelöst und sind jetzt bei uns“, fügt sie hinzu. „Wenn ich über alten Handschriften sitze, können das Glücksmomente sein. Aber ich mache auch Lesesaaldienste, um Kontakt zu Lesern und Kollegen zu halten. Deshalb lasse ich mich als Personalratsvorsitzende nur zu 60 Prozent freistellen.“

    Aus der ÖTV ist Gabi Schwitalla 1991 wieder ausgetreten, so enttäuscht war sie von der unterschiedlichen Eingruppierung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst Ost- und Westdeutschlands. „Dass es hieß, wir hätten nichts geleistet, konnte ich nicht begreifen.“ Sie wurde frauenpolitisch aktiv, gründete mit anderen in Weimar ein Frauenhaus, träumte von einem Frauenmuseum. „Wir haben herrlich gesponnen.“

    Als 1999 die Debatten über die neue Tarifrunde im öffentlichen Dienst anfingen, war sie wieder dabei. Seitdem ist sie in gewerkschaftlichen Frauengremien aktiv – und auch wieder Mitglied. Die Idee von ver.di fand sie großartig, den Zusammenschluss vieler Leute aus vielen Berufen und Branchen: „Es war Zeit, die Ideen und Erfahrungen ganz unterschiedlicher Leute zusammenzubringen, über Fachbereichsgrenzen hinaus.“ Das sieht sie als Chance in Zeiten globaler Politik. Es passt zu ihrem Motto: „Ich kann mich nicht ruhig hinsetzen, in der Gewerkschaft nicht, in meinem Leben nicht. Es muss sich was bewegen.“

    Text: Claudia von Zglinicki