10. Februar 1974: Streik im öffentlichen Dienst

    24.11.2022

    Am 10. Februar 1974 legten die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ihre Arbeit nieder. Der erste bundesweite Arbeitskampf im öffentlichen Dienst hatte begonnen.

     
    Mehr als 200.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst streiken
    © ver.di-Archiv
    ÖD-Streik 1974

    Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) forderten 15 Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens 185 Mark, die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) 14 Prozent. Demgegenüber boten die Arbeitgeber vor dem Scheitern der Verhandlungen 9,5 Prozent. Nach drei Tagen Streik gelang am 13. Februar der Durchbruch: Die Tarifparteien einigten sich auf 11 Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens jedoch 170 Mark.

    Mehr als 200.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes hatten vor allem in den Großstädten ihre Arbeit verweigert: Busse und Bahnen blieben in den Depots, viele Ämter geschlossen, der Müll wurde nicht abgeholt.

    Bei diesem Streik war es jedoch nicht nur um mehr Geld gegangen, sondern auch um die Verteidigung der Tarifautonomie und die Abwehr von Lohnleitlinien: Bundeskanzler Willy Brandt hatte sich gegen ein zweistelliges Ergebnis ausgesprochen, weil es sich "nicht darstellen" ließe.

    Noch vor Ende des Jahres 1974, am 12. Dezember, einigten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auch auf ein Schlichtungsabkommen für den öffentlichen Dienst.

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    Der Streik im öffentlichen Dienst 1974 

    Zeitzeugen blicken zurück

    Von André Philipp Kajewski

     
    1974
    © ver.di-Archiv
    Einladungskarte zum Rückblick auf 1974

    Am 12. Oktober 2022 folgten viele Kolleginnen und Kollegen der Einladung des ver.di-Bezirkes Mittleres Ruhrgebiet zu einem Dialogabend in das ehemalige Hans-Liersch-Haus in die Universitätsstraße 76 in Bochum. Unter dem Motto ,,Alle Räder standen still…“ versammelten sich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen im Gewerkschaftshaus, um einen Dialogabend über den legendären Arbeitskampf der Gewerkschaft ÖTV von 1974 mitzuerleben. (siehe auch: So geht Streik!)

    Bei diesem Streik handelte es sich nicht nur um den ersten großen Arbeitskampf im öffentlichen Dienst in der Geschichte der Bundesrepublik, sondern aus heutiger Sicht auch um eine Art Blaupause für die effektive Umsetzung dessen, was man das gewerkschaftliche Kerngeschäft nennt: erfolgreiche Tarifarbeit.

    Zudem gibt es Parallelen von 1974 und 2022. Damals wie heute lähmt eine Energiekrise die Wirtschaft, sind Inflation und Teuerung ein gesellschaftspolitisches Thema, versucht ein sozialdemokratischer Kanzler dem Herr zu werden und die Gewerkschaft ver.di (in der Nachfolge der ÖTV) stellt ambitionierte Tarif-Forderungen für den öffentlichen Dienst.

     

    Der Streik 

    In seinem einleitenden Statement führte der Historiker Karl Christian Führer, Autor des Buches ,,Gewerkschaftsmacht und ihre Grenzen: Die ÖTV und ihr Vorsitzender Heinz Kluncker - 1964-1982“, die Anwesenden in das Jahr 1974 zurück. Die Kommunikation gestaltete sich damals weitaus schwieriger als heute, da an Internet, Emails, Social Media und Smartphones noch nicht zu denken war. Das machte Planung und Durchführung des Areitskampfes kompliziert, erforderte ein straffes, kompetentes Organisationshandeln.  Vor diesem Hintergrund sei es bemerkenswert, dass der Arbeitskampf 1974 in wenigen Tagen abgeschlossen werden konnte.

     
    1974
    © Udo Milbret
    Christian Führer

    Christian Führer hob im Weiteren hervor, dass die Medienlandschaft wesentlich überschaubarer war als heute und dass die BILD-Zeitung mit einer Auflage von 4 Millionen Exemplaren die öffentliche Meinung massiv beeinflusste.

    Die ÖTV hatte seinerzeit 1 Million Mitglieder, Vorsitzender war Heinz Kluncker, der den sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt tarifpolitisch die Stirn bot: Hatte Brandt öffentlich erklärt, dass eine Lohn- und Gehaltserhöhung im öffentlichen Dienst über 9,5% nicht realisierbar wäre, stemmte sich die ÖTV mit ihrer Forderung von 15% dagegen.

    Aus gewerkschaftlicher Perspektive wurde also eine höchst ambitionierte Forderung aufgestellt, zudem galt der Streik wegen der “Lohnleitlinie” von Willi Brandt als Kampf zur Verteidigung der Tarifautonomie. Nach knapp drei Tagen, an denen bis zu 200.000 Kolleginnen und Kollegen die Arbeit niedergelegt hatten, wurde ein Ergebnis erzielt: 11 Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens aber 170 Mark.

    Aus heutiger Sicht ein bemerkenswerter Erfolg, dennoch war das Echo der Kolleginnen und Kollegen auf das Streikergebnis gemischt: In manchen Arbeitsbereichen herrschte Unzufriedenheit mit dem Erreichten, die meisten waren jedoch zufrieden. Das 2. Urabstimmungsergebnis für die Annahme des Kompromisses drücke das klar aus: knapp 62 stimmten dem Abschluss zu.

    Die Medien, allen voran die Bild-Zeitung, liefen allerdings Sturm: Ein solcher Tarifabschluss in Krisenzeiten sei das falsche Signal, gefährde die Wirtschaft, sei unbotmäßig hoch. Heinz Kluncker stellte demgegenüber klar: ,,Wir leben in einer Gesellschaft, die durch Interessengegensätze gekennzeichnet ist, und wir haben ja ganz gut mit politischen Lösungen dieser Interessenwahrnehmungen unsere Lebenssituation verbessert und die Demokratie inhaltsreicher gemacht.“

     
    1974
    © Udo Milbret
    Rainer Wiegers, Erika Demtröder, Conny Berger, Klaus Glaser (v.l.)

    Erste Gesprächsrunde

    Unter der Leitung von Conny Berger, Journalistin, Leiterin des ver.di-Kommunikationsbereichs, erzählten vier Zeitzeug*innen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Den Auftakt machte Erika Demtröder, langjährige Verwaltungsangestellte der ÖTV und seit 60 Jahren Sozialdemokratin, indem sie die 1970er Jahre als Zeit multipler Krisen beschrieb. Sie erzählte von der beginnenden Friedensbewegung und zog Parallelen zur Gegenwart. Auch verwies sie auf den Stellenwert der gewerkschaftlichen Mitgliederbetreuung: ,,Vor allem der persönliche Kontakt mit den Mitgliedern war von zentraler Bedeutung für eine erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit.”

    Klaus Glaser, früherer Busfahrer bei der BOGESTRA und späterer ÖTV-Gewerkschaftssekretär, hob hervor, wie sehr die BILD-Zeitung die damalige öffentliche Meinung beeinflusste, berichtete von der Bedeutung des Mannschaftsraums als Kommunikationszentrum und wie sich die Arbeit der Vertrauensleute und Betriebsräte in Krisenzeiten gestaltete. Kollege Glaser betonte dabei, dass es ,,(…) bei der BOGESTRA damals Organisationsgrade von 93% - 98% gab.”

    Rainer Wiegers, unter anderem ehemaliger Betriebsrat und späterer Betriebsratsvorsitzender der BOGESTRA, erklärte die zentrale Rolle der Streiklokale, wies auf die Bereitschaft zu einem langen Streik hin trotz alltäglicher Drohungen und Kritik im öffentlichen Diskurs, auf die Wichtigkeit der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit für den Streik und hielt fest, dass ,,(…) die Kolleginnen und Kollegen 1974 sehr gut organisiert waren“.

    Auch das ehemalige Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der ÖTV und DBG-Bundesvorstandes, Günter Dickhausen, nahm als Gesprächspartner an der Runde teil. Er, der bei der Bundespost gelernt und bei den Bochumer Stadtwerken gearbeitet hatte, bevor er ÖTV-Gewerkschaftssekretär wurde, machte deutlich, wie wichtig die Organisation der Kommunikation im Vergleich zu heute war. Und obgleich die Nähe zwischen dem SPD Milieu und den Gewerkschaften nicht zu übersehen war so hob er hervor, dass ,,(…) die Gewerkschaften damals wie heute auch immer ihre Eigenständigkeit betonen.”

    Blick in die Gegenwart

    Dirk Schröder, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Stadtwerke Bochum und Mitglied der ver.di-Tarifkommission, richtete mit seinem Statement die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf die Gegenwart. Auch im Jahr 2022 setzen die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im öffentlichen Dienst ein starkes Signal mit der Forderung nach einer Lohn- und Gehaltserhöhung in der Höhe von 10,5 % bzw. von mindestens 500 EUR für alle. Kollege Schröder betonte, dass die Forderung wie damals ambitioniert sei, dass der Erfolg der Tarifrunde von einer guten Vorbereitung, Planung und Umsetzung abhänge und davon, dass Mitglieder und Gewerkschaftssekretär*innen an einem Strang ziehen müssen, um erfolgreich zu sein. Er hob zudem hervor, dass ein möglicher Streik auch immer eine Chance böte, Beschäftige auf die Bedeutung von ver.di hinzuweisen und sie als neue Mitglieder zu gewinnen; denn: ,,Die Mitglieder, das sind wir, und wir alle sind ver.di“.

     
    1974
    © Udo Milbret
    Elke Stierle, Hartmut Simon, Klaus Orth, Uwe Schittek (v.l.)

    Zweite Gesprächsrunde

    Dr. Hartmut Simon, Historiker und Leiter des ver.di-Archivs moderierte die zweite Gesprächsrunde. Den Auftakt machte Elke Stierle, die langjährige Sekretärin und Lebensgefährtin von Heinz Kluncker. Sie betonte die Kritikoffenheit und Zielstrebigkeit Klunckers sowie die Bedeutung der unter seiner Leitung erfolgten Reorganisation der ÖTV 1966/68, die die Organisation erst handlungs- und streikfähig gemacht habe. Auch ließ Kollegin Stierle nicht unerwähnt, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen dem Image von Heinz Kluncker als “der Dicke” oder “Klotz Kluncker” und seiner Gefühlswelt gegeben habe.

    Klaus Orth, ehemaliger ÖTV-Bezirksvorsitzender in NRW II, hob hervor, wie wichtig der Streik 1974 zur Verteidigung der Tarifautonomie gewesen sei und dass er zu einem neuen Verhältnis zwischen dem sozialdemokratischen Milieu und den Gewerkschaften geführt habe. Kollege Orth erläuterte zudem die Parallelen zum Streikjahr 1992, so auch, dass “vor allem die Stimmung und Bereitschaft vergleichbar“ waren.

    Uwe Schittek, der bei den Stadtwerken Bochum arbeitete und den Streik 1974 in als junger Beschäftigter miterlebte, umschrieb die Situation als explosiv und erinnerte sich an die Schwierigkeit der Ergebnisvermittlung. Schittek zufolge wäre die Bereitschaft zu einem längeren Streik gegeben gewesen.

    Fazit

    Das große Interesse an dem zurückliegenden Dialogabend in Bochum und die lebhaften Gesprächsrunden (siehe: So geht Streik!) zeigten, dass Gewerkschaftsgeschichte lebendig gehalten werden muss, auch um Lehren für die Gegenwart zu ziehen. Dieser Lernprozess ist unabdingbar für eine erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit.

    Mögen die Parallelen zwischen 1974 und 2022 offensichtlich sein, so gibt es heute aber auch Besonderheiten, die es zu erwähnen gilt. Neben Energiekrise, Inflation und Teuerung führte der Überfall Russlands auf die Ukraine zu Verunsicherungen und Zukunftsängsten. Der Angriffskrieg Putins bedingte eine Zeitenwende, in der alles bisher Gewohnte überdacht werden muss. Auch ist die Corona- Pandemie noch lange nicht vorbei, mit all ihren Auswirkungen für das gesellschaftliche Miteinander. Die politischen Herausforderungen könnten demnach nicht größer sein. Deutschland befindet sich in einem Stresstest.

    Mit Olaf Scholz hat die Bundesrepublik einen Kanzler, der sich bereits in jungen Jahren für die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer engagiert hatte. Man kann daher wohl erwarten, dass sein Verhalten bei einem eventuellen Streik im öffentlichen Dienst anders sein wird als das von Willy Brandt 1974. Gerade vor dem Hintergrund der Inflation und Teuerung ist eine hoher Abschluss im Interesse der Beschäftigten geboten. Mag die gewerkschaftliche Forderung auch ambitioniert klingen, umso wichtiger ist das gesellschaftspolitische Signal. Gerade in Krisenzeiten können sich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf einen starken gewerkschaftlichen Partner verlassen, der – wenn es sein muss –  den Arbeitskampf nicht scheut.

    Anmerkung zu den Diskussionsrunden: Aussagen wurden zusammengestellt und redaktionell bearbeitet