Gründungsgewerkschaften

    Wilhelm Pawlik: Ein Sohn des Volkes

    Wilhelm Pawlik: Ein Sohn des Volkes

    Wilhelm Pawlik ver.di-Archiv Wilhelm Pawlik

    Auf der Trauerfeier zum Tode Wilhelm Pawliks, des Mitbegründers und langjährigen Vorsitzenden der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, im Januar 1969 erklang die Melodie des alten Arbeiterliedes "Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben". So sah er sich selbst und so sahen ihn seine Kolleginnen und Kollegen. Seine Biographie zeigt uns warum.

    Bernhard Wilhelm Pawlik wurde am 25. Juni 1900 als Kind einer Arbeiterfamilie in Borbeck geboren, das damals zum Landkreis Essen gehörte. Der Vater Johann Pawlik war Schneider. Nach seinem frühen Tod 1912 musste der junge Wilhelm mitarbeiten, um die Mutter und neun Geschwister zu versorgen.

    Nach Abschluss der Volksschule 1914 nahm Wilhelm eine Stelle bei der Konsumgenossenschaft "Eintracht" in Essen an. Er trat in die Gewerkschaft ein und schloss sich der sozialistischen Arbeiterjugend an.

    Am 1. Weltkrieg musste er als Soldat teilnehmen. Aus Protest gegen die Einstellung der Kirche zum Krieg trat er später aus der evangelischen Kirche aus. Er war noch keine 20 Jahre alt, als er in der jungen Republik seine gewerkschaftliche und politische Arbeit begann. Seine Kenntnisse und Fähigkeiten als Sprecher der Beschäftigten wurden erkannt, als er 1919 in den Städtischen Krankenanstalten in Essen arbeitete. Die Kollegen wählten ihn zum Vertrauensmann, Unterkassierer und Schriftführer der Ortsverwaltung beim Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter.

    Etwa zur gleichen Zeit wurde er Mitglied der SPD und begann ein reges Studium, u. a. in Gewerkschaftslehrgängen, Volkshochschulkursen und Vorlesungen am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Universität Münster.

    Es dauerte nicht lange und der Vorstand des Verbandes der Gemeinde- und Staatsarbeiter holte ihn als Sekretär nach Berlin, zur Zentrale. Acht Jahre lang war er hauptamtlicher Funktionär in Berlin, Magdeburg, wo er 1923 heiratete, und Erfurt, wo 1927 seine Tochter geboren wurde. Immer arbeitete er nicht nur als Sekretär für seine Gewerkschaft, sondern auch ehrenamtlich in der SPD.

    Als sich die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst 1930 zum Gesamtverband der Arbeitnehmer der öffentlichen Betriebe und des Warenverkehrs zusammenschlossen, kehrte Wilhelm Pawlik mit seiner Familie nach Essen zurück, als stellvertretender Bezirksleiter für Westfalen.

    "Unsere Gewerkschaft ist gesund und wir müssen alles vermeiden, was ihr schaden könnte. Vertrauen zueinander ist die Grundlage, Einigkeit und Solidarität sind die Klammern. Alle Probleme müssen sachlich gelöst werden, andere Lösungen sind von Übel. Wenn unsere Arbeit auf diese Grundsätze abgestellt ist, wird der Weg weiter nach oben gehen und uns befähigen, unsere Ziele zu erreichen."

    Wilhelm Pawlik auf seiner Abschiedsfeier am 26. Januar 1962

    Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Kanzler 1933 begann für Pawlik eine harte Zeit. Der Verhaftung entging er durch Zufall, weil er während der Besetzung der Gewerkschaftshäuser durch die Nazis am 2. Mai 1933 am Grabe eines Kollegen in Dortmund sprach, der vor dem Terror der Nazis in den Freitod geflüchtet war. Sechs Jahre Arbeitslosigkeit und Polizeiaufsicht musste er erdulden und ebenso lang Kriegsdienste leisten, bis er 1945 seine Kraft zum Neuaufbau der Arbeiterbewegung zur Verfügung stellen konnte.

    Am 1. Oktober 1945 trat er wieder in die SPD ein und nahm seine Arbeit als Sekretär der Gewerkschaft Öffentliche Dienste auf. Kurz darauf wurde er 1. Vorsitzender für die Regierungsbezirke Düsseldorf und Köln und 1946 geschäftsführender Vorsitzender des Ortsausschusses des DGB der britischen Besatzungszone.

    Im selben Jahr wurde er Stadtverordneter in Essen und Abgeordneter im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Die Interessen der Beschäftigten vertrat er als Vorsitzender des Wirtschaftspolitischen Ausschusses im Landtag und später als 1. Vorsitzender der AOK Essen, Vorsitzender des paritätischen Wirtschaftsausschusses der Industrie- und Handelskammer Essen-Mülheim-Oberhausen und im Verwaltungsrat der Bundesanstalt für Arbeit.

    Die Hauptaufgabe seines Leben erhielt er im Sommer 1948: Der Vorsitzende des DGB der britischen Besatzungszone, Hans Böckler, beauftragte ihn mit dem Aufbau der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV).

    Erstes wichtiges Ziel war der Zusammenschluss der zuständigen Gewerkschaften der drei Besatzungszonen auf dem Verschmelzungsgewerkschaftstag vom 3. und 4. September 1949 in Königswinter: die Gründung der Gewerkschaft HBV für das gesamte Bundesgebiet.

    Wilhelm Pawlik wurde zum 1. Vorsitzenden der neuen Gewerkschaft gewählt. Nach und nach gab er seine politischen Mandate auf und widmete sich ganz der neuen Gewerkschaft und seinen Aufgaben in HBV und DGB-Bundesvorstand.

    Mit der ihm eigenen Zähigkeit und seiner großen Beredsamkeit überzeugte er, wo er auftrat, legte die Grundlagen für die Anerkennung der Gewerkschaft HBV durch die anderen Gewerkschaften und den DGB und verschaffte seiner jungen Organisation Ansehen auch bei den Arbeitgeberverbänden.

    Dabei verleugnete er nie, woher er gekommen ist, und blieb der schlichte und einfache Mensch, als den ihn alle kannten und schätzten.

    Sein unermüdlicher Einsatz blieb nicht ohne Folgen auf seine Gesundheit. Im Oktober 1960 musste er sich auf den Rat seiner Ärzte aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit zurückziehen. Der stellvertretende Vorsitzende Arthur Killat übernahm die Geschäfte des Vorsitzenden bis zum Gewerkschaftstag 1961. Wilhelm Pawlik kandidierte nicht mehr und ging noch im selben Jahr in den Ruhestand. Das Richtfest für das erste eigene Gebäude der HBV-Hauptverwaltung in Düsseldorf im Januar 1962 war auch seine Abschiedsfeier.

    Wilhelm Pawlik starb am 9. Januar 1968. Die Trauerfeier fand am 15. Januar in Essen statt unter großer Anteilnahme der Essener Bevölkerung und Vertreter all der Organisationen, für die er so lange und mit ganzer Kraft gearbeitet hatte.