Gründungsgewerkschaften

    Verschmelzungs-Gewerkschaftstag am 3. und 4. September 1949 in …

    Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen: Lernt Siegen!

    Verschmelzungs-Gewerkschaftstag am 3. und 4. September 1949 in Königswinter

    Am 27. Juli 1948 hatte Hans Böckler, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds der britischen Besatzungszone (BBZ), einen wichtigen Auftrag für seinen alten Freund und Kollegen Wilhelm Pawlik, den Vorsitzenden des DGB-Ortsausschusses in Essen: "Du musst uns helfen, eine neue Gewerkschaft zu schaffen - die HBV". Pawlik nahm die Aufgabe an, die neue Organisation im Bereich Handel, Banken, Versicherungen und Wirtschaftsdienste in der britischen Besatzungszone aufzubauen, und führte ein Jahr später Verhandlungen zur Bildung einer  bundesweiten HBV. Am 3. und 4. September 1949 gründen drei Gewerkschaften im Bereich Handel, Banken und Versicherungen aus den drei Besatzungszonen Westdeutschlands die Gewerkschaft HBV für das Bundesgebiet.

    Gewerkschaftsbeirat der HBV ver.di-Archiv Gewerkschaftsbeirat der HBV auf der Sitzung am 1. und 2. November 1950 in Königswinter; 1. Reihe in der Mitte Wilhelm Pawlik, links neben ihm Wilhelm Hensel

    Wie war es zu diesem Auftrag an Wilhelm Pawlik gekommen? Wieso bildete der DGB (BBZ) eine neue Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV)?

    Verstehen lässt sich diese Entwicklung nur aus der Geschichte der deutschen Gewerkschaften seit 1945. Fast überall waren regionale Gewerkschaften nach den Prinzipien der Einheitsgewerkschaft und der Industriegewerkschaft gegründet worden. Aber es entwickelten sich auch eigene Organisationen der Angestellten im DGB, so war z. B. die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) Mitglied im DGB (BBZ). Zahlreiche Auseinandersetzungen um Organisationsbereiche und Mitgliederzuständigkeiten waren die Folge. Die Versuche, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, scheiterten. Schließlich beschloss der DGB der BBZ im Juli 1948 die Gründung einer neuen Gewerkschaft für den Organisationsbereich, der ursprünglich der DAG zugedacht gewesen war.

    Wilhelm Pawlik sagte 1949 auf dem Gewerkschaftstag der HBV der britischen Zone dazu:

    "Im Gegensatz zu anderen Gewerkschaften, die nach 1945 gebildet wurden und die irgendwie eine Wurzel hatten in Gewerkschaften, die vor 1933 bestanden, hatten wir als Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen diese Wurzel nicht. Wir konnten nicht als Nachfolgegewerkschaft irgendeiner früher bestehenden Organisation betrachtet werden. Unsere Gründung erfolgte durch einen Beschluß des Bundesvorstandes bzw. Bundesbeirates des DGB. Zugleich mit diesem Beschluß wurden wir mit einem Organisationsgebiet ausgestattet, das Handel, Banken und Versicherungen umfaßte. Auf die Vorgänge, die zur Gründung unserer Gewerkschaft führten, brauche ich nicht mehr einzugehen, sie sind bekannt; wie auch das Verhalten der DAG bekannt ist, die diese Entwicklung ausgelöst hat. Zugleich mit der Gründung wurde ich vom Bundesvorstand mit dem Aufbau der neuen Gewerkschaft beauftragt."

    Quelle: Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen : Protokoll Gewerkschaftstag der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen am 2. September 1949 in Königswinter (britische Zone), S. 9

    DGB-Beschluss ver.di-Archiv Beschluss des DGB (BBZ) zur Gründung der HBV; Protokoll der Sitzung des Bundesvorstands des DGB (BBZ) vom 20./21. Juli 1948

    Bereits eine Woche nach dem Beschluss des DGB (BBZ)vom 20. und 21. Juli 1949, eine neue Gewerkschaft HBV zu gründen, hatte Hans Böckler mit Wilhelm Pawlik den richtigen Mann für den Aufbau der Organisation gefunden. Der DGB wählte ihn als Vorsitzenden der HBV in den Gesamtbundesvorstand und unterstützte die neue Gewerkschaft finanziell, organisatorisch und politisch.

    Die Arbeit war nicht leicht, viele Angestellte waren verunsichert. Die meisten hatten sich schon lange entweder einer Industriegewerkschaft angeschlossen oder der DAG. Sie jetzt davon zu überzeugen, dass sie in eine völlig neue Organisation, ohne Tradition, ohne Vergangenheit, ohne die alten Kollegen, übertreten sollen, war schwer. Viele hofften auch immer noch auf einen Platz für die DAG im Deutschen Gewerkschaftsbund.

    Trotz aller Probleme konnte Wilhelm Pawlik Mitstreiter gewinnen; die neue Gewerkschaft HBV wuchs langsam, aber stetig an. Schließlich waren es im Sommer 1949 fast 22 000 Mitglieder in der HBV der BBZ. Doch immer noch arbeitete die Gewerkschaft nicht auf der Grundlage einer von den Mitgliedern beschlossenen Satzung; es hatte bis dahin auch keinen Gründungskongress gegeben.

    Erst am 2. September 1949 kamen die Delegierten der HBV (BBZ) zu ihrem ersten und zugleich letzten Gewerkschafts- bzw. Verbandstag in Königswinter zusammen. Ihre Gewerkschaft musste formell gegründet werden, damit die HBV der Bundesrepublik gebildet werden konnte. Sie hatten starke Bedenken, die Wilhelm Hensel aus Düsseldorf klar benannte:

    "Ich bin beauftagt worden, energisch Protest gegen die Art und Weise der Einberufung des Verbandstages zu erheben. Der Verbandstag wurde, ohne gewerkschaftliche und demokratische Prinzipien zu beachten, ganz plötzlich einberufen. Die Mitgliedschaft hatte nicht die Gelegenheit, zu der Frage Stellung zu nehmen. Sie war nicht in der Lage, die Delegierten zu entsenden, die sie für geeignet hielt. (...) Nur weil morgen unser Verschmelzungstag ist, haben wir davon Abstand genommen, den Antrag zu stellen, daß dieser Verbandstag aufgehoben werden soll."

    Quelle: Protokoll HBV-Gewerkschaftstag (brit. Zone) 2. September 1949, S. 8

    Wilhelm Pawlik antwortete mit Verständnis und der Bitte um Berücksichtigung der außergewöhnlichen Situation der HBV:

    "Die Bedenken, die von einigen Kollegen hier vorgetragen wurden, wären durchschlagend, wenn es sich um eine Gewerkschaft handelte, die ihren Aufbau bereits abgeschlossen hätte. Aber soweit sind wir leider noch nicht. (...) Wir haben bis heute im wesentlichen improvisiert und vieles, was wir tun mußten, ist nur aus diesem gewissen Zwang zu verstehen.

    Es bestand ein Zwang, den Gewerkschaftstag für heute einzuberufen, weil der Termin für den trizonalen Gewerkschaftstag dazu nötigte, und der Termin für den Verschmelzungsgewerkschaftstag wiederum abhing von dem in der nächsten Woche stattfindenden Gewerkschaftskongreß des DGB der britischen Zone."

    Quelle: Protokoll HBV-Gewerkschaftstag (brit. Zone) 2. September 1949, S. 9

    Die Delegierten sahen diese Notwendigkeit ebenso und fassten alle Beschlüsse, die für die Bildung der neuen, bundesweiten HBV notwendig waren.

    Drei Gewerkschaften sind es, die auf dem Verschmelzungs-Gewerkschaftstag am 3. und 4. September 1949 gemeinsam die neue, bundesweite Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) gründen: 

    • Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen der BBZ (18 Delegierte),
    • Landesgewerkschaft Handel und verwandte Gewerbe,  Hessen, (12 Delegierte) und
    • Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen,  Rheinland-Pfalz, (6 Delegierte).