Gründungsgewerkschaften

    Vereinigungs-Verbandstag in Stuttgart vom 28. bis 30. Januar …

    Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr: Stark im Willen - Einig im Vollbringen

    Vereinigungs-Verbandstag in Stuttgart vom 28. bis 30. Januar 1949

    Kaum war der Zweite Weltkrieg beendet, begannen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sich wieder neu zu organisieren - auch in den Wirtschaftsbereichen öffentliche Dienste, Transport und Verkehr. Schrittweise, wie es von den westlichen Besatzungsmächten vorgeschrieben war, immer das Ziel einer starken Gewerkschaft für diese Bereiche vor Augen. Ende Januar 1949 war es endlich so weit: 272 von regionalen Gewerkschaften entsandte Kolleginnen und Kollegen kamen nach Stuttgart ins Straßenbahner-Waldheim, um die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, ÖTV, zu gründen.

    Straßenbahner-Waldheim in Stuttgart Ende Januar 1949 ver.di-Archiv Sonnenstrahlen erhellen den Versammlungsraum: das Straßenbahner-Waldheim in Stuttgart Ende Januar 1949

    Die Zeichen an der Wand hinter dem Rednerpult machten es deutlich: Hier sollte eine Brücke geschlagen werden von der Vergangenheit in die Zukunft.

    Links oben, von den Delegierten aus gesehen, die Buchstaben "ÖTV", Abkürzung für die neu zu gründende Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr.  Rechts oben das Logo des Gesamtverbandes, "GV", der Vorgängerorganisation, die am 2. Mai 1933 von den Nazis zerschlagen worden war. Zwischen diesen beiden das Motto des Vereinigungs-Verbandstages "Stark im Willen - Einig im Vollbringen!"

    Dies hatten die Delegierten ständig vor Augen, als sie daran gingen, die Weichen für die neue Organisation zu stellen.

    Vier Gewerkschaften und Verbände wollten sich zu einer neuen, starken Organisation zusammenschließen: 

    • aus Bayern die Gewerkschaft öffentliche Betriebe und Verwaltungen mit 110 000 Mitgliedern

    • aus Hessen die Gewerkschaft öffentliche Verwaltung und Betriebe mit 65 000 Mitgliedern

    • aus Württemberg-Baden der Gesamtverband des Personals öffentlicher Dienste und und des Verkehrs mit 73 000 Mitgliedern und

    • aus der britischen Zone die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr mit 400 000 Mitgliedern.

    Stuttgarter Zeitung vom 29. Januar 1949 ver.di-Archiv Stuttgarter Zeitung vom 29. Januar 1949

    Auch Delegierte der Verbände aus der französischen Besatzungszone nehmen am Verbandstag teil, können ihre Mandate für etwa 50 000 Mitglieder aber nicht wahrnehmen: die französische Militärregierung hat es ihnen noch am Tage zuvor verboten. Der Vereinigungs-Verbandstag jedoch beschließt, die Willenskundgebungen der in der französischen Zone gewählten 26 Delegierten so zu werten, als ob sie vollberechtigte Teilnehmer seien. Bereits wenige Monate später, am 7. Mai 1949, können die Verbände aus der französischen Zone sich der Gewerkschaft ÖTV auf ihrer Sitzung in Überlingen anschließen.

    29 Vertreter ausländischer Bruderorganisationen aus Europa und den USA waren zum Vereinigungs-Verbandstag nach Stuttgart gekommen. Von besonderer Bedeutung war die Teilnahme von englischen und amerikanischen Kollegen der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) und der Internationale der Öffentlichen Dienste (IÖD).  Seit der Zerschlagung der freien deutschen Gewerkschaften hatten diese internationalen Organisationen ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen wo irgend möglich unterstützt. Bereits 1946 hatten sie beschlossen, dass die deutschen Gewerkschaften wieder in die internationalen Gewerkschaftsorganisationen aufgenommen werden sollten, sobald es solche demokratische Organisationen in Deutschland gäbe.

    Zunächst geht es um Zweck und Ziel des Zusammenschlusses zur Gewerkschaft ÖTV. Georg Huber, der Vorsitzende des Gesamtverbandes des Personals der öffentlichen Dienste und des Verkehrs von Württemberg-Baden, betont in seinem Referat:

    Plakat "Ein Betrieb - eine Gewerkschaft" ver.di-Archiv Ein Betrieb - eine Gewerkschaft

    "Beim Wiederaufbau unserer heutigen Gewerkschaften ist man von anderen Voraussetzungen ausgegangen, als dies vor 1933 der Fall war. Man hat jetzt das Industrieorganisationsprinzip in den Vordergrund gestellt. Dieses Prinzip hat im öffentlichen Dienst, Transport und Verkehr wesentliche Organisationsveränderungen gegenüber früher mit sich gebracht. An die Stelle der Vielzahl früherer Organisationen und Vereinigungen, die im öffentlichen Dienst vorhanden waren, ist eine Einheitsorganisation getreten. Eine Einheitsorganisation, die alle Arbeiter, Angestellten und Beamten umfassen wird, ist nun im Werden, die zweifellos einen großen Einfluss auf Staat und Wirtschaft ausüben wird."

    Der Appell an Arbeiter, Angestellte und Beamte, in einer Organisation solidarisch für ihre gemeinsamen Ziele einzutreten, wird sich wie ein roter Faden durch die Reden und Diskussionsbeiträge des Vereinigungs-Verbandstages ziehen.

    Sein Referat schließt Georg Huber mit dem Aufruf: "Schafft eine mächtige und einheitliche Gewerkschaftsbewegung als Grundlage einer Kampforganisation für eine bessere Zukunft!"