• © Zentrum für Berliner Studien, Sig. B 184/119

    BONA PEISER

     

    Text Frauke Mahrt-Thomsen,
    gelesen von Anne Helm

    geselsen von Dr. Rena Haßelmann

    DIE ERSTE DEUTSCHE BIBLIOTHEKARIN

    Bona Peiser wird am 26. April 1864 als Tochter einer jüdischen Verlagsbuchhändler-Familie in Berlin geboren. Ab 1875 wohnt sie in der Luisenstadt, im nordwestlichen Kreuzberg.

    Sie gehört 1892 zu den MitbegründerInnen der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur (DGEK) – einer Vereinigung, die sich besonders für die junge Bücher- und Lesehallenbewegung in Deutschland einsetzt. Bald darauf geht sie für einen längeren Studienaufenthalt nach England, um in den dort viel weiter entwickelten Public Libraries bibliothekarisches Fachwissen zu erwerben.

    1895 beginnt Bona Peiser mit ihrer Tätigkeit in der Bibliothek des Kaufmännischen und gewerblichen Hilfsvereins für weibliche Angestellte (VWA) und – im Auftrag der DGEK – in der Ersten öffentlichen Lesehalle zu Berlin. Sie ist damit die erste Frau in Deutschland, die hauptberuflich als Bibliothekarin arbeitet. Ihr Beispiel eröffnet Frauen den Zugang zu einem Berufsfeld, das ihnen bisher verschlossen war, und zu neuen, eigenständigen Lebensperspektiven.

    Die von Bona Peiser geleiteten Bibliotheken werden zu begehrten Ausbildungsstätten für viele Frauen, die ab 1900 den Beruf einer Bibliothekarin ergreifen wollen. Ihre Bibliotheken befinden sich ab 1908/09 in unmittelbarer Nähe: die Lesehalle in der Rungestraße 25–27, die VWA-Bibliothek in der Köpenicker Straße 74.

    Bona Peisers vorbereitendes Wirken führt 1907 zur Gründung der ersten organisierten Interessenvertretung von Bibliothekarinnen: der Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen. 1920 wird sie Mitglied im Vorstand des gemischtgeschlechtlichen Nachfolgeverbands. Sie engagiert sich bis zu ihrem Lebensende für qualifizierte Aus- und Weiterbildung und die soziale und demokratische Ausrichtung der Bibliotheksarbeit.

    Die Verbände, für die Bona Peiser tätig ist, schließen sich dem DGB der Weimarer Republik an und sind damit auch Vorläufer der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

    Nach längerer Krankheit stirbt Bona Peiser am 17. März 1929. Sie wird auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee beerdigt.

    THE FIRST FEMALE LIBRARIAN IN GERMANY

    Bona Peiser was born in Berlin on April 26, 1864 into a Jewish bookselling and publishing family.

    In 1892 she co-founded the German Society for Ethical Culture (DGEK), one of the most active civic proponents of the young public library movement in Germany. Soon after, she went to England to study librarianship in that country’s more advanced public library system.

    In 1895 she began to work for the first public reading room founded by the DGEK in Berlin and in the library of the Association of Women Employees (VWA).

    This made her the first professional female librarian in Germany, and after 1900 her libraries (located from 1908/09 nearby: the reading room at 25 Rungestraße and the VWA-library at 74 Köpenicker Straße) developed into important training places for many women who wished to become public librarians.

    Bona Peiser died on March 17, 1929, and was buried in the Weissensee Jewish cemetery.

    Lesehalle der DGEK

    Männer sitzen auf Stühlen vor Tischen und lesen Zeitung
    © in: Spreeathener, Berlin 1914

    "Bona Peiser. Die erste deutsche Bibliothekarin"

    „Bona Peiser wird am 26.4.1864 als Tochter des Verlagsbuchhändlers Wolf Peiser und seiner Frau Rosalia in Berlin geboren. Weil es noch keine staatlichen Standesämter im Deutschen Reich gibt und eine Eintragung in die christlichen Kirchenbücher nicht in Frage kommt, wird ihre Geburt im Juden- und Dissidentenregister  verzeichnet: “Laut Verhandlung vom 27.4.1864 … ist die Ehefrau des zur Religionsgesellschaft der Juden gehörenden Buchhändlers Wolff Peiser hierselbst Rosalia geborene Gottheil am sechsundzwanzigsten April Achtzehnhundert vier und sechzig um zehn Uhr Abends von einem Kinde weiblichen Geschlechts, welches den Vornamen Bona erhalten hat, entbunden worden. Eingetragen, Berlin am siebenundzwanzigsten April Achtzehnhindert vier und sechzig.“ Deutlich ist die mit Standartfloskeln vorgenommene Kennzeichnung des Vaters: er hat nicht nur einen anderen Glauben, sondern gehört zu einer anderen Religionsgesellschaft. (…)

    Wolf Peiser wohnt …1859, zum Zeitpunkt der Heirat, seit mindestens 6 Jahren in Berlin, vielleicht auch schon länger, denn in das Berliner Adressbuch wird nur aufgenommen, wer das ausdrücklich beantragt. 1856 besitzt er bereits ein eigenes Geschäft und als er sich mit seiner Buchhandlung genügend etabliert hat, sucht er sich für die Familiengründung eine Frau aus der alten Heimat. (…) Nachdem er Anfang 1866 seine Buchhandlung verkauft und am 1.2.1866 den Wolf Peiser Verlag gegründet hat, kauft er am 14.2.1866 von dem Seifenhändler Tesch das Haus Auguststraße73. (…) Nur fünf Jahre nach dem Umzug in die Auguststraße stirbt Wolf Peiser. (…)

    In den nächsten Jahren findet Rosalia Peiser einen neuen, auch für das Verlagsgeschäft geeigneten Partner, den Buchhändler Gotthold Kaliski. (…) Im folgenden Jahr, am 20. September 1875 erwirbt Gotthold Kaliski für 147000 Mark das Haus Brandenburgstraße 11 (heute: Lobeckstraße) in der Luisenstadt, einem aufstrebenden Wohn- und Gewerbegebiet im Süden der Reichshauptstadt. In dem Haus Brandenburgstraße 11, zwischen Moritz- und Wassertorstraße gelegen, nur zwei Blocks entfernt vom umtriebigen Moritzplatz, wird Bona Peiser bis zum Ende ihres Lebens wohnen.“

    Während ihres ganzen Berufslebens arbeitet Bona Peiser  ab 1895 mit gleichem Einsatz als  erste hauptberufliche  Bibliothekarin in Deutschland für zwei Bibliotheken: für die Erste Öffentliche Lesehalle zu Berlin, gegründet von der Deutschen Gesellschaft  für Ethische Kultur, und für die Bibliothek des Kaufmännischen und gewerblichen Hilfsvereins für weibliche Angestellte, später abgekürzt VWA (Verband weiblicher Angestellter).

    Zu ihrem 25jährigen Dienstjubiläum im Jahre 1920 veröffentlicht die Bibliothekarin Martha Schwenke die nachfolgende Würdigung der Leistungen Bona Peisers als Pionierin des gemeinsamen Berufsstands:

    „Die Seniorin unseres Berufs, Fräulein Bona Peiser, feiert am 1.Januar 1920 ihr 25jähriges Dienstjubiläum als Leiterin der Oeffentlichen  Lesehalle der Deutschen Gesellschaft  für Ethische Kultur. Als erste Frau im Bibliotheksfach hat Fräulein Peiser bahnbrechend gewirkt, und es ist ganz besonders ihrer anerkannt hervorragenden Berufstätigkeit zu verdanken, daß sich den Frauen dieses Arbeitsfeld erschloß. Fräulein Peiser war die erste, die das Buch- und Leserkarten-Ausleisystem in Deutschland einsetzte. Zahlreiche Schülerinnen verdanken ihr ihre Ausbildung und alle nahem von dieser Lehrzeit einen Gewinn für das Leben mit.

    Aus den zwanglosen monatlichen Zusammenkünften, die sie im Frauenklub 1900 veranstaltete, entstand später unsere Berufsvereinigung. Die Vereinigung bibliothekarisch arbeitender Frauen wünscht noch lange Jahre segensreiche Tätigkeit.“

    Auszüge aus
    Frauke Mahrt-Thomsen, Bona Peiser, Die erste deutsche Bibliothekarin, Wegbereiterin der Bücher- und Lesehallen-Bewegung und der Frauenarbeit in Bibliotheken, BibSpider-Verlag, 273 Seiten, Berlin  2013, ISBN 978-3-936960-56-3

    Bona Peiser Bibliothekarin
    © BibSpider

     

    Gelesen von Anne Helm

    Nachruf Bona Peiser

    Nachruf Bona Peiser
    © VWA

     

    Die Handels- und Büroangestellte, hrsg. vom Verband der weiblichen Handels- und Büroangestellten, Berlin, April 1929
                                Bona Peiser

         Vierunddreißig Jahre hat Fräulein Bona Peiser die Bücherei des VWA, des Verbandes weiblicher Angestellter, verwaltet. Sie war eine Bibliothekarin von hervorragendem Wissen, vielen tausend Leserinnen eine feinsinnige Beraterin, die wirksame Vertreterin des „Guten Buches“. Bona Peiser hat 34 Jahre ihres Lebens mit Hingabe und Treue dem VWA, und damit der Sache der weiblichen Angestellten gedient. Sie hat auch außerhalb ihres fachlichen Pfichtenkreises an den Aufgaben des Verbandes unermüdlich und anregend mitgearbeitet, insbesondere in der Ortsgruppe Berlin, deren Vorstandsmitglied sie jahrzehntelang gewesen ist. Ihr Lebenswerk ist eine große soziale Tat.
         Am 17. März 1929 ist unsere liebe Mitarbeiterin und Kollegin Bona Peiser, nahezu 65 Jahre alt, rasch in die Ewigkeit abgerufen worden. In Dankbarkeit und Verehrung gedenken wir der Heimgegangenen. Ihr Beispiel der Hingabe und Treue an eine kulturpolitische und soziale Aufgabe wird allen, die sie kannten, Ansporn zur guten Tat bleiben.
         Das Andenken von Bona Peiser bleibt in Ehren.
    Der Hauptausschuß und Hauptvorstand des VWA
    Der Vorstand der Ortsgruppe Berlin im VWA