Idee & Tradition

    Unsere Geschichte(n)

    Unsere Geschichte(n)

    Gewerkschaft: Geschichte und Geschichten Grafik: ver.di Demokratie

    Der Beginn: Not macht kämpferisch

    Die Gewerkschaftsbewegung entwickelte sich mit der Industrialisierung. Eine Arbeitszeit von 13 Stunden pro Tag und mehr war bis Mitte des 19. Jahrhunderts normal – ohne auch nur einen Tag Urlaub. Die Beschäftigten waren zudem völlig rechtlos der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Es gab auch keine Lohnfortzahlung bei Krankheit, von Arbeitslosengeld oder Rente ganz zu schweigen. Und der Lohn reichte nicht, um eine Familie zu ernähren. Die schiere Not war täglicher Gast in den armseligen Unterkünften der Arbeiterfamilien. Es waren Facharbeiter, die als erste erkannten, dass sie nur durch Zusammenhalt und Solidarität eine Kraft bilden können, die stark genug ist, ihre Situation zu verbessern. So formulierten die Buchdrucker während der Revolutionszeit 1848 erstmals einen Katalog von Forderungen zur Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Die Revolution scheiterte, aber die Idee war in der Welt. Schließlich gelang es den Buchdruckern 1873, diese Forderungen im „Reichstarifvertrag der Buchdrucker“ umzusetzen - dem ersten reichsweiten Vertrag überhaupt. Knapp 20 Jahre später schlossen sich auch ungelernte Arbeitskräfte zu Gewerkschaften zusammen, die sich dann bis zum Ersten Weltkrieg 1914 zu Massenorganisationen entwickelten.

    3 Säulen: Arbeiter, Angestellte, Beamte ver.di Drei-Säulen-Modell

    Vom Überwinden der Kragenlinie

    Ein Drei-Säulen-Modell bündelt in der Weimarer Republik sozialdemokratisch orientierter Verbände der Arbeiter, Angestellten und Beamten. Mit ihrem gemeinsamen Aufruf zum Generalstreik gegen den Kapp-Putsch im März 1920 signalisierten die Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), Carl Legien, und des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund), Siegfried Aufhäuser, eine gewerkschaftspolitische „Entente cordiale“ – ein herzliches Einvernehmen zur Verteidigung der Demokratie in Deutschland. Die Gemeinsamkeit blieb keine Eintagsfliege. Am 12. April 1921 schlossen ADGB und AfA-Bund einen Organisationsvertrag zum „Zusammenwirken in allen gewerkschaftlichen, sozial- und wirtschaftspolitischen Angelegenheiten.“ Diesem Duo schloss sich 1923 der Allgemeine Deutsche Beamtenbund (ADB) an, sodass ein Organisationsvertrag über alle drei Spitzenorganisationen hinweg vereinbart wurde. Das Dreier-Bündnis, das zwar Arbeiter, Angestellte und Beamte einte, aber keine Vorstufe zu einem zentralisierten Dachverband sein wollte, hielt bis 1933. Die Entstehung dieses „Drei-Säulen-Modells“ beleuchtet die Organisationspolitik der Gewerkschaften zu Beginn der Weimarer Republik. Für die Akteure war es eine Gratwanderung zwischen Abgrenzung und Kooperation, genährt von einer Portion Kompromissbereitschaft in einer politisch turbulenten Zeit.

    Ein starkes Bündnis - AfA-Bund vor 100 Jahren gegründet

    Der 3. Oktober ist ein historisches Datum – auch für die Angestelltenbewegung. An diesem Tag wird im Jahre 1921 der AfA-Bund gegründet. Elf Angestelltenverbände schließen sich zusammen. Ein Markstein auf dem Weg zu einer starken Gewerkschaftsbewegung der Angestellten.

    Der frühe Weg: schlimme Zeiten

    Von Anfang an waren Gewerkschaften immer beides: Selbsthilfeverband und Kampforganisation. Um die Gewerkschaftsmitglieder gegen die Wechselfälle des Lebens zu schützen, wurde aus den Mitgliedsbeiträgen Krankengeld, später auch Arbeitslosenunterstützung und Sterbegeld ausgezahlt. Bei Arbeitskämpfen wurde Streikgeld gezahlt. Gewerkschaftsarbeit war ein zäher, schließlich aber erfolgreicher Kampf. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten verbesserten sich nachhaltig. Dabei wechselten sich jedoch Fortschritt und Rückschläge ab, und Errungenschaften mussten nicht selten immer wieder verteidigt oder neu erkämpft werden. Viele Gewerkschafter/innen nahmen dabei hohe persönliche Risiken auf sich, bezahlten ihr Engagement mit Arbeitslosigkeit, wurden ins Gefängnis gesteckt oder sogar umgebracht. Am stärksten litten die Gewerkschafter/innen unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten. Ihre Organisationen wurden am 2. Mai 1933 zerschlagen, und viele derer, die die Idee der freien demokratischen Gewerkschaftsbewegung am Leben erhalten wollten, wurden verfolgt, in Lager gesperrt und ermordet.

    Gewerkschaft heute: Offen und deshalb stark und frei

    Nach „Drittem Reich“ und Zweitem Weltkrieg haben wir uns sofort wieder gegründet - in guter Tradition und optimierter Organisation. Heute gibt es in Deutschland die Einheitsgewerkschaft, was bedeutet, dass uns alle Beschäftigten ungeachtet ihrer Weltanschauung, Religion, Herkunft oder bevorzugten Partei willkommen sind. Ein gutes Prinzip, denn im Namen aller lässt sich am wirkungsvollsten verhandeln und notfalls kämpfen. Diese Einigkeit macht uns stark und als politisch unabhängige Organisation auch frei, die Interessen der Beschäftigten gegenüber jeder Regierung zu vertreten.

    Kontakt ver.di Archiv:
    Dr. Hartmut Simon - archiv@verdi.de