Berichte

    Mit voller Kraft

    Die Amazon-Beschäftigten ziehen das durch

    Leipzig, 24. September 2015 | Es war die bisher größte Delegation auf dem ver.di-Bundeskongress. Ein Bus voll Amazon-Beschäftigten aus fast allen Amazon-Standorten in Deutschland ist heute am frühen Nachmittag direkt von einer Streikversammlung am Leipziger Versandhandelszentrum zum Messegelände gekommen und mit wehenden Fahnen und lauten Sprechchören ins Plenum gezogen. Seit zweieinhalb Jahren ist der Kampf der Amazon-Beschäftigten um einen Tarifvertrag eine sogenannte Chefsache bei ver.di. Da ist es das Mindeste, diejenigen, die unmittelbar an der Basis alles daran setzen, endlich tarifgebunden zu sein, auch vor den Delegierten aller ver.di-Mitglieder sprechen zu lassen.


    Amazon darf nicht Schule machen

    Christian, Vertrauensmann aus Leipzig, Christian aus Bad Hersfeld, der die Online-Petition „Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter/innen fair, Jeff Bezos!“ gestartet hatte, und Silvia, Vertrauensfrau aus Graben, haben für alle gesprochen. Und sie haben deutlich gemacht, dass sie erst Ruhe geben werden, wenn sie den Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels haben. Sie wollen nicht, dass Amazon Schule macht, mit modernster Technik seine Versandzentren ausstatte, aber auf der anderen Seite seine Beschäftigten teils wie im 19. Jahrhundert behandle.

    Christian, ver.di-Vertrauensmann bei Amazon Leipzig, am Rednerpult Foto: Kay Herschelmann Christian, ver.di-Vertrauensmann bei Amazon Leipzig, am Rednerpult


    Erreicht haben sie tatsächlich schon einiges, die mittlerweile bundesweit bis zu 3.000 Streikenden. Weihnachtsgeld, wenn auch nur ein kleines, und Lohnerhöhungen, auch wenn die noch weit von ihrer Forderung entfernt sind, vor allem auch der nach Mitbestimmung. Europaweit vernetzen sich die Amazon-Beschäftigten, darüber hinaus ist ein Band mit den Beschäftigten in den USA geknüpft. Weil die Arbeitsbedingungen allerorts auf die eine oder andere Art überhaupt nicht in Ordnung sind.

    Dass Amazon der Druck seiner Mitarbeiter/innen zunehmend nervt, zeigt der neuerliche Versuch, ver.di gerichtlich zu untersagen, die Beschäftigten auf dem Betriebsgelände über Streiks zu informieren. Doch die Arbeitsgerichte Pforzheim und Koblenz wiesen die Amazon-Klagen ab, die sich dagegen gerichtet hatten, dass ver.di-Mitglieder Flugblätter an ihre Kolleginnen und Kollegen verteilen und diese ansprechen. „Die Gerichts-Entscheidungen sind ein voller Erfolg für ver.di und bestätigen unser Streikrecht grundsätzlich“, sagte Stefanie Nutzenberger vom ver.di-Bundesvorstand. „Wir haben dadurch Zugang zu den Streikbetrieben und können Kolleginnen und Kollegen darüber informieren, warum wir zum Streik bei Amazon aufrufen – nämlich zur Durchsetzung ihrer elementaren Rechte.“

    Diese seien in einem Tarifvertrag festzuschreiben, der ihnen existenzsichernde Löhne und gute Arbeitsbedingungen sichere. Amazon hingegen diktiere willkürlich die Arbeitsbedingungen: „Die Beschäftigten gehen kaputt an dem System von Leistungsdruck und Kontrolle. Wir werden diese wesentliche Auseinandersetzung daher mit aller Kraft weiter führen“, so Nutzenberger. Und auch auf dem Bundeskongress blieb kein Zweifel: Die Amazon-Beschäftigten ziehen das durch. Vorerst streiken sie noch bis zum 26. September an fünf Standorten. Aber nach dem Streik ist auch hier wieder nur vor dem nächsten Streik.