Sind Tarifverträge nicht unnötige Bürokratie?

    Du findest Tarifverträge kompliziert, veraltet und langweilig? Zugegeben: kompliziert können sie manchmal schon sein, aber „veraltet und langweilig“ sind sie sicher nicht – sie regeln nämlich den beruflichen Alltag tausender Beschäftigter. Tag für Tag und weit über das Gehalt hinaus.

    Tarifverträge schützen und verändern die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten zum Positiven. Das Hauptinteresse von Unternehmen ist nun mal seit jeher die Gewinnmaximierung – und dabei rückt die faire Behandlung der Beschäftigten häufig in den Hintergrund. Außerdem stellen Tarifverträge sicher, dass alle für die gleiche gute Arbeit die gleiche gute Bezahlung bekommen.

    Schaden Tarifverträge den Arbeitgebern?

    Nein. Tarifverträge wurden von Gewerkschaften hart erkämpft, aber das Prinzip der Tarifpartnerschaft hat sich auch für die Arbeitgeber bewährt. Auch die Arbeitgeber profitieren von verlässlichen Kalkulationsgrundlagen für die Gehälter sowie von einheitlichen Rahmenbedingungen bei Arbeits- und Urlaubszeiten. In Gewerkschaften haben die Arbeitgeber auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen verlässlichen Ansprechpartner,der bei der Lösungsfindung hilft und mit den Beschäftigten das Unternehmen in sichere Fahrwasser bringt.

    Gewerk-
    schaften

    sind ein verlässlicher

    Partner der
    Arbeitgeber

    50%

    durch Tarifverträge

    geschützt

    Warum sind Tarifverträge dann nicht selbstverständlich?

    Leider sehen nicht alle Arbeitgeber die gemeinsamen Vorteile. Auch wenn es gute Gründe für Tarifverträge gibt, sind sie längst nicht mehr überall selbstverständlich. Waren 1995 noch etwa 80 Prozent der Beschäftigten von Tarifverträgen geschützt, so sind es heute nur noch etwas mehr als 50 Prozent. Und dieser Abwärtstrend setzt sich leider fort.

    Vor allem Arbeitgeber, deren Geschäftsmodell auf Lohndumping fußt, haben kein Interesse an Tarifverträgen. Denn faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen kosten natürlich Geld und erfordern Organisationsaufwand. Immer mehr Arbeitgeber kündigen die bestehenden Tarifverträge und versuchen mit „kreativen“ Arbeitsverträgen auf dem Rücken der Beschäftigten Kosten zu sparen. Und: In vielen neuen Dienstleistungsbereichen, etwa in der Callcenter-Branche, schließen sich Unternehmen bewusst erst gar nicht zu Verbänden zusammen. Damit fehlt den Gewerkschaften der Ansprechpartner für branchenweite Tarifverhandlungen – auch das geht zu Lasten der Beschäftigten, weil dann, wenn auch mit Hilfe der Gewerkschaften, für jeden Betrieb einzeln verhandelt werden muss.

    Ein weiterer Grund für den Abwärtstrend bei der Tarifbindung ist, dass viele kleinere und mittelständische Unternehmen glauben, Tarifverträge seien unflexibel. Hier müssen wir, die Arbeitnehmervertreter*innen und Betriebsrät*innen in den Betrieben, noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Denn häufig lassen Tarifverträge Spielräume für flexible betriebsspezifische Lösungen. Sie bieten vor allem einen guten Rahmen, den Beschäftigte und Arbeitgeber individuell ausfüllen können.

    Was passiert, wenn immer weniger Beschäftigte durch Tarifverträge abgesichert sind?

    Gerade in Berufen, die nicht von Fachkräftemangel betroffen sind, wie Paketzusteller/innen oder Angestellte im Einzelhandel, sind die Arbeitsbedingungen oft katastrophal.

    Am Beispiel EDEKA: eine Genossenschaft, in der einzelne Händler und Märkte eigenständig agieren und Gehälter und Konditionen ganz unterschiedlich verhandeln. Hier bekommen die Angestellten für die gleiche Arbeit unterschiedliche Gehälter.

    Am Beispiel METRO: Der Handelsriese lagerte 2018 seine Tochter, die Supermarktkette Real, in einen kleineren Arbeitgeberverband aus und schloss Verträge mit der ver.di-Konkurrenzgewerkschaft DHV, die der Metro Geschäftsführung sehr nah stand. Die Folgen: 23 Prozent weniger Geld und längere Arbeitszeiten für Neueingestellte.

    Am Beispiel Rossmann, REWE und PENNY: Diese Märkte lassen die Regale von Mitarbeitern eines Subunternehmens einräumen – zu äußerst fragwürdigen Bedingungen, mit Druck, Drill und Überwachung. Entsprechend hoch ist die Mitarbeiter-Fluktuation – „Hire and fire“ in Reinkultur. Wie soll man sich da eine Existenz und Zukunft aufbauen?

    Auch deshalb sind Tarifverträge wichtig: Sie bieten den Beschäftigten nicht nur direkt einen Zugewinn an Einkommen, sondern auch Schutz vor unrechtmäßigen Kündigungen, Arbeitgeber-Willkür bei Arbeitsbedingungen und Bezahlung und damit perspektivisch auch vor Altersarmut.