Rente stärken

    Das lautstarke Gezeter interessierter Kreise

    Die alten Märchen

    Kolumne

    Mächtig gewaltig hatte sich die „Initiative Neue Soziale Marktwirt­schaft“ (INSM) nach kleiner Sendepause in der Öffentlichkeit zurückgemeldet: Mit einem „Aktionstag vor dem Bundeskanzleramt“ traute sie sich am 29. August 2018 tapfer ins Berliner Zentrum der Macht und protestierte mit einem roten Banner gegen die Rentenpolitik der Bundesregierung. Mitbekommen hat das – vielleicht neben einer Handvoll Passant*innen – allerdings nur, wer die Propaganda der INSM-GmbH per Twitter verfolgt. Der eindrucksvoll bebilderte Tweet: „Heute beschließt hier die #GroKo ihr #Rentenpaket. Wir protestieren und sagen: ‚Keine Rentenversprechen auf Kosten unserer Kinder.‘“ Neben den zwei (sic!) Demonstranten mit gleichlautender Bannerparole sind – sehr bedeutungsschwanger – ein niedliches Kinderfahrrädchen mit dem riesigen „Rentenpaket“ auf dem winzigen Gepäckträgerchen zu sehen. Kinder sind ganz wichtig bei der INSM. Auch in einem Tweet vom 21. Dezember 2018 werden die Kurzen in die Argumentationsschale des Social Media-Dienstes geworfen: „Wenn #Deutschland ein produktives und ein politisch stabiles Land bleibt, dann gibt es keinen überzeugenden Grund, warum es unseren Kindern schlechter gehen sollte“, wird Prof. Dr. Georg Cremer, ehemaliger Generalsekretär des Caritasverbandes zitiert.

    Jonglagen mit Milliarden und Billionen

    Wie seit Jahrzehnten schiebt die „advokatorische Denkfabrik“ der Metall- und Elektro-Unternehmerschaft „unsere“ Kinder und Enkel vor mit dem alten Märchen von den schweren Lasten, die die Jüngeren zu übernehmen haben zugunsten einer heutigen Rentner­generation, der es so blendend geht wie keiner anderen zuvor – mit ihrer durchschnittlichen Nettoaltersrente vor Steuern (2016) in Höhe von 857 Euro! Das seit Jahrzehnten bekannte lautstarke Gezeter interessierter Kreise, sobald sich beim Thema Rente geringfügige Verbesserungen am Horizont abzeichnen, hatte schon Monate zuvor eingesetzt: Unter der Überschrift „Rentenpläne der Koalition sind unbezahlbar" warnten die stets einschlägig besorgten Fachjournalist*innen Marc Beise und Henrike Roßbach in einer süddeutschen Qualitätszeitung vor „enormen Kosten“. Das hätten staatlich „anerkannte Renten­forscher“ ausgerechnet – ob per Daumenpeilung oder Dreisatz am Taschenrechner, ließen sie offen.

    Solcherlei Jonglagen mit den Milliarden und Billionen zur Verwirrung des Publikums haben ohnehin an Wirkmächtigkeit eingebüßt. Die „Menschen im Lande“, die vieles nicht mehr glauben, erkennen auch hinter noch so niedlichen Kinderfahrrädchen die Absicht und sind verstimmt. Das Institut Civey fragte im vergangenen Herbst: „Sollte das Rentenniveau weiter sinken, damit die Beiträge zur Rentenversicherung nicht zu hoch werden?“ „Nein, auf keinen Fall“, antworteten 52,4 Prozent, „eher nein“ sagten weitere 25,5 Prozent. Die INSM droht auf ihrer Website weiterhin unverdrossen: „Nach der Rente mit 63 und der Mütterrente in der vergangenen Legislaturperiode plant die Große Koalition auch für diese Legislatur weitere Mehrausgaben in der Rente. Ob doppelte Haltelinie, Mütterrente oder Grundrente: Die Maßnahmen werden die kommenden Generationen teuer zu stehen kommen.“ Es ist wieder Märchenstunde.

    Text: Henrik Müller

    Gemeinsam sind wir stark – für eine Kehrtwende in der Rentenpolitik Foto: Colourbox.com Gemeinsam sind wir stark