Recht & Datenschutz

    Logistikfirma PLT bekommt BigBrotherAward 2017

    Negativpreise für Datenkraken und Totalüberwachung verliehen

    5. Mai 2017 | Beschäftigte minutiös und metergenau überwachen? Das geht gar nicht. Für ihren PLT Personal-Tracker, der so etwas möglich macht, hat die Firma PLT Planung für Logistik & Transport GmbH den BigBrotherAward 2017 in der Kategorie Arbeitswelt bekommen. Das Gerät zeigt Arbeitgebern in Echtzeit, wo sich Zeitungsausträger/innen oder Briefzusteller/innen befinden und wie schnell sie sich bewegen. In der Begründung der Jury heißt es: „Diese Totalkontrolle ist menschenunwürdig und sinnlos.“

    Negativpreise für Datenkraken Illustration Krake: Heiko Sakurai Die BigBrotherAwards 2017 wurden verliehen  – Negativpreise für Datenkraken


    Der Preis sei schon deshalb besonders verdient, weil die Firma in ihrer Werbung eine echte „Fake News“ verbreite, in der sie den Eindruck erweckt, die minutengenaue Überwachung sei als Dokumentation für den Mindestlohn notwendig, sagte Jury-Mitglied Peter Wedde, Frankfurt University of Applied Sciences, in der Laudatio. Von einer Verpflichtung zur minutengenauen Überwachung der Arbeitszeit sei hingegen im Mindestlohngesetz ebenso wenig die Rede wie von einem Recht der Arbeitgeber, den genauen Standort von Beschäftigten permanent zu erfassen, so Wedde. Ein Stundenzettel, wie er seit Jahrzehnten ausgefüllt werde, reiche.

    Zudem verbiete in den allermeisten Fällen die arbeits- und datenrechtliche Situation eine permanente und metergenaue elektronische Totalüberwachung des Standorts und der Bewegungen von Beschäftigten. Firmen, wie PLT verdienten am Kontrollwahn von Arbeitgebern. Wedde schlug vor, die Firmenchefs sollten es mal mit Vertrauen und Wertschätzung probieren und zusammen mit den Beschäftigten die Routenführungen optimieren, das werde sich positiv auswirken, ganz ohne Zusatzkosten.

    Der Big Brother Award prämiert alljährlich Datensünder in Wirtschaft, Politik und weiteren Kategorien. Er wird vom Verein Digitalcourage (vormals FoeBud e.V.) verliehen. Der Verein setzt sich seit 1987 für Grundrechte und Datenschutz ein. Die Preisverleihung fand erneut in Bielefeld statt. Die Negativpreise für die schlimmsten Datenkraken und Überwachungspraktiken werden bislang in 19 Ländern verliehen.

    Kategorien Wirtschaft und Politik

    Der deutsche IT-Branchenverband Bitkom hat einen Negativpreis in der Kategorie Wirtschaft erhalten – für sein unkritisches Promoten von Big Data, seine penetrante Lobbyarbeit gegen Datenschutz und weil er de facto eine Tarnorganisation großer US-Konzerne sei, die bei Bitkom das Sagen hätten, so die Begründung. Bitkom propagiere Datensouveränität, doch der sei wie „magischer Feenstaub, Bitkom stäube ihn großzügig wie Puder über unsere kritische Wahrnehmung. „Wusch – weg sind die Persönlichkeitsrechte. Plopp – da sind die Daten als Wirtschaftsware“, sagte Rena Tanges von Digitalcourage in der Laudatio.

    Die türkisch-islamische Union DITIB hat den Negativpreis in der Kategorie Politik erhalten. In der Begründung heißt es, die Imame hätten ihre Mitglieder und Besucher für türkische Behörden und für den Geheimdienst MIT politisch ausspioniert, denunziert und sie so der Verfolgung durch türkisch-staatliche Stellen ausgeliefert. Dieser Award sei deshalb etwas Besonders, sagte Thilo Weichert, Deutsche Vereinigung für Datenschutz, Netzwerk Datenschutzexpertise, weil er sich nicht wie gewohnt gegen eine Datenkrake richte, sondern es um handfestes Bespitzeln gehe, um das Ausnutzen menschlicher Kontakte von Angesicht zu Angesicht, und das im Rahmen einer religiösen Gemeinschaft.

    Weitere Kategorien

    Negativpreise wurden außerdem vergeben:

    • In der Kategorie Bildung an die Technische Universität München und die Ludwig Maximilians Universität München für die Kooperation mit dem Online-Kurs-Anbieter Coursera, der Daten über den Lernerfolg von Studierenden sammelt und sich offenhält, den Datenschatz wirtschaftlich zu nutzen.
    • In der Kategorie Behörden an die Bundeswehr und die Bundesministerin für Verteidigung, Ursula von der Leyen, für die massive digitale Aufrüstung der Bundeswehr mit dem neuen „Kommando Cyber- und Informationsraum“. Die digitale Kampftruppe wolle die Bundeswehr fit machen für den Cyberkrieg, mit (geplant) fast 14.000 Dienstkräften, mit eigenem Wappen, Verbandsabzeichen und Fahne – selbst ein eigener Cyber-Marsch sei schon konzipiert worden. Die Bundrepublik beteilige sich mit dieser Militarisierung des Internets am globalen Cyber-Wettrüsten.
    • Und in der Kategorie Verbraucherschutz an die Firma Prudsys AG, weil sie eine Software anbietet, die Preisdiskriminierung möglich macht. Die Software legt einen Preis fest, je nachdem, was sie über den jeweiligen Kunden herausfinden kann. Im Ergebnis zahlen dann zwei Menschen unterschiedliche Preise für die gleiche Ware. Das Ziel der Algorithmen und Strategien ist es, den Händlern zu ermöglichen, den höchstmöglichen Preis für ein- und dasselbe Produkt zu erlangen. Sind die Daten ausspioniert, wird die Ware im Endeffekt teurer statt günstiger.

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    Marion Lühring

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