Politik & Wirtschaft

    Amazon geht uns alle an

    Amazon-Beschäftigte vereint

    Berlin, 24. April 2018 | 50 Jahre 68er-Revolte, 5 Jahre Arbeitskampf bei Amazon – was hat das miteinander zu tun? Eine ganze Menge, wie einige hundert Amazon-Beschäftigte aus Deutschland, Polen, Italien und Spanien an diesem 24. April vor dem Axel-Springer-Verlag an der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg demonstrieren. Vor 50 Jahren skandierte die Apo, die außerparlamentarische Opposition: „Der Hauptschuldige sitzt in der Kochstraße“, wie die Rudi-Dutschke-Straße damals noch hieß. Die revoltierenden Studierenden machten Springer und sein Boulevard-Flaggschiff, die BILD-Zeitung, für den Schuss auf den Studentenführer Dutschke verantwortlich. Heute sitzen gleich zwei Schuldige in dem Verlagshaus. Wieder ist es der Verlag, der sich schuldig macht, weil er den diesjährigen Axel-Springer-Award an den Amazon-Chef Jeff Bezos verleiht. Mit dem Award ehrt das Medienhaus „herausragende Persönlichkeiten, die außergewöhnlich innovativ sind, neue Märkte schaffen und Märkte verändern, Kultur formen und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen“, heißt es bei Springer. Und der andere Schuldige ist der Ausgezeichnete selbst, Jeff Bezos, der seine Beschäftigten weltweit seit Jahren um ihre tatsächlichen Verdienste bringt.

    „Es kann nicht sein, dass der reichste Mann der Welt eine Auszeichnung bekommt, aber seine Beschäftigten keinen Tarifvertrag.“

    Cornelia Gesang, Amazon-Beschäftigte aus Bad Hersfeld

    Die hunderten Amazonier und ihre Unterstützer/innen machen einen ohrenbetäubenden Lärm. In der gesperrten Axel-Springer-Straße, die die kurze Seite des Verlagshauses begrenzt, haben sich die deutschen Amazon-Beschäftigen formiert. Sie grölen, pfeifen, empfangen lautstark den nur etwas kleineren Demonstrationszug aus Amazon-Beschäftigten aus Polen, Spanien, Italien und aus Unterstützer/innen verschiedener linker Gruppierungen. Auch Cornelia Gesang bläst durchdringend in ihre flache Pfeife. Mit rund 100 Kolleg/innen ist sie heute vom Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld gekommen. Sechs Stunden sind sie unterwegs gewesen. Aber das war nötig: „Es kann nicht sein, dass der reichste Mann der Welt eine Auszeichnung bekommt, aber seine Beschäftigten keinen Tarifvertrag.“ Seit fünf Jahren fordern die Amazon-Beschäftigten einen, im April 2013, vor fünf Jahren, haben sie dafür zum ersten Mal gestreikt. „Und dann sagt er auch noch im Internet, dass er überhaupt nicht weiß, wohin mit seinem ganzen Geld!“ Cornelia Gesang, die seit zehn Jahren für Jeff Bezos arbeitet ist einfach nur empört. Eine kaputte Bandscheibe hat sie ihm auch schon zu verdanken.

    Gesamtvermögen von 112 Milliarden US-Dollar

    Jens Brumma, der seit 8 Jahren bei Amazon in Bad Hersfeld arbeitet, hat seinen Chef als goldene Pappfigur mitgebracht, die immer von vier Leuten wie eine Heiligenfigur auf einer Prozession herumgetragen wird. „Wir haben Jeff Bezos ja quasi durch unsere Arbeit vergoldet. Wir haben ihn zum reichsten Mann der Welt gemacht“, sagt er. Tatsächlich teilte das US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ im März mit, dass der Amazon-Gründer mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 112 Milliarden US-Dollar derzeit der reichste Mensch der Welt ist. Im Vergleich zum Vorjahr steigerte er sein Vermögen um mehr als 39 Milliarden Dollar. Melanie Opfer, seit 17 Jahren in Bad Hersfeld bei Amazon, fragt: „Wir machen ihn reich, und das ist der Dank dafür?“ Sie ist alleinstehend und kommt oft nicht mit dem Geld hin. Sie fragt sich, wie das Familien mit Kindern schaffen, von so einem Lohn zu leben. „Bevor wir angefangen haben zu streiken, hatte es sechs Jahre lang keine Lohnerhöhungen gegeben. Und seither wirft er uns nur Leckerlis vor. Aber wir wollen einen Tarifvertrag mit Weihnachts- und Urlaubsgeld.“

    Seit einer Woche sind die Amazon-Beschäftigten noch aufgebrachter, weil Bezos ihnen nun auch noch die Aktien streicht, die sie sonst einmal im Jahr zum Lohn dazu bekommen haben. Zuletzt waren es Aktien im Wert von 950 Euro. „Die Aktie war ein wichtiger Bestandteil unseres Lohns“, sagt Jens Brumma. „Wir haben davon Rechnungen, Versicherungen oder eine Reparatur bezahlt.“ Doch jetzt sollen sie mit einem der nächsten Gehälter nur noch den Wert einer halben Aktie bekommen. Da bleibt dann netto kaum noch etwas für die Extra-Ausgaben übrig.

    „Hallo? Hallo? Wo sind wir denn hier?“

    Zwei Stunden lang heizen die Amazonier Jeff Bezos, der oben im Springer-Haus geehrt wird, von unten ein. Von der Rednerbühne aus hält ver.di-Sekretär Thomas Gürlebeck aus Augsburg die Stimmung am Kochen, lässt erst mal die Beschäftigten zu Wort kommen, dann erst die anderen, die schon auf der Bühne warten, darunter auch den ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske. Und der redet sich in Rage: „Hallo? Hallo? Wo sind wir denn hier?“, brüllt er, als wolle er den Amazon-Boss vors Haus holen. Dem gehe es einzig und allein darum, Profite zu machen. Aber „was hat das mit gesellschaftlicher Verantwortung oder Kultur zu tun?“, fragt Bsirske in Anspielung auf die Auszeichnung. „Was ist das für ein Regime, das Inaktivitätsprotokolle führt? Zweimal inaktiv in fünf Minuten, wurde einem Amazon-Beschäftigten vorgehalten. Ist das die Kultur der Zukunft? Nein, und deshalb stehen wir hier. Dass, was wir bei Amazon erleben, das ist Kulturkampf!“ Ruhe werde es erst geben, wenn es Tarifverträge gibt, an allen Amazon-Standorten, überall in der Welt.

    Über der „brennBar“ in der Axel-Springer-Straße verfolgen einige junge Leute interessiert die Protestveranstaltung. Ein spanischer Amazon-Beschäftigter fordert auf der Bühne einen Streik in ganz Europa. Bei ihnen hätten sich am 21. März beim ersten Streik 95 Prozent der Beschäftigten beteiligt. „Aber ein Amazon-Lager allein richtet nichts aus gegen den Giganten.“ Ein Pole berichtet, dass sie im produktivsten Amazon-Lager Europas arbeiten, aber die niedrigsten Löhne in Europa bekämen. Nur ein Viertel von dem, was die Kolleg/innen in Deutschland bekommen. „In Polen wird so ein Ort, in dem wir arbeiten, Arbeitslager genannt“, sagt der Amazon-Beschäftigte aus Poznan.

    „We will win!“

    Am Ende sind sich alle einig, dass Amazon alle angeht. Alle Amazon-Beschäftigten weltweit, aber auch alle Amazon-Kunden, die Gesellschaft und die Politik. Andrea Nahles, die neu gewählte Vorsitzende der SPD, wird zwar mächtig ausgepfiffen, schnell noch ein Plakat für sie gemalt mit der Aufschrift: „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!“. Aber sie spricht trotzdem, kurz, verschafft sich Gehör: „Jeff Bezos verdient keinen Preis, Jeff Bezos verdient eine Ansage.“ Sie fordere deshalb eine Digitalsteuer, die alle Internetplattformen zu Steuern verpflichte.

    1968 lauteten die Parolen „Enteignet Springer!“ und „Leute, macht die Fackeln aus, die brauchen wir fürs Springer-Haus“. Die Amazon-Beschäftigten bleiben friedlich. Nur der goldenen Bezos-Figur von Jens Brumma werden symbolisch ein paar reingehauen. Alle rufen in mehreren Sprachen: „Auch wenn Jeff Bezos es nicht mag, wir wollen den Tarifvertrag!“ „Schnall nicht den Gürtel enger, mach eine Faust!“ Und siegesgewiss: „We will win, wir werden gewinnen!“ Melanie Opfer und die anderen Amazon-Beschäftigten haben alle noch eine lange Rückreise vor sich. Mit dem Axel-Springer-Verlag sind sie fertig, mit Jeff Bezos noch lange nicht. „Wir halten das ewig durch“, sagt Melanie.

    Text: Petra Welzel

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