Politik & Wirtschaft

    Aufräumen nach der Flutkatastrophe

    Flutkatastrophe: Jede Hand wird gebraucht

    Aufräumen und Helfen ist nach der Flutkatastrophe die Devise dpa-Bildfunk Groß sind die Schäden durch das Hochwasser auch in Erftstadt (NRW)

    25.08.2021  +++ Update +++ 

    Vor einem Monat hat der ver.di-Bundesvorstand beschlossen, vom Hochwasser Betroffene finanziell zu unterstützen. Jetzt, einen Monat später, hat er eine erste Bilanz gezogen. Bislang wurde 405.000 Euro ausgezahlt, damit wurde in 325 Fällten geholfen. Weit überwiegend leben diese ver.di-Mitglieder in Nordrhein-Westfalen und in Rheinland-Pfalz. Noch bis zum 31. Oktober können betroffene ver.di-Mitglieder in ihren ver.di-Geschäftsstellen diese finanzielle Unterstützung beantragen, sie beträgt je nach Schadenshöhe einmalig bis zu 1.500 Euro. 

    Auch der Verein „Gewerkschaften helfen“ hat eine erste Bilanz gezogen. Bis Anfang August sind auf dem gemeinsamen Spendenkonto der DGB-Gewerkschaften (siehe unten) bereits mehr als 900.000 Euro eingegangen. 

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    22.07.2021 – Viele Gebiete in Deutschland wurden in diesem Sommer von Wassermassen überrascht. Der ver.di-Bundesvorstand hat beschlossen, dass betroffene ver.di-Mitglieder eine finanzielle Soforthilfe erhalten. Sie sollen sich an die für sie zuständigen ver.di-Bezirke wenden. Nähere Infos gibt es hier.

    Zudem haben die DGB-Gewerkschaften über den Verein „Gewerkschaften helfen!" ein Spendenkonto eingerichtet. Unter dem Verwendungszweck Fluthilfe 2021 können Spenden eingezahlt werden, die dann den Opfern der Flutkatastrophe zugute kommen: 

    • Gewerkschaften helfen!
      Nord LB
      IBAN: DE55 2505 0000 0152 0114 90
      BIC: NOLADE2HXXX

    Vor Ort muss derzeit erst einmal aufgeräumt werden. Einige Kolleg*innen berichten von ihrem Einsatz in den betroffenen Gebieten:

    „Jeder hat gesehen, was zu tun ist“

    Solingen-Burg – Ein Bild ist Werner Böhler besonders im Gedächtnis geblieben. Als er mit seinen Kollegen der Technischen Betriebe Solingen (TBS) mit schwerem Gerät zum Aufräumen in den besonders stark vom Hochwasser betroffenen Stadtteil Burg gefahren ist, begegnete er einer älteren Frau. Sie stand vor den zusammengeräumten Resten ihrer Existenz, sagte „Das liegt mein ganzes Leben.“ In letzter Sekunde hatte sie sich schwimmend aus ihrem Haus retten können. Keine Papiere hat sie mitnehmen können, keine Bilder, immerhin war ihr ihr Leben geblieben. „Wie kann man diese Menschen trösten?“, fragt Böhler. Er hat die ihm unbekannte Frau erst mal in den Arm genommen.

    Die Mitarbeiter*innen des Technischen Betriebs Solingen (TBS) helfen mit bei den Aufräumarbeiten privat Mit einem 26-Tonner macht sich Werner Böhler an Aufräumarbeiten in Solingen-Burg

    Mit einem 26-Tonner mit Recyclingkran ist Werner Böhler in den betroffenen Gebieten unterwegs, transportiert mit seinen TBS-Kollegen die Überreste der Schäden ab. „Reifen, Sperrmüll, Waschmaschinen“, stapelten sich da, berichtet er, jeden Tag wieder aufs Neue. Aber auch entwurzelte Bäume haben sie beiseite geräumt. Auch am Wochenende haben sie weitergemacht, freiwillig, aber es sei selbstverständlich zu helfen, wo es nur geht.

    Ohnehin sei die Hilfsbereitschaft groß. Am Wochenende seien über 300 Freiwillige nach Burg gekommen und wollten mit anpacken: „Jeder hat halt gesehen, was zu tun ist.“ 

    „Ich hätte nicht gedacht, dass Leute so hilfsbereit sind“

    Sinzig – In der Nacht, als das Wasser kam, klingelte es bei Michael Klein. Vor der Tür stand seine Tochter mitsamt ihrer Familie, alle noch im Schlafanzug. Starkregen hatte die Ahr und ihre Nebenflüsse innerhalb von kürzester Zeit weit über die Ufer treten lassen, diese Wassermassen hatten das Haus der vierköpfigen Familie geflutet – und zahlreiche andere Gebäude, nicht nur hier in Sinzig.

    Und damit nicht genug, auch das Haus von Michael Klein wurde im Laufe der Nacht noch evakuiert, beide Familien fanden Unterschlupf bei Kleins Schwiegermutter. Da das Haus jedoch von einer Überschwemmung verschont blieb, konnten sie schnell dorthin zurückkehren. Eine Aussicht, bald wieder im eigenen Haus wohnen zu können, besteht für die Tochter und ihre Familie nicht. Zu groß sind die Schäden, der Bungalow stand bis 2,20 Meter unter Wasser. Das Wichtigste sei aber, dass alle unverletzt geblieben sind. In der Kleinstadt sind auch mehrere Tote zu beklagen.

    Mittlerweile ist das Wasser zurückgegangen, in Sinzig wird aufgeräumt. „Ich hätte nicht gedacht, dass Leute so hilfsbereit sind“, sagt Michael Klein. Die Hilfe sei „überwältigend“. Der Personalratsvorsitzende der Stadtverwaltung arbeitet als Hausmeister in einer Grundschule. An diesem Gebäude seien die Schäden überschaubar, zum Glück haben zwei Tage nach der Flut auch gleich die Sommerferien begonnen. Klein geht davon aus, dass die Schäden bis zum Schulbeginn Ende August behoben sind.

    Derzeit bereitet er mit Kollegen die Turnhalle für das Technische Hilfswerk vor, mit einer Feldküche wird eine Infrastruktur für die Helfenden geschaffen. Das Trio arbeitet derzeit in Schichten rund um die Uhr. „Wir bräuchten jetzt etwas Ruhe“, sagt Klein. Doch bis die Region zur Ruhe kommt, wird noch viel Zeit vergehen.

    „Man fühlt sich ohnmächtig“

    Solingen – Am Mittwoch, als die Flut kam, wurde Nathalie Nellessen in die Koordinierungsgruppe des Krisenstabs der Stadt Solingen gerufen. Schnell war ihr klar, dass auch das Haus einer Freundin betroffen sein wird. Es steht nur sechs, sieben Meter von der Wupper entfernt, in einem ausgewiesenen Überflutungsgebiet.

    „Den Opfern der Flutkatastrophe, den Familien, die Angehörige verloren haben, und denjenigen, deren Hab und Gut vom Wasser zerstört wurde, gilt unsere Solidarität und Anteilnahme."

    Frank Werneke, ver.di-Vorsitzender

    Die Freundin hat die Auswirkungen des Hochwassers ohne äußere Verletzungen überstanden und ist bei ihrer Tochter untergekommen. Doch bis Nathalie Nellessen darüber Gewissheit hatte, sind einige Stunden vergangen. „Man fühlt sich ohnmächtig“, sagt die Arbeitsberaterin im Jobcenter, die auch Mitglied des Personalrats der Stadt Solingen ist. Man könne einfach nichts machen.

    Das Hochwasser sei an sich nicht überraschend gekommen. Bereits in den beiden Tagen zuvor wurde über die App Nina vor Unwettern gewarnt. Ein Regenrückhaltebecken in der Nähe ihres Wohnhauses sei vollgelaufen, die zahlreichen kleinen Flüsse im Stadtgebiet stark angeschwollen. „Aber dass es dann so schnell und heftig kommt, damit hat keiner gerechnet“, sagt Nathalie Nellessen.

    Für ihre Freundin gibt es zumindest auch positive Nachrichten. Nach Aussagen eines befreundeten Statikers ist das Haus nicht einsturzgefährdet, allerdings hat das Erdgeschoss unter Wasser gestanden, den Zugang zum Haus haben die Fluten mitgerissen. Jetzt müsse erst mal geklärt werden, wie das Finanzielle aussehe, was Versicherungen übernehmen, nicht nur bei ihrer Freundin, bei allen Betroffenen. Und dann brauche man entsprechende Handwerksbetriebe, die alles wieder aufbauen. Denn auch wenn jetzt viele zum Helfen in die betroffenen Regionen kommen, hat Nathalie Nellessen Angst, dass die Hilfe irgendwann nachlässt.

    (Dieser Bericht kann noch ergänzt werden. Wer noch von seinem*ihrem Einsatz vor Ort berichten möchte, gleich ob beruflich oder ehrenamtlich bedingt oder ob es spontan dazu gekommen ist, kann sich gerne melden bei heike.langenberg@verdi.de)

    Text: Heike Langenberg

    Die Unwetter der vergangenen Tage haben insbesondere in der Eifel zu schweren Verwüstungen geführt. dpa-Bildfunk Aufräumarbeiten nach der schweren Flut, hier in Ahrweiler

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