Politik & Wirtschaft

    „Womöglich schafft es die Kunst“

    Kunst und Prekariat gehören immer noch zusammen

    Interview

    Anja, Du wurdest auf dem ver.di-Kongress im vergangenen September als Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di bestätigt. Was ist Deine grundsätzliche Aufgabe?

    Anja Bossen | Ich stehe ganz klar für eine Stärkung von ver.di als Kunst- und Kulturgewerkschaft. Ich will auch für die Kunstfachgruppen in ihrer Spezifik tätig sein, mich um die berechtigten Belange von Schriftsteller*innen, Bildenden Künstler*nnen, Theaterleuten oder Musiklehrer*innen kümmern. Aber ich bin die Kulturbeauftragte von ver.di – also die aller Mitglieder.

    Anja Bossen, seit September 2019 die Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di Foto: Christian von Polentz Anja Bossen, seit September 2019 die Kunst- und Kulturbeauftragte von ver.di


    Eine festgezurrte Stellenbeschreibung für Deine Funktion gibt es gar nicht?

    Bossen | Nein. Ich finde es aber gerade gut, dass man dieses Amt sehr persönlich ausgestalten und eigene Schwerpunkte setzen kann.

    Wo siehst Du solche Schwerpunkte?

    Bossen | Das allerwichtigste ist für mich, ver.di als Kunst- und Kulturgewerkschaft noch viel bekannter zu machen. Wenn es um ver.di geht, sieht man in den Medien Streikende in ver.di-Westen mit Trillerpfeifen und Gewerkschafter bei Tarifverhandlungen. Was man öffentlich nicht sieht, sind künstlerische Aktionen. Das meine ich unter dem Stichwort „Kunst als Waffe“. Sollten wir künstlerische Ausdrucksformen nicht viel mehr einbeziehen in unsere alltägliche gewerkschaftliche Arbeit? Vielleicht in den Betrieben sogar, da, wo Menschen mit Worten sonst schwer zu erreichen sind. Womöglich schafft es die Kunst.

    Du möchtest auch fast vergessene gewerkschaftlich-kulturelle Traditionen wiederbeleben?

    Bossen | Ja, zum Beispiel aus den 1920er Jahren oder die der 68er mit „Kultur für alle“. Damals war Kunst auch Politik. Daran sollte man wieder anknüpfen.

    „Wir müssen einfach neue Allianzen schmieden und bestehende ausbauen.“

    Da bekämen die Kunstfachgruppen in ver.di eine recht übergreifende Aufgabe hinzu?

    Bossen | Die Kunstfachgruppen sind wichtige kleine Einheiten in ver.di, die sehr auf Eigenständigkeit schauen. Aber sie haben durchaus Schnittpunkte mit anderen Fachbereichen, auch mit Personengruppen in ver.di. Ich könnte mir sinnvolle Netzwerke vorstellen mit den Frauen oder mit den Migrant*innen, mit der Jugend oder den Mitgliedern aus dem Bildungsbereich. Wir müssen einfach neue Allianzen schmieden und bestehende ausbauen.

    Zum Beispiel?

    Bossen | Wir sollten uns sowohl innerhalb als auch außerhalb von ver.di solidarisieren und Interessen bündeln. Das geht. Im Dezember 2019 schloss sich etwa der Kulturbereich mit den Selbstständigen kurz, um gemeinsam den Umgang mit einem Antrag der FDP-Bundestagsfraktion zu beraten. Die FDP erklärt dort das Normalarbeitsverhältnis für nicht mehr zeitgemäß und möchte stattdessen mehr Menschen für die Selbstständigkeit als Form maximaler Selbstbestimmung begeistern. Nicht mehr die Art der Arbeit, sondern der Wunsch der Ausführenden würde künftig über den jeweiligen Status bestimmen – in der Tat ein Abschied vom Normalarbeitsverhältnis. Auch nach außen sollten wir unsere Kooperationen verstärken. In anderen Organisationen wie dem DGB oder der Evangelischen Kirche gibt es Kulturbeauftragte, mit denen wir gemeinsame Veranstaltungen oder Aktionen planen könnten.

    Welche Unterstützung wünschst Du Dir in ver.di?

    Bossen | Von den ehrenamtlichen Mitstreitern in ver.di wünsche ich mir, dass sie ihre Funktionen ernst nehmen, ihre Wahlfunktionen mit großem Einsatz ausfüllen. Ich kenne die Crux, gewerkschaftliches Engagement mit beruflichen Anforderungen unter einen Hut zu bringen, das wird ja auch für mich selber weiter gelten. Und ich finde es gut, dass das Ehrenamt in ver.di einen so hohen Stellenwert einnimmt, doch erwächst daraus eine hohe Verpflichtung für die Einzelnen. Von den Hauptamtlichen wünsche ich mir, dass sie sich als meine wirklichen Mitstreiterinnen und Mitstreiter verstehen. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, wenn das Gesamtgefüge stimmt, können wir etwas erreichen.

    „Kunst und Prekariat gehen leider noch immer allzu sehr zusammen.“

    Wie sieht es diesbezüglich mit den Lebensverhältnissen von Künstlerinnen und Künstlern aus?

    Bossen | Kunst und Prekariat gehen leider noch immer allzu sehr zusammen. Obwohl ich jetzt selber über 20 Jahre gewerkschaftlich engagiert bin und es kleine Fortschritte durchaus gegeben hat, bleibt viel zu tun, die soziale Situation von Künstler*innen zu verbessern. Anderes kommt hinzu: Die Erhaltung der kulturellen Vielfalt zum Beispiel, Digitalisierung, Urheberrecht, soziale Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden, das sind alles wichtige Themen. Sie voranzubringen, bildet eine ganz schöne Herkulesaufgabe.

    Du willst insgesamt mehr in die Gesellschaft hineinwirken. Wie soll das gehen?

    Bossen | Ich denke, dass die Zeiten, in denen es reichte, Podiumsdiskussionen oder Ausstellungen zu veranstalten, vorbei sind. Interesse und Durchsetzungsmacht erzielen wir so kaum mehr. Wir brauchen neue Strategien, mit denen wir mehr öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen und mehr Gehör für unsere Belange finden können. Wir brauchen neue Veranstaltungsformate, die mehr emotionale Zugänge zu unseren Themen sichern, und Referent*innen, die auch jüngere Menschen begeistern. ver.di steht für ein menschenwürdiges Leben und Arbeiten, für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität, kulturelle Vielfalt und die Anerkennung von Diversity. Mit unseren Aktivitäten müssen wir aber nicht diejenigen überzeugen, die diese Werte bereits leben – vielmehr gilt es, diejenigen zu überzeugen, die an dem politischen Kurs, den unser Land eingeschlagen hat, zumindest zweifeln und überhaupt noch offen für Diskussionen sind. Oder diejenigen, die unsere Einstellungen teilen, aber Angst haben, aktiv zu werden. Und wir sollten auch konkret etwas anzubieten haben für Künstler*innen, die persönlich rechtsextremistischen Bedrohungen ausgeliefert sind.

    Interview: Helma Nehrlich

    Dr. Anja Bossen, Jahrgang 1964, ist Instrumentalpädagogin und unterrichtete an Berliner Musikschulen und an der Musikschule in ihrem jetzigen Heimatort Frankfurt/Oder Querflöte. 2009 promovierte sie im Bereich Sprachförderung mit Musik. Zu diesem Thema publizierte sie auch und war fortan in der Lehrerfortbildung tätig, sodass sie ihre Musikschultätigkeit reduzierte und später beendete. Bis 2013 leitete sie ein Modellprojekt „Sprachförderung mit Musik und Bewegung“ im Auftrag des Berliner Senats. Ab 2012 hatte sie einen Lehrauftrag für Musikpädagogik an der Universität Potsdam, ein Jahr später erhielt sie dort eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ende 2017 übernahm sie eine Vertretungsprofessur, die im Frühjahr 2020 endet.

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