Tarifnews

    70 Jahre Billigflaggenkampagne

    Baltic Week: Gegen Sozialdumping an Bord von „Billigflaggen“-Schiffen

    Berlin, 7. September 2018 | Auch in diesem Jahr hat die Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF) wieder eine Woche lang gemeinsam mit ver.di Aktionen zum Schutz und zur Verbesserung von Lohn- und Arbeitsbedingungen der Seeleute an Bord von Seeschiffen organisiert. Die sogenannte „Baltic Week“ steht in der Tradition einer europaweiten Kampagne gegen Sozialdumping an Bord von „Billigflaggen“-Schiffen. Die Aktionswoche findet vom 3. bis zum 7. September 2018 in Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven, Bremen, Lübeck, Wismar und Rostock statt. Traditionell werden im Rahmen der Baltic Week Schiffsinspektionen ehrenamtlich von Seeleuten und Hafenbeschäftigten gemeinsam durchgeführt. In diesem Jahr wurden die Aktionen zusätzlich auch von einigen Bundestagsabgeordneten begleitet.

    ITF-Kontrolleure gehen an Bord Foto: ITF Ein ITF-Team geht zur Inspektion an Bord eines Billigflaggenschiffes


    Sechs neue Tarifverträge abgeschlossen

    Die ITF-Inspektoren deckten dabei unter anderem den Verstoß gegen gültige Tarifverträge auf, und stellten unter- oder unbezahlte Überstunden, falsch eingetragene Arbeitszeiten und fehlerhafte Arbeitsverträge fest. Ein Cadet, der mehr als 12 Monate und ohne Urlaubstage an Bord war, durfte mit Hilfe der Inspektoren die Heimkehr antreten. „Als besonders erfolgreich können wir in diesem Jahr die Abschlüsse von insgesamt sechs neuen Tarifverträgen verzeichnen, die nun über hundert weitere Seeleute vertraglich absichern sowie die Auszahlung ausstehender Heuern an fünf ukrainische Seeleute in Höhe von 1.550 US-Dollar“, sagte die Leiterin der ITF-Billigflaggenkampagne Maya Schwiegershausen-Güth nach Abschluss der Aktionswoche.

    Die Billigflaggenkampagne wurde 1948 durch die ITF ins Leben gerufen. Seitdem erstreiten Hafenarbeiter gemeinsam mit Seeleuten ITF-konforme Tarifverträge auf Seeschiffen. „Es ist bedauerlich, dass es auch nach 70 Jahren harter Kampagnenarbeit immer noch deutsche und internationale Reeder gibt, die sich auf Kosten von Sozialstandards und Lohnbedingungen der Seeleute Wettbewerbsvorteile verschaffen, zum Beispiel über Billigflaggen wie Liberia und Malta“, so ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Mit dem Abschluss von ITF-konformen Tarifverträgen trage ver.di aktiv dazu bei, die Arbeitsbedingungen auf Seeschiffen unter deutscher Eigentümerschaft zu verbessern. Grundlegend hierfür sei die Billigflaggenkampagne.

    Die seit 70 Jahren gelebte internationale Solidarität sei einzigartig in der Arbeitswelt. Hierdurch sei beispielsweise erreicht worden, dass das für Hafenarbeiterinnen und Hafenarbeiter so wichtige Thema Laschen, das Festzurren der Ladung an Bord eines Schiffes, in einigen Landesparlamenten endlich auf der Tagesordnung stehe. Eine entsprechende Anpassung der Hafenverordnungen sei zwingend notwendig. In Zeiten von Automatisierung und Digitalisierung werde sich ver.di für einen Ausbau der bisherigen Aktivitäten und eine Vernetzung auch auf andere Branchen entlang der Lieferkette einsetzen. 

    Kampagne #DigitalMussSozial

    ver.di hat im Mai 2018 die Kampagne #DigitalMussSozial gestartet. Mit der Kampagne wollen die Hafen-Beschäftigten den Druck auf Arbeitgeber und Politik erhöhen, um die bestehenden Arbeitsverhältnisse und Qualifikationen abzusichern und die Zukunft der Arbeitsplätze in Häfen zu gestalten, da sich die gesamte Branche durch die zunehmende Digitalisierung stark verändere und zu einem Umbruch führe. „Dabei geht es nicht um die Verhinderung von Technologie, sondern darum, dass Automatisierung und Digitalisierung nicht ohne Tarifvertrag stattfinden darf", sagte Christine Behle zum Start der Kampagne. Noch in diesem Jahr soll es zum Abschluss des ersten „Tarifvertrages Zukunft“ kommen, der den Umgang und die Folgen der fortschreitenden Automatisierung für die Beschäftigten in der Hafenwirtschaft sozial und mitbestimmt angeht.