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    Niedriglohn bleibt für die allermeisten Beschäftigten eine Sackgasse

    Niedriglohn bleibt für die allermeisten Beschäftigten eine Sackgasse

    Demonstration vor dem Kanzleramt Foto: Ulla Spiekermann Gewerkschaften demonstrieren im Februar 2011 in Berlin gegen den Missbrauch von Leiharbeit.

    30.08.2011 | ver.di beurteilt die aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für die 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' zum Niedriglohnsektor in Deutschland als irreführend und schönfärberisch. "An der Erkenntnis, dass der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor sprunghaft angestiegen ist, kommt auch die Studie nicht vorbei", betonte der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske am 30. August in Berlin. Ihr Anteil sei von 16 Prozent Ende der 1990er Jahre auf inzwischen über 22 Prozent gestiegen, jede und jeder Fünfte arbeitet heute zu Niedriglöhnen. "Insofern werden die dramatischen Zahlen, die wir vom Institut für Arbeit und Technik bereits kennen, erstmals auch von Arbeitgeberseite bestätigt", so Bsirske.

    "Die arbeitgebernahen Institute verfahren nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto: 'Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt'"

    Frank Bsirske

    Trotz des dramatischen Anstiegs schaffe das IW das Kunststück, den Niedriglohnsektor als Sprungbrett schönzureden. Ein Viertel der Niedriglöhner schaffe den Aufstieg in besser bezahlte Jobs, aber nur fünf Prozent der Beschäftigten steige von gut in schlecht bezahlte Jobs ab. "Die arbeitgebernahen Institute verfahren dabei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto: 'Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt'", betonte Bsirske. Tatsächlich entstünden neue Arbeitsplätze im Aufschwung nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes zu 75 Prozent im Bereich prekärer und atypischer Beschäftigung. "Wenn also nur einer von vier Niedriglöhnern den Aufstieg in regulär bezahlte Arbeit schafft, bleibt für drei Viertel der Betroffenen der Niedriglohnbereich eine Sackgasse. Damit verschärft sich die Spaltung am Arbeitsmarkt", sagte Bsirske.

    Um diesen Trend zu stoppen, sei neben einem allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn auch die gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Stammarbeit für gleiche Arbeit vom ersten Tag an dringend notwendig. Außerdem müsse die Ausgrenzung von Beschäftigten durch sachgrundlose Befristungen beendet und der Anteil von Minijobs drastisch zurückgefahren werden.

    Auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) kam postwendend Protest zur Billiglohnstudie. "Die Versuche der deutschen Wirtschaft, den Niedriglohnsektor zu rechtfertigen, nehmen inzwischen groteske Züge an", sagte Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, am 30. August in Berlin. "Die 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' hat sich mit der Behauptung, der Niedriglohnsektor sei ein Sprungbrett für gute  Arbeit endgültig selbst als neoliberale PR-Abteilung der Arbeitgeberverbände diskreditiert. Der Niedriglohnsektor ist kein Sprungbrett, sondern für Millionen von Beschäftigten eher eine Armutsfalle", so Buntenbach. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften kämpfen bereits seit Jahren für die Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohnes.