Tarifnews

    Raus aus der Prekarisierung

    Weihnachtsgeschäft bringt Extrembelastungen im Einzelhandel

    Berlin, 1. Dezember 2014 | Das Weihnachtsgeschäft ist im Einzelhandel die Hochsaison: In dieser Zeit macht die Branche die größten Umsätze, für die Einzelhandelsbeschäftigten sind diese Wochen besonders stressbeladen und kraftraubend. „Gerade angesichts dieser Belastungen, die nicht nur im Weihnachtsgeschäft auftreten, ist es nicht akzeptabel, dass der Einzelhandel als eine der größten Branchen in Deutschland zum Spitzenreiter der Prekarisierung wird“, sagt Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Vorstand bei ver.di und zuständig für den Handel.

    „Tarifverträge sind wichtig für Millionen Menschen im Einzelhandel, nicht nur in der bevorstehenden Weihnachtszeit.“

    Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Vorstand bei ver.di und zuständig für den Handel

    Prekäre Arbeitsverhältnisse breiten sich seit Jahren im Einzelhandel immer weiter aus. Arbeitgeber nutzen verstärkt geringfügige Beschäftigungs- verhältnisse, sogenannte Minijobs, (Schein-)Werkverträge und erzwungene Teilzeit, während die Zahl der Vollzeitarbeitsplätze stetig abnimmt. Gleichzeitig entziehen sich immer mehr Einzelhandelsunternehmen durch Flucht aus den Arbeitgeberverbänden der Tarifbindung. Leidtragende sind Verkäuferinnen und Verkäufer, die in Minijob, Teilzeit und tariflosen Unternehmen kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Derzeit verdienen rund 720.000 Beschäftigte – also etwa jede/r Vierte – nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung weniger als 8,50 Euro pro Stunde.

    Stressig und Kräfte zehrend: Verkäuferin in der Weihnachtszeit Jens Büttner/DPA Bildfunk Stressig und Kräfte zehrend: Verkäuferin in der Weihnachtszeit


    Doch statt Anerkennung und Respekt für die tägliche Arbeit der Beschäftigten zu zeigen, fordert der Handelsverband HDE jetzt sogar 24-stündige Ladenöffnungszeiten. „Das ist ein absurder Vorschlag, der ausschließlich zulasten der Beschäftigten gehen würde“, so Nutzenberger. Denn schon jetzt müssten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einzelhandel immer flexibler und immer länger am Abend oder in der Nacht arbeiten. Mit der erleichterten Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen, die seit August 2014 gesetzlich geregelt ist, biete sich stattdessen die Chance, die Tarifverträge des Einzelhandels erneut für allgemeinverbindlich zu erklären. Dieser Weg würde für die Beschäftigten existenzsichernde Löhne und gute Arbeitsbedingungen gewährleisten.

    „Es muss Schluss sein mit Lohndumping und schlechten Arbeitsbedingungen. Von der Allgemeinverbindlichkeit profitieren die Beschäftigten – Tarifverträge sind wichtig für Millionen Menschen im Einzelhandel, nicht nur in der bevorstehenden Weihnachtszeit“, so Nutzenberger.