Tarifnews

    Studie geht von deutlich höherem Personalbedarf aus

    Intensivpflege: ein vermeidbarer Missstand

    Berlin 01.06.2022 | Will man dem empfohlenen Verhältnis von Pflegekräften zu Intensivbetten gerecht werden, also ausreichend Pflegekräfte für Intensivpatienten einsetzen können, so müsse man den aktuellen Personalbestand auf Intensivstationen nahezu verdreifachen. Zu dem Ergebnis kommt eine heute (1. Juni 2022) veröffentlichte Studie zum Pflegepersonalbedarf auf Intensivstationen. ver.di sieht einen klaren Arbeitsauftrag bei den politisch Verantwortlichen und fordert erneut verbindliche und passende Personalvorgaben.

    „Die Studie von Professor Michael Simon liefert einen weiteren Beleg für die unhaltbaren Zustände in deutschen Krankenhäusern“, erklärt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. „Auf den Intensivstationen fehlen bis zu 50.000 Vollzeitkräfte – eine riesige Personallücke, die die intensivmedizinische Versorgung ebenso gefährdet wie die Gesundheit der beruflich Pflegenden.“

    Eine Pflegekraft bereitet eine Infusion vor. Soeder/picture alliance/dpa Der Pflegenotstand könnte vermieden werden


    Der Gesundheitssystemforscher Michael Simon berechnet in seiner von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie anhand von Daten der Krankenhausstatistik, wie viel Pflegepersonal auf den Intensivstationen zusätzlich benötigt wird. Allein um die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) bei 21.000 durchschnittlich belegten Intensivbetten einzuhalten, müsste die Zahl der Vollzeitstellen von 28.000 (Stand: 2020) auf 50.800 steigen. Werden die Empfehlungen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zum Maßstab gemacht, sind sogar 78.200 Vollzeitkräfte nötig – nahezu eine Verdreifachung des aktuellen Personalbestands.

    Untersuchung macht Dimension des Missstands deutlich

    Mit der Pandemie hat sich die Arbeitsbelastung auf den Intensivstationen weiter verschärft. Die Folge: Pflegepersonen fliehen aus ihrem Beruf oder reduzieren ihre Arbeitszeit auf eigene Kosten, weil sie es nicht mehr aushalten. Das bestätigt auch eine weitere Studie. Nach dieser würden mehr als 860.000 examinierte Pflegepersonen nicht mehr in ihrem erlernten Beruf arbeiten. Ein bedeutender Teil von ihnen wäre jedoch bereit zurückzukehren, falls sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Dadurch und durch die Aufstockung von Teilzeitverträgen könnten laut Studie mindestens 300.000 Vollzeitstellen in der Kranken- und Altenpflege zusätzlich besetzt werden.

    „Es gibt keinen Mangel an qualifizierten Pflegepersonen, aber sehr viele sind nicht mehr bereit, unter den derzeitigen Bedingungen zu arbeiten.“

    Sylvia Bühler, ver.di-Bundesvorstandsmitglied

    Die Gewerkschafterin Bühler sieht akuten Handlungsauftrag und nimmt die politisch Verantwortlichen in die Pflicht: „Der Teufelskreis aus schlechten Arbeitsbedingungen, Berufsflucht und noch höherer Belastung muss durchbrochen werden. Das zentrale Mittel dafür sind bedarfsgerechte und verbindliche Personalvorgaben.“

    Seit über zwei Jahren liege die aktualisierte Pflegepersonalregelung (PPR 2.0) vor, das von der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem Deutschen Pflegerat und ver.di entwickelte Instrument für eine bedarfsorientierte Personalbemessung in der Krankenhauspflege. „Erst hat der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Lösung verschleppt und die PPR 2.0 ignoriert. Und nun kommt auch sein Nachfolger Karl Lauterbach nicht recht in die Gänge, obwohl die Einführung der PPR 2.0 im Koalitionsvertrag steht“, kritisiert Bühler. „Den Krankenhausbeschäftigten, die jeden Tag an ihre Leistungsgrenze und darüber hinaus gehen, fehlt dafür jedes Verständnis. Statt Sonntagsreden wollen sie endlich Taten sehen. Die sofortige Umsetzung der PPR 2.0 steht dabei ganz oben auf der Agenda.“

    Wer sich für die gesamte Studie von Michael Simon interessiert, die gibt's hier.