Galeria: Neustart im August mit 83 Filialen

Zum dritten Mal innerhalb drei Jahren ist Galeria Karstadt Kaufhof insolvent. Jetzt gibt es neue Investoren, für viele Beschäftigte alte Bekannte, die schon einmal versucht haben, den Warenhauskonzern zu retten. Mit wenig Erfolg. Jetzt wollen sie auch aus der Tarifbindung raus. ver.di wird mit den verbliebenen 12.000 Beschäftigten um ihre Zukunft kämpfen
19.06.2024
Galeria Kaufhof – Erneute Insolvenz lässt die Beschäftigten um ihre Zukunft bangen

Etwas mehr Klarheit haben die Beschäftigten von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) seit dem 7. Juni: An dem Tag gab Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus bekannt, dass Ende August insgesamt neun und nicht 16 Filialen geschlossen werden. Weitere 600 Mitarbeiter*innen behalten damit ihren Arbeitsplatz im Warenhausunternehmen, das demnächst einem Konsortium gehören wird.

Nach derzeitigem Stand werden zum 31. August 2024 die Filialen in Berlin (Ringcenter), Berlin-Tempelhof, Essen, Wesel, Augsburg, Regensburg (Neupfarrplatz), Trier (Fleischstraße), Leonberg und Chemnitz geschlossen. Nicht geschlossen werden die Häuser in Berlin-Spandau, Köln (Breite Straße), Mainz, Mannheim, Oldenburg, Potsdam und Würzburg. Bereits Ende Mai hatte die Gläubigerversammlung dem Sanierungsplan des Insolvenzverwalters zugestimmt, womit die Voraussetzungen geschaffen sind, das Verfahren förmlich abzuschließen. Nach dem Aus des österreichischen Signa-Konzerns, dem vorigen Eigentümer, hatte GKK Anfang des Jahres wiederum Insolvenz anmelden müssen. Auch das dritte Verfahren innerhalb von dreieinhalb Jahren endete mit enormen Verlusten an Geld, Filialen und Beschäftigtenzahl.

Ab August werden die neuen Eigentümer, die US-Investmentgesellschaft NRDC des Kaufhausunternehmers Richard Baker und eine Beteiligungsfirma des Geschäftsmanns Bernd Beetz, 83 Warenhäuser mit insgesamt noch 12.000 Beschäftigten übernehmen. Wie das gesamte Unternehmen wird auch sein Name geschrumpft: Künftig heißt die Kette „Galeria“.

 

„Zu den Zielen für die Zukunft haben die Verantwortlichen wenig ambitionierte Aussagen getroffen.“

Marcel Schäuble, Landesfachbereichsleiter Handel bei ver.di Hessen

Große Skepsis gegenüber den Plänen der neuen Eigentümer äußerte nach der Gläubigerversammlung Marcel Schäuble, Landesfachbereichsleiter Handel bei ver.di Hessen und für die Gewerkschaft zuständig für die Tarifverhandlungen bei GKK: „Zu den Zielen für die Zukunft haben die Verantwortlichen wenig ambitionierte Aussagen getroffen.“ Außerdem zeigten die Erfahrungen der Vergangenheit, dass der Schwerpunkt immer wieder auf Kostensenkungen gelegt worden sei. „Das hat nicht zur Stabilisierung der Warenhäuser geführt, sondern ist vor allem zu Lasten der Beschäftigten gegangen.“ Das sei komplett inakzeptabel.

Soziale Verantwortung gefordert

Andrea Grisail, Betriebsratsvorsitzende bei GKK in Mülheim und Mitglied der ver.di-Bundestarifkommission, verwies darauf, dass vor allem die Beschäftigten mit den erneuten Filialschließungen „Opfer bringen müssen, um den Konzern zu retten“. Die Belegschaft erwarte nun vom neuen Eigentümer klare Signale: Er solle soziale Verantwortung übernehmen, gerechte Löhne zahlen und die verbliebenen Arbeitsplätze sichern.

Allerdings gibt es schon vor der offiziellen Galeria-Übernahme durch das Konsortium viel Kritik an den bekannt gewordenen Plänen. Bis zu 100 Millionen Euro wollen die neuen Betreiber innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre in die Warenhäuser investieren, meldete dpa Ende Mai mit Verweis aus dem Umfeld von Baker und Beetz. Handelsexperten hatten jedoch wiederholt einen Investitionsbedarf für GKK in Höhe von über einer Milliarde Euro genannt.

Bei ver.di stößt zudem das Vorhaben, Galeria von einer GmbH in die Gesellschaftsform einer „Société à responsabilité limitée“ umzuwandeln, auf Widerstand, denn dabei entfällt der Aufsichtsrat, in dem bisher Beschäftigte und Gewerkschafter Kontrollfunktionen wahrnehmen. „Es wäre für einen Neuanfang nach der dritten Insolvenz wichtig, auf die Erfahrungen der langjährigen Beschäftigten zurückzugreifen“, betont Silke Zimmer, für den Handel zuständiges Mitglied im ver.di-Bundesvorstand. Schließlich seien sie seit langem direkt von den Folgen vieler Managementfehler betroffen. Jetzt würden sie ihre Kenntnisse gerne einbringen, damit dieselben Fehler nicht wiederholt würden.

Mit scharfer Zurückweisung reagierte sie auf den Plan der neuen Eigentümer, die Warenhäuser künftig einmal im Monat sonntags zu öffnen. „Der arbeitsfreie Sonntag ist grundgesetzlich geschützt, und die Sonntagsöffnung bedarf immer eines Anlasses.“ Die regelmäßige Sonntagsöffnung der Filialen einmal monatlich sei aus Gewerkschaftssicht nicht gesetzeskonform. „Was wir brauchen, sind ausreichend große Investitionen.“ Die GKK-Kolleg*innen wollten nach drei Insolvenzen „endlich Jobsicherheit sowie auskömmliche und gute Arbeit – nicht andauernde Unsicherheit, Überlastung durch Sonntagsarbeit und ein Wiederholen der Fehler der letzten Jahre“, so Zimmer. 

Mageres Angebot – Geschäftsführer möchte Tarifflucht verfestigen

Bei einem Treffen der ver.di-Bundestarifkommission für GKK mit der Unternehmensleitung ist Finanz- und Arbeitsdirektor Guido Mager unlängst mit einem inakzeptablen Tarifangebot vorgeprescht: Magere 8 Prozent Entgelterhöhung stellt er sich für die künftig noch rund 12.000 Beschäftigten vor – für einen Zeitraum von drei Jahren. Dazu kommen sollen eine Inflationsausgleichsprämie in Höhe von 600 Euro und eine nicht bezifferte Erfolgsprämie. Mager will eine dauerhafte Abkoppelung von den Flächentarifverträgen des Einzelhandels, machte er zudem in einer Erklärung deutlich. „Das waren keine Tarifverhandlungen, uns wurde heute das Zukunftskonzept von Galeria vorgestellt“, sagte Corinna Groß, Leiterin der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel nach dem Treffen. „Tarifverträge sind das Ergebnis von Verhandlungen, an denen unsere Beschäftigten in der Bundestarifkommission beteiligt sind und nicht von einseitigen vorschnellen Angeboten von Arbeitgebern, die die Bedeutung der Tarifautonomie nicht zu kennen scheinen.“

Arbeitsdirektor Mager sollte sich damit eigentlich auskennen, war er doch schon zu Zeiten des vorherigen Eigentümers, des insolvent gegangenen Signa-Konzerns, in dieser Position bei GKK tätig. Den Eigentümerwechsel nach dem demnächst beendeten Insolvenzverfahren möchte er aber offenkundig nutzen, um sich endgültig aus der Bindung an die Flächentarifverträge zu lösen. „Langwierige und ergebnislose Tarifverhandlungen wie in der Vergangenheit passen nicht mehr in die kurzen Entscheidungsprozesse, die wir uns als mittelständisches Unternehmen vorgenommen haben“, sagte der Manager, womit ein neuer Ton angeschlagen wird, denn bis vor kurzem wurde GKK noch als „Warenhauskonzern“ bezeichnet. Mit den ab September bundesweit verbleibenden 83 Filialen ist offenkundig der Übergang in den Mittelstand erreicht.

Doch auch mittelständische Unternehmen sollten sich an die Tarifbindung halten, unterstreicht Corinna Groß. Wolle die Arbeitgeberseite – wie behauptet – tatsächlich kurze Entscheidungsprozesse, müsse sie zunächst die Realität anerkennen: „Wir starten mit 29 Prozent Differenz zum Flächentarifvertrag.“ Mit dem mageren Angebot des Arbeitsdirektors werde sich der Abstand zu den Tarifentgelten auf 33 Prozent im kommenden Jahr vergrößern, denn ver.di schließt derzeit überall in den Regionen tarifvertragliche Lohnerhöhungen ab. In Tarifverhandlungen bei GKK könne man einsteigen, wenn das Management anerkenne, dass es kein Lohndiktat gebe, sondern einen gemeinsamen Aushandlungsprozess. Die Beschäftigten könnten und wollten nicht zum wiederholten Mal für die Fehlentscheidungen der früheren GKK-Geschäftsführungen bezahlen – zumal die angebotenen Niedriglöhne gar nicht mehr für den Lebensunterhalt reichten.

Text: Gudrun Giese

 

Gemeinsam mit den Beschäftigten

ver.di erwartet vom neuen Eigentümer Bernd Beetz in das Traditionsunternehmen zu investieren. Gemeinsam mit den Beschäftigten müsse ein tragfähiges Zukunftskonzept entwickelt und auf den Weg gebracht werden, das auf die Stärken des Warenhauskonzerns setzte: ein breites und hochwertiges Sortiment, gepaart mit Handelskompetenz und sehr guter Beratung. Gelinge das nicht, trage die Konzernspitze nicht nur Verantwortung für ihr Missmanagement, sondern auch dafür, dass der öffentliche Raum veröde, so Silke Zimmer.

 

„Wer fortlaufend nur auf Kostensenkung durch Personalabbau und Filialschließungen setzt, senkt die Attraktivität der Warenhäuser für die Kundinnen und Kunden und damit auch die Attraktivität der Innenstädte. Damit trägt der Konzern eine hohe soziale Verantwortung, der er gerecht werden muss.“

Silke Zimmer, ver.di-Bundesvorstand

Wiedersehen soll sprichwörtlich Freude machen. Ob das tatsächlich für einen Großteil der verbleibenden rund 12.000 Galeria-Beschäftigten der Fall sein wird, ist mit der neuerlichen Übernahme von Galeria Karstadt Kaufhof durch bekannte Investoren nicht ausgemacht. Ein Unternehmenszusammenschluss aus der US-Investmentgesellschaft NRDC Equity Partners und dem Unternehmer Bernd Beetz wird die insolvente Warenhauskette Galeria (GKK) übernehmen. Beide kennen viele GKK-Beschäftigte bereits aus früheren Beteiligungen.

Viel versprochen, wenig gehalten

NRDC gehört dem Unternehmer Richard Baker. Der 58-Jährige hat auch die Mehrheit an den Warenhausunternehmen Hudson's Bay Company (HBC) und Saks Fifth Avenue. Über HBC war Baker bereits zwischen 2015 und 2019 Eigentümer von Galeria Kaufhof, bevor die Warenhauskette an die Signa-Gruppe von René Benko verkauft wurde und mit Karstadt fusionierte. Die Ex-Kaufhof-Beschäftigten haben die Jahre mit Baker nicht in guter Erinnerung. Viel wurde seinerzeit versprochen, kaum etwas gehalten. Auch der aktuelle Galeria-Chef Olivier Van den Bossche war damals schon Geschäftsführer von Kaufhof.

Bernd Beetz, der zweite Käufer, ist Präsident des Fußball-Drittligisten SV Waldhof Mannheim. Zuvor war er Chef des Kosmetikunternehmens Coty sowie von 2018 bis 2019 Aufsichtsratsvorsitzender von Kaufhof. Auch er zählt somit zu den bekannten Gesichtern, die das Warenhaus nicht gerettet, sondern weiter runtergewirtschaftet und schließlich verkauft haben.

Silke Zimmer, im ver.di-Bundesvorstand für den Handel zuständig, begrüßte zunächst nach Bekanntgabe der GKK-Käufer, dass offensichtlich finanzstarke Investoren gefunden wurden, die Galeria als Ganzes erhalten wollen und über Kompetenz im Einzelhandel verfügen. Dennoch betonte die Gewerkschafterin bereits nach Bekanntgabe der Übernahme, dass die Erfahrungen mit beiden Investoren in der Vergangenheit „zwiespältig waren“.

 

Nachdem es bei Galeria zuletzt sogar ein paar Lichtblicke gab – am 3. November hatte ver.di eine Tarifeinigung über Sonderzahlungen in Höhe von 500 Euro für die Beschäftigten durchsetzen können und auch das Weihnachtsgeschäft lief gut – ist nun wieder vieles ungewiss.

Es braucht einen strategischen Investor

ver.di sieht für Galeria Karstadt Kaufhof mit einem stationär-digitalen Warenhauskonzept eine gute Zukunft. „Warenhäuser sind das Herz vieler Innenstädte. Sie bieten Kundinnen und Kunden Waren und gute Beratung in einer Breite und Tiefe an, die sie sonst nirgendwo so erhalten. Dafür stehen vor allem die Galeria Beschäftigten. Sie sind das Gesicht des Warenhauses“, ist Silke Zimmer überzeugt. Wünschenswert aus Sicht von ver.di wäre ein strategischer Investor, der Handelskompetenz hat und Galeria Karstadt Kaufhof ermöglicht, als Ganzes erhalten zu bleiben und damit die Arbeitsplätze zu sichern,“ sagte die ver.di-Vorstandsfrau. Ob die beiden alten Investoren es nun beim zweiten Mal besser machen, es muss sich zeigen.

Lichtblick Tarifvertrag

Nach vielen Verhandlungsrunden gab es zuletzt Ende vergangenen Jahres erste Schritte hin zu einem Tarifvertrag für die Beschäftigten des Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof. ver.di hat mit der Unternehmensleitung in einem ersten Zwischenschritt eine Eckpunktevereinbarung für einen Tarifvertrag abgeschlossen und eine Sonderzahlung vor Weihnachten vereinbart. Noch im November gab es 500 Euro und eine Zeitgutschrift aus 2023 in Cash, so ver.di-Verhandlungsführer Marcel Schäuble. Vorgesehen war, dass alle Vollzeitbeschäftigte 400 Euro Inflationsausgleichsprämie und zusätzlich 100 Euro als Warengutschein erhalten; ursprünglich hatte die Unternehmensleitung nur 300 Euro Inflationsausgleichsprämie angeboten.

Neben der Inflationsausgleichsprämie ist auch eine Umwandlung der Zeitgutschrift für das Kalenderjahr 2023 von Bedeutung. Demnach sollen 50 Prozent der Zeitgutschrift aus dem Jahr 2023 in eine Einmalzahlung umgewandelt werden, die ebenfalls noch im November ausgezahlt wird. Die übrigen 50 Prozent werden in zusätzliche Urlaubstage umgewandelt. Diese sollen für den Fall, dass das Weihnachtsgeschäft erfolgreich verläuft, ebenfalls in eine Einmalzahlung umgewandelt werden können. Voraussetzung ist, dass die vom Aufsichtsrat genehmigten Planziele erreicht oder maximal um 10 Prozent unterschritten werden. 

Tarifverhandlungen: Beschäftigte verdienen Respekt

Eine Neuaufstellung bei Galeria Karstadt Kaufhof geht nur mit qualifiziertem und zufriedenen Beschäftigten, die die Prozesse hin zu einem modernen digital-stationären Warenhaus mitgestalten. Fachkräfte aber lassen sich nur mit guten Bedingungen halten. Derzeit „liegen die Einkommen in der Entgeltgruppe der Verkäufer*in monatlich um fast 500 Euro niedriger als beim Flächentarifvertrag“, so Schäuble. Viele Beschäftigte hätten schon jetzt kein frei verfügbares Einkommen mehr und kehrten dem Unternehmen wegen Perspektivlosigkeit den Rücken, da sie bei Wettbewerbern zu besseren Konditionen eine Anstellung finden. Klar sei: Das Unternehmen müsse endlich Konzepte entwickeln, die es zukunftsfähig im Handel aufstellt. Mit mehr Personal könne der Umsatz auch besser abgeschöpft werden. „Momentan legen die Kunden ihre Ware wieder zurück, weil die Kassenschlange zu lang ist und die Ware nicht in den Laden gebracht werden kann – aus Personalmangel.“ Damit grabe sich Galeria selbst das Wasser ab, weil immer mehr Beschäftigte und in der Folge auch Kundinnen und Kunden abwanderten.

 

„Jetzt ist die Insolvenz vorbei, die Sanierung durch Schließungen in vollem Gange, und die verbliebenen Beschäftigten wollen endlich einen fairen Lohn, von dem sie leben können.“

Marcel Schäuble, ver.di-Verhandlungsführer

ver.di will für die Menschen bei Galeria, dass das Unternehmen nach dem Insolvenzverfahren Schritt für Schritt wieder in den Flächentarifvertrag zurückkehrt. Die Galeria-Leitung wollte bis jetzt dagegen mindestens bis Ende 2027 beim abgesenkten Tarifvertrag bleiben und war nur bereit, eine steuerfreie Sonderzahlung von 300 Euro als Inflationsausgleich zu zahlen. „Jetzt ist die Insolvenz vorbei, die Sanierung durch Schließungen in vollem Gange, und die verbliebenen Beschäftigten wollen endlich einen fairen Lohn, von dem sie leben können“, so Schäuble.

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