Tarifnews

    ver.di stellt Befragungsergebnisse vor

    Kita-Fachkräfte unzufrieden mit Arbeitsbedingungen

    16. September 2021 | Wenn eine Fachkraft in einer Kita 28 Kinder unter drei Jahren allein betreut, dann ist das kaum vorstellbar und doch passiert das als Spitze der katastrophalen Arbeitsbedingungen in Kitas in Deutschland. ver.di wollte wissen, wie schlecht es um die Arbeitsbedingungen für Kita-Fachkräfte steht. Die Gewerkschaft hat deshalb in Kooperation mit der Hochschule Fulda von Mai bis Juni 2021 eine bundesweite Befragung in deutschen Kindertagesstätten durchgeführt.

    Alltag in einer Kita – die Anforderungen steigen Foto: Uli Grohs Alltag in einer Kita – die Anforderungen steigen


    Am 15. September erläuterten Dr. Elke Alsago von ver.di und Professor Nikolaus Meyer von der Hochschule Fulda die Ergebnisse in einer Online-Konferenz. Über 19.000 Beschäftigte aus allen Arbeitsbereichen in Krippen, Kindergärten und Horten hatten bei der Befragung geantwortet und bescheinigten ihren Arbeitgebern katastrophale Arbeitsbedingungen. Fast 40 Prozent der Befragten denken deshalb über einen Stellenwechsel nach, rund 25 Prozent überlegen, ganz aus dem Beruf auszusteigen.

    173.000 fehlende Fachkräfte

    Ein Hauptproblem ist der Fachkräftemangel. Besonders problematisch ist die Situation in Krippen und Kindergärten. Drei Viertel der befragten Fachkräfte im Bereich der unter dreijährigen Kinder gaben an, für mindestens fünf und bis zu zwölf Kinder gleichzeitig verantwortlich gewesen zu sein. Im Alltag mit den über dreijährigen Kindern waren die Beschäftigten meist für 13 bis 24 Kinder zuständig. Im Durchschnitt fehlen pro Kita-Team drei Vollzeitkräfte, um gut arbeiten zu können. Bei rund 57.600 Kitas in Deutschland sind dies knapp 173.000 fehlende Fachkräfte.

    Trotz des Fachkräftemangels hat die Aus- und Weiterbildung bislang keinen hohen Stellenwert. Die Mehrzahl der Fachkräfte ist zwar für die Begleitung von Praktikantinnen und Praktikanten zuständig, hat aber für diese Tätigkeit keine Zeit und ist auch nur selten dafür qualifiziert. 94 Prozent der befragten Fachkräfte gaben zudem an, dass ihre Arbeitgeber ihnen keine Qualifizierungsmaßnahmen ermöglichen, die ihnen ein Weiterkommen durch einen höheren Berufsabschluss ermöglichen. Dies gilt insbesondere für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne einschlägige Berufsausbildung.

    Zeit ist falsch bemessen: Für die Planung, Vorbereitung, Entwicklungsdokumentation und Elterngespräche steht nur jeder zweiten Fachkraft laut Dienstplan überhaupt Zeit zur Verfügung. So arbeiten alle Fachkräfte oft in ihrer Freizeit, um die notwendigen Elterngespräche zu führen oder Vor- und Nachbereitungen machen. Die pädagogischen Anforderungen würden von der Politik nicht ernst genommen, erläuterte Elke Alsago von ver.di. „Im Ergebnis wird immer etwas vernachlässigt, entweder kommen die Kinder, die Qualität der Arbeit oder die Fachkräfte zu kurz.“ Professor Meyer von der Hochschule bestätigte, Leitungsaufgaben würden oft in die Freizeit verlagert und Leitungskräfte in die Arbeit mit Kindern eingebunden, weil Personal fehlt.

    „Neben der Erhöhung der Löhne werden wir auch gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und damit auch für bessere Bedingungen für Kinder und Eltern kämpfen.“

    Christine Behle, stellvertretende ver.di-Vorsitzende

    Dass die Zahlen „alarmierend“ sind, betonte auch die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle in einer kurz zuvor herausgegebenen Pressemitteilung. Die Befragung zeige deutlich, wo die Probleme in den Kindertageseinrichtungen liegen. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, um die Situation verbessern. ver.di will deshalb in der Tarifrunde für den Sozial- und Erziehungsdienst, die im Januar 2022 startet, deutliche Verbesserungen erreichen. „Neben der Erhöhung der Löhne werden wir auch gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten und damit auch für bessere Bedingungen für Kinder und Eltern kämpfen“, so Behle. ver.di streitet auch für ein bundeseinheitliches Ausbildungsgesetz für den Beruf staatlich anerkannter Erzieher*innen, damit die Ausbildung attraktiver und angemessen vergütet wird.