Eigentum verpflichtet

    Siegel und Zertifikate nützen gar nichts

    Nichts ist gut seit Rana Plaza

    Berlin, 24. April 2019 | Vor genau sechs Jahren, am 24. April 2013, sind in Bangladesch 1.134 Näher*innen in den Trümmern des Fabrikgebäudes „Rana Plaza“ in Dhaka gestorben. Mehr als 1.800 Menschen wurden damals teils schwer verletzt. In dem Gebäude hatten auf acht Etagen insgesamt fünf Textilfabriken produziert, viele für große Modefirmen, deren Produkte auch in unseren Kleiderschränken hängen.

    „Nie wieder Rana Plaza!“, das versprach nach der Katastrophe die gesamte Modeindustrie. Doch sechs Jahre nach der schrecklichen Katastrophe müssen Textilarbeiter*innen von Armutslöhnen leben, und die in Bangladesch erreichten Fortschritte, Fabriken sicher zu machen, sind bedroht.

    Wenn das Gebäudesicherheitsabkommen in Bangladesch nicht mehr gelten sollte, lebt auch diese Näherin mit der Angst vor einem neuen Rana Plaza Foto: Kristof Vadino Wenn das Gebäudesicherheitsabkommen in Bangladesch nicht mehr gelten sollte, lebt auch diese Näherin mit der Angst vor einem neuen Rana Plaza


    Leben der Arbeiter*innen weiterhin bedroht

    Das Gebäudesicherheitsabkommen für Bangladesch wurde drei Monate nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes abgeschlossen. Es ist einmalig, weil es für die Unterzeichnenden einklagbar ist. Das Abkommen wurde zwischen den globalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI, Gewerkschaften aus Bangladesch und 193 internationalen Modehändlern abgeschlossen. Die Clean Clothes Campaign, in der auch ver.i aktiv ist, war an dem Abschluss ebenfalls beteiligt. Seither wurden 1.600 Fabriken inspiziert. Von den 100.000 identifizierten Mängeln konnten 89 Prozent behoben werden. Über 1,7 Millionen Arbeiter*innen nahmen an Sicherheitstrainings teil. Dennoch: Über 50 Prozent der Fabriken haben immer noch kein angemessenes Feueralarmsystem und in 40 Prozent der Fabriken sind wichtige Instandsetzungen noch nicht fertiggestellt.

    „Wenn das Gebäudesicherheitsabkommen das Land verlassen muss, heißt das, wir bringen die Arbeiterinnen und Arbeiter erneut in Lebensgefahr.“

    Kalpona Akter, Arbeitsrechtsaktivistin der bangladeschischen Organisation BCSW

    Ginge es allein nach der Regierung Bangladeschs und dem nationalem Verband der Textilproduzenten BGMEA gäbe es das Gebäudesicherheitsabkommen in dieser Form schon nicht mehr. Die Regierung will diese Arbeit selbst übernehmen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt jedoch, dass Bangladeschs Regierung die Kapazitäten dazu fehlen, die Arbeit des Abkommens auf gleichem Niveau fortzusetzen. Und vor allem: Die Regierung hat nicht den politischen Willen dazu. „Wenn das Gebäudesicherheitsabkommen das Land verlassen muss, heißt das, wir bringen die Arbeiterinnen und Arbeiter erneut in Lebensgefahr“, sagt Kalpona Akter, Arbeitsrechtsaktivistin der bangladeschischen Organisation BCSW.  

    Ob teure oder billige Kleidung: Sie wird oft nicht nur unter Lebensgefahr, sondern zu Armutslöhnen, meist von Frauen in Billiglohnländern, hergestellt. Der Lohn den sie erhalten, reicht oft nicht einmal, um Miete oder Nahrung zu bezahlen. Letztes Jahr erhöhte sich zum ersten Mal seit der Rana Plaza-Katastrophe der Mindestlohn für die Textilarbeiter*innen in Bangladesch. Aber er liegt immer noch unter einem existenzsichernden Lohn. Als Arbeiter*innen im Januar gegen diese viel zu geringe Mindestlohn-Anhebung auf die Straße gingen, antwortete die Regierung mit Gewalt und Repression. Ein Arbeiter starb, viele andere wurden verletzt. Über 65 Arbeiter*innen wurden verhaftet, mehr als 11.600 wurden gekündigt und auf eine Schwarze Liste gesetzt.

    Die Repression gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter muss enden. Das deutsche Bündnis für nachhaltige Textilien, von der Bundesregierung auf den Weg gebracht, muss seine Anstrengungen noch stärker vorantreiben. Langfristig schützt nur eine verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflicht der Modemarken und -händler entlang ihrer Lieferketten die Menschen, die an den verschiedenen Stellen dieser Kette arbeiten. Was es tatsächlich braucht, sind mehr einklagbare Abkommen und Gesetze zur menschenrechtlichen Verantwortung der Unternehmen, Siegel und Zertifikate waschen sie vielleicht rein, nützen aber gar nichts.