Europawahl

    Zu Besuch im „parlamentarium“ in Brüssel

    Europa auf einen Blick

    Lust auf Europa

    Denk’ ich an Europa in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Heinrich Heine, auf den dieses Zitat zurückgeht, dachte in seinen Nachtgedanken von 1844 zwar an Deutschland und nicht an Europa, aber er hätte womöglich nichts gegen diese kleine Änderung. Der deutsche Dichter lebte seinerzeit seit zwölf Jahren im Exil in Paris, und die mitteleuropäischen Staaten, vor allem Deutschland und Frankreich bewegten sich auf die Revolutionen von 1848 zu. In den deutschen Landen erregte die Kleinstaaterei immer mehr politischen Widerstand. Auch bei Heine. Heute steht Europa zwar nicht vor der nächsten Revolution, aber die sich ausbreitende Nationalstaaterei innerhalb der europäischen Union löst vor allem bei den jüngeren Europäer*innen immer mehr Befremden aus. Der gemeinsame Euro, offene Grenzen – viele jungen Menschen kennen es nicht mehr anders und wollen es auch nicht mehr anders haben. Sie sprechen viele verschiedene Sprachen und sind in ganz Europa zu Hause.

    Viele Wege führen nach Europa Foto: dpa Viele Wege führen nach Europa


    Was Europa ausmacht

    Das „parlamentarium“, das Besucherzentrum des Europäischen Parlaments in Brüssel, hat diesem Zuhause vor sieben Jahren einen Ort gegeben. In einer alten Parkgarage mit einer Gesamtfläche von sieben Handballfeldern. Ganz schön klein, wenn man bedenkt, dass darauf ganz Europa unterkommen muss. Doch wenn man den zweitkleinsten Kontinent in einem Wohnzimmer unterbringen will, dann geht auch das. Weil die Ausstellung das Thema Europa auf die Menschen runterbricht, die Europa vor allem ausmachen: die Europäerinnen und Europäer.

    Insgesamt 56 Europäer*innen aus den heute 28 EU-Mitgliedsländern erzählen in der Ausstellung von ihren Erlebnissen mit der Europäischen Union. Und wie sie die Politik, die in Brüssel gemacht wird, daheim in Finnland oder Polen erleben. Oder auch der kleine Bierbrauer aus Tschechien erzählt, wie er sich beim EU-Parlament für die Reinheit seines Gebräus stark gemacht hat.

    Um ihm zuzuhören, setzt man sich einfach in einen der bequemen Polstersessel vor einen kleinen Bildschirm, stülpt Kopfhörer über und hört zu. Dabei kann der Blick vom Brauer auch zum 360-Grad-Europa-Panorama wandern. Was alle Geschichten und Bilder vermitteln, ist die Gewissheit, dass Europa bunt und vielfältig ist – allen EU-Normen zum Trotz, die auch nerven können. Im Herzen der Ausstellung gelegen, ist das europäische Wohnzimmer der eindrücklichste Teil des parlamentariums. Es konfrontiert uns mit unseren Mitbürger*innen, ihren Problemen, und eben auch ihren Erfolgen.

    „Wo wird einst des Wandermüden / Letzte Ruhestätte seyn? / Unter Palmen in dem Süden? / Unter Linden an dem Rhein? / Werd ich wo in einer Wüste / Eingescharrt von fremder Hand? / Oder ruh ich an der Küste / Eines Meeres in dem Sand?“

    Heinrich Heine, deutscher Dichter und Europäer, 1856

    Heinrich Heine hat seine Heimat bis zu seinem Tod nicht mehr wiedergesehen. Er starb im Exil, wohin es ihn getrieben hatte, nachdem er in Deutschland vom Deutschen Bund mit einem Publikationsverbot belegt und von Antisemiten und Nationalisten wegen seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung angefeindet worden war. Heute wäre er mit seiner Haltung ein Europäer besten Beispiels. Noch im Angesicht des Todes verfasst er das Gedicht für sein Grab auf dem Friedhof vom Montmartre, das von seinem grenzenlosen Denken zeugt: „Wo wird einst des Wandermüden / Letzte Ruhestätte seyn? / Unter Palmen in dem Süden? / Unter Linden an dem Rhein? / Werd ich wo in einer Wüste / Eingescharrt von fremder Hand? / Oder ruh ich an der Küste / Eines Meeres in dem Sand?“

    Über alle Grenzen einfach rollen

    Im parlamentarium fährt man grenzenlos mit Bildschirmen auf Rollen über eine 200 Quadratmeter große Europakarte. An insgesamt hundert Orten lässt sich stoppen, um dann über genau diesen Flecken einen Bericht auf dem Rolltisch verfolgen zu können. Häufig werden Ereignisse und Situationen geschildert, von denen man bisher kaum eine Ahnung hatte. Europa ist viel größer und mannigfaltiger, als das Europa, von dem gemeinhin in den Medien berichtet wird. Und vor allem macht diese virtuelle Fahrt durch Europa Lust auf diese unbekannten Flecken.

    Auch im europäischen Wohnzimmer mit seinen Sesseln und Sofas aus unterschiedlichen Designs öffnen 28 verschiedene Türen, die in einem 360-Grad-Panorama aufgehen, den Blick auf die 28 EU-Mitgliedsstaaten. Tatsächlich wurde jede Tür in dem Land aufgenommen, das sich hinter der Tür erschließt. Es gibt vor allem Landschaften und Orte zu sehen, die die schönen Ecken und Winkel des Kontinents zeigen. Die Rolltische auf der Europakarte steuern die Aufmerksamkeit hingegen eher auf Orte und Regionen, wo etwa aus Umweltgründen Handlungsbedarf bestand oder noch besteht. Dass längst noch nicht alles gut ist in Europa, es wird nicht verschwiegen.

    Das zeigt auch das EU-Parlament in Miniatur in der Ausstellung, in dem sich im Schnelldurchgang das Geschäft der EU-Abgeordneten verfolgen lässt. Das weitere 360-Grad-Panorama sorgt mit Musikuntermalung und Debatten-Mitschnitten für echte Spannung. Auf einem eigenen EU-Sitz kann man an einem Touchscreen zudem nebenbei exemplarische Fälle durchdringen.

    Und das alles in den 24 europäischen Sprachen, die derzeit in der EU gesprochen werden. Jede*r erhält am Eingang eine Art Smartphone, mit dem man sich in der eigenen Muttersprache durch die Ausstellung bewegt. Damit wird es auch keinem Kind langweilig. Und für Schulklassen gibt es ein ganz besonderes Angebot: In einem Extraabschnitt schlüpfen Kinder in die Rolle von EU-Abgeordneten, die aus ihrem Land ein Anliegen mitgebracht haben. Vom Antrag über die Debatte bis zur Pressekonferenz durchlaufen die Kinder dann den gesamten Prozess eines EU-Antrags. Mehr als 400 Schauspieler aus allen EU-Ländern haben daran mitgewirkt, damit diese Übung in Politik richtig Spaß macht.

    Der Traum ist das Ziel

    „Es gibt in Europa keine Nationen mehr, sondern nur noch Parteien“, auch das sagte Heinrich Heine schon. Ein geeintes Europa – es ist ein alter Traum und bis heute das Ziel. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Nationalisten, die keine Lösungen anzubieten haben, die Wut der Völker ausnutzen. Wir dürfen nicht Schlafwandler in einem erschlafften Europa sein“, schrieb unlängst der französische Staatspräsident Emmanuel Macron an alle Europäer*innen. Sein Appell vor den Europawahlen Ende Mai – in Deutschland wird am 26. Mai 2019 gewählt – erschien in allen europäischen Sprachen und Ländern in verschiedenen Tageszeitungen.

    Wer nach dem Besuch im parlamentarium in Brüssel auch noch die Grenzen Europas überschreiten mag und vom Rest der Welt etwas sehen will, geht einfach zum Manneken Pis, dem Brüsseler Wahrzeichen. Dort ist den ganzen Tag Gott und die Welt versammelt.

    Text: Petra Welzel

    Infos zum parlamentarium