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    Vor Ort in Griechenland

    Vor Ort in Griechenland

    Ganz normale Tage in Athen

    Gewerkschafter aus vier verschiedenen Ländern sind in Griechenland unterwegs. Um ihre Solidarität zu bekunden und um sich ein eigenes Bild von dem krisengebeutelten Land zu machen.

    24. September 2012 | 30 Milliarden Euro – das Loch, das in Griechenlands Staatshaushalt klafft, ist noch immer riesig. Deshalb sollen die Griechen auch noch mehr sparen. Das verlangen jedenfalls die Experten der Europäischen Zentralbank, der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds. Im staatlichen Rot Kreuz Krankenhaus im Athener Stadtteil Kifissia besuchen wir eine Betriebsversammlung. Die anwesenden Ärzte und das medizinische Personal diskutieren über ihre Beteiligung am landesweiten Generalstreik gegen die Sparpolitik, der für den 26. September geplant ist. Evangelia Galani belächelt die Frage, ob sie an diesem Tag auf die Straße geht: „Ja, ganz bestimmt. Wir haben ja nichts mehr zu verlieren.“

    „Nach den Vorgaben der Troika darf auf zehn Kollegen, die ausscheiden, nur ein Beschäftigter neu eingestellt werden. Mit diesem Personalmangel kann man kein Krankenhaus betreiben.“

    Evangelia Galani, Angestellte in der biochemischen Abteilung des Rot Kreuz Krankenhauses, Athen

    Die Angestellte in der biochemischen Abteilung des Krankenhauses erzählt, dass ihr der Lohn im Zuge der Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst um 40 Prozent gekürzt worden ist. „Doch noch mehr rege ich mich darüber auf, dass es keine Neueinstellungen mehr gibt. Nach den Vorgaben der Troika darf auf zehn Kollegen, die ausscheiden, nur ein Beschäftigter neu eingestellt werden. Mit diesem Personalmangel kann man kein Krankenhaus betreiben.“ Schon jetzt habe eine Krankenschwester bis zu 40 Patienten in einer Schicht zu betreuen.

    Evangelia Galani Foto: Romin Khan Evangelia Galani

    Im März sollte das Rot Kreuz Krankenhaus privatisiert werden, der Widerstand der Beschäftigten konnte das verhindern. Landesweit sollen 50 der 130 staatlichen Krankenhäuser geschlossen werden, sagt der ebenfalls am Rot Kreuz Krankenhaus beschäftigte Arzt Antonis Karavas. Ihm zufolge steht die öffentliche Gesundheitsversorgung vor einem Kollaps, der durch die Spardiktate und durch die Zahlungsmoral der Unternehmen bedingt sei, die vielfach keine Krankenkassenbeiträge mehr zahlen. Daneben hätten in den letzten Jahren auch die gestiegene Arbeitslosigkeit und die Zunahme von prekären Jobs zu einem massiven Rückgang der Beitragszahlungen an die Krankenkassen geführt. Bevor die beiden an ihre Arbeitsplätze zurückgehen, sagt Evangelia Galani noch: „Wir müssen uns eingestehen, dass viele Menschen von den staatlichen Krankenhäusern heute nicht mehr behandelt und versorgt werden können. Daher brauchen wir neue solidarische Angebote der Gesundheitsversorgung.“

    Mehr als erste Hilfe

    Im Athener Vorort Elliniko Argyroupoli gibt es ein solches Angebot. In einem Flachbau am Rande eines ehemaligen US-Militärgeländes treffen wir Yannis Maragos, ein ruhiger, behutsam redender Mann, dessen regelmäßiger Blick auf die Uhr seines Handys uns dennoch unmissverständlich verdeutlicht, dass er nicht viel Zeit hat. Er gehört zu einem Team von fast 150 ehrenamtlichen Ärzten, Krankenschwestern und Krankenpflegern, sowie vielen anderen Freiwilligen, die hier seit Dezember letzten Jahres eines von drei selbstverwalteten Gesundheitszentren in Athen betreiben.

    „Wir erleben hautnah mit, wie immer mehr Menschen infolge der zunehmenden Entlassungen auch ihre Krankenversicherung und damit den Zugang zum Gesundheitssystem verlieren.“

    Yannis Maragos, Zahnarzt und freiwilliger Helfer in einem kostenfreien Stadtteil-Gesundheitszentrum

    „Viele von uns wohnen und arbeiten in der Gegend. Wir erleben hautnah mit, wie immer mehr Menschen infolge der zunehmenden Entlassungen auch ihre Krankenversicherung und damit den Zugang zum Gesundheitssystem verlieren“, sagt Maragos. Ein anderes Problem sei, dass die Krankenkassen kein Geld mehr hätten, um die Apotheker zu bezahlen. Daher nehmen viele Apotheker keine Rezepte mehr an und geben Medikamente nur noch gegen Vorkasse aus, gegen Geld, das viele Griechen nicht haben.
    „Wir leisten hier in erster Linie erste Hilfe für den wachsenden Anteil derjenigen, die unter die Armutsgrenze fallen. Wenn wir nicht helfen können, vermitteln wir über persönliche Kontakte Zugang zu Krankenhäusern und privaten Arztpraxen, die die Menschen aus Solidarität unentgeltlich behandeln.“ Der Mittfünfziger arbeitet selber als Zahnarzt und engagiert sich nebenher viele Stunden pro Woche in dem Gesundheitszentrum. Dieses bietet neben der Erstversorgung von Kranken auch eine psychologische Beratung für Arbeitslose an. Mit einem Impfprogramm soll das wachsende Problem der Unterversorgung von Kleinkindern gelöst werden.

    Professionell und improvisiert

    Man gewinnt den Eindruck, dass hier ein gut funktionierendes Gesundheitszentrum im Stadtteil seiner Arbeit nachgeht. Mit dem zentralen Unterschied, dass jegliche Arbeit auf Freiwilligkeit basiert und die Medikamente durch Spenden eingeworben werden. Nur Miete, Strom und Wasser werden von der Gemeinde gezahlt. „Natürlich wollen wir das öffentliche Gesundheitssystem nicht ersetzen und den Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Wir betrachten unser Zentrum vielmehr als Teil des Widerstands gegen die von der Troika und der Regierung vorangetriebene Privatisierung der Gesundheitsversorgung“, stellt Maragos klar.

    Medikamente Foto: Romin Khan Medikamentenspenden

    „Aus ganz Griechenland, selbst aus Übersee spenden uns Menschen neue oder nicht verbrauchte Medikamente.“ Auf der Webseite des Projekts kann man sich über die benötigten Medikamente informieren und sie bei dem Zentrum vorbeibringen. Maragos führt uns im Schnelldurchgang durch das Zentrum, seine für uns reservierte Zeit geht zu Ende. Im Lagerraum finden sich große Mengen sortierter Medikamente, auf denen das Ablaufdatum durch die pharmazeutischen Mitarbeiter handschriftlich vermerkt wurde. Es wirkt professionell und zugleich improvisiert.    

    Als wir unsere in Deutschland gesammelten Spendengelder übergeben wollen, erleben wir eine Überraschung. „Eines unserer Prinzipien ist es, keine Geldspenden anzunehmen. Geld bringt Probleme mit sich, etwa Verdächtigungen, dass wir uns bereichern wollen. Oder es entsteht Mehrarbeit, da wir es abrechnen müssen“, sagt Maragos. Wir werden gebeten für das Zentrum in der nahe gelegenen Apotheke Insulin und Impfstoffe für Kinder einzukaufen. Also gehen wir mit unseren 500 Euro los und kaufen die notwendigen Medikamente. Der Apotheker legt von sich aus noch einiges drauf, weil er weiß, wie wichtig die Arbeit des Zentrums ist.

    Text: Romin Khan

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