Internationales

    Interessen der Seeleute vielfach vernachlässigt

    Schifffahrt: Gegen Ausbeutung an Deck

    Berlin, 09.09.2022 – Zahlreiche Hinweise auf doppelte Buchführung über Löhne und Überstunden, nicht ausbezahlte Löhne, verweigerte Landgänge, schlechte Verpflegung und Unterkunft und weitere Verstöße gegen das Seearbeitsübereinkommen haben die Kontrolleure der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) während der diesjährigen „Baltic Week“ erhalten und festgestellt. „Die von uns aufgedeckten Missstände waren noch nie so schlimm wie in diesem Jahr“, sagt Susana Pereira-Ventura vom ver.di-Bereich Maritime Wirtschaft. Ganz offensichtlich seien die Interessen der Seeleute in den zwei Corona-Jahren vielfach vernachlässigt worden. Insgesamt 60 Schiffe haben die ITF-Inspektoren in der zurückliegenden Woche in den Seehäfen Hamburg, Bremen, Bremerhaven, Brake, Rostock, Wismar und Lübeck besucht und dabei mehr als 100 Verstöße festgestellt. Tatsächlich sei auf nur sehr wenigen Schiffen alles in Ordnung gewesen. „Auf einem Schiff liefen sogar überall Kakerlaken herum“, so Susana Pereira-Ventura.

    Baltic Week 2013 ITF Auf 60 Schiffen gab es während der Baltic Week 2022 teils massive Mängel und Beanstandungen


    Jedes Jahr im Herbst veranstaltet die ITF die Baltic Week, eine Aktionswoche in den deutschen Seehäfen. ITF-Inspektoren und Freiwilligenteams kontrollieren Schiffe, schauen nach, ob die Seeleute anständige Bedingungen an Bord haben. Vor allem Schiffe aus Billigflaggenstaaten, deren Reeder sie in Staaten wie Panama, Liberia, Äquatorialguinea oder Malta registrieren lassen, um Heuer und Steuer zu sparen, werden gecheckt. „Dockers organize seafarers – seafarers organize dockers“ (Hafenarbeiter organisieren Seeleute – Seeleute organisieren Hafenarbeiter), ist das Motto der ITFler. Bei ihren Kontrollen an Bord geht es ihnen um die Einhaltung von sozialen Mindeststandards. Wer sich weigert, mit der ITF zu verhandeln, bekommt Probleme. Das läuft ganz einfach: Wer sich dem Bordcheck der ITF verweigert, wird von den Hafenarbeitern nicht entladen. Das kann dann richtig teuer werden für die Reederei.

    Schärfste Waffe der ITF

    Ein Hafenarbeiter-Boykott ist die schärfste Waffe der ITF. Als im Jahr 1896 in Rotterdam die Hafenarbeiter die Arbeit niederlegten, forderten englische Reeder ihre Schiffsbesatzungen auf, die Ladungen selbst zu löschen. Doch die weigerten sich seinerzeit, ihren streikenden Kollegen an Land in den Rücken zu fallen. Es war die Geburtsstunde der Internationale der Transportarbeiter.

    „Es kann nicht sein, dass Reeder nicht nur internationale Vorschriften und Arbeitsvereinbarungen ignorieren, sondern auch gegen grundlegende Menschenrechte verstoßen – aus reiner Profitgier. Viele Schifffahrtsunternehmen erzielen Rekordgewinne auf dem Rücken der Seeleute“, sagt Gewerkschafterin Pereira-Ventura und fordert dringlich mehr und bessere Kontrollen. In Verantwortung stünden hier die Hafen- und Flaggenstaaten.

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