Gleichstellung

    Eine universelle Geschichte über das Scheitern

    Kino

    Filmtipp: Berlin Alexanderplatz – es ist ganz egal, woher ein Mensch kommt

    Es ist diese Stimme, die immer wieder sagt, dass Francis doch eigentlich nur ein guter Mensch werden will und doch immer wieder scheitert. Sie sagt das schon am Anfang des Films, nachdem Francis die Flucht von Afrika nach Europa gerade so überlebt, aber seine Freundin Ida nach dem Kentern des Bootes in den Tiefen des Mittelmeeres verliert. „Dies ist die Geschichte von Francis B., meinem Francis. Ihr werdet sehen, wie Francis nach Berlin kommt, wie er dreimal strauchelt und fällt. Wie er immer wieder aufsteht“, sagt dann diese Stimme, eine angenehme, irgendwie verführerische Stimme, die sich erst viel später als die Stimme von Mieze entpuppen wird und noch durch Francis kaputtes Leben führen wird, wenn sie wie Ida im Strudel seines wahnsinnigen Lebens längst ums Leben gekommen ist.

    Mieze (Jella Haase) nimmt sich Francis (Welket Bungué) an 2019 Sommerhaus/eOne Germany (Foto: Stephanie Kulbach) Mieze (Jella Haase) nimmt sich Francis (Welket Bungué) an


    Ida, Mieze, es sind zwei der entscheidenden Schlüsselfiguren in Alfred Döblins 20er-Jahre-Epos Berlin Alexanderplatz, in dem der gerade aus dem Gefängnis entlassene Franz Biberkopf immer wieder Anlauf auf ein anständiges Leben nimmt. Der in Berlin lebende Filmemacher Burhan Qurbani hat sich nicht gescheut, Döblins großen Berlin-Roman, seinen Franz Biberkopf, seine Ida, die Mieze und Biberkopfs Gegenspieler Reinhold in die Gegenwart zu holen. Und nachdem sein Film im Februar bereits auf der Berlinale zu sehen war, kommt er nach coronabedingter Verschiebung nun in die wieder eröffneten Kinos.

    Aus Franz wird in Burhan Qurbanis Verfilmung der schwarze Flüchtling Francis und aus Reinhold ein linkischer, ständig auf Koks hyperaktiver Mittelkrimineller, der Francis ein ums andere Mal mit in den Abgrund reißt. Qurbani muss kein bisschen den Vergleich mit Rainer Werner Fassbinders gleichnamiger Fernsehserie scheuen, der Döblin 1980 verfilmt hat. Qurbani hat aus Döblins Roman den Kern, aus dem alles gewachsen ist, gepult, die universelle Geschichte über das Scheitern eines Menschen, der das Gute will und doch über das Böse stolpert. Und in dieser neu aufgelegten universellen Geschichte ist es eben auch ganz egal, woher ein Mensch kommt, welche Sprache er spricht, welche Hautfarbe er hat, an welchen Gott er glaubt oder nicht.

    Der Filmemacher lässt Francis unter anderem bei Dealern in der Berliner Hasenheide landen, in einem Park, der als Drogenumschlagplatz bekannt ist, und auf einer Großbaustelle in Berlins Mitte. Wie Döblin zu seiner Zeit legt Qurbani die Missstände unserer gegenwärtigen Gesellschaft offen. Und das mit teils gemäldeartig inszenierten Bildern von großer Wucht, mit Hauptdarsteller*innen, die in ihren Rollen aufgehen: Welket Bungué ist Francis, Albrecht Schuch Reinhold und Jella Haase Mieze. Sie geben ihren Figuren eine Stimme im doppelten Sinn. Großes Kino, große Kunst.

    Text: Petra Welzel


    D 2020, R: B. Qurbani, D: Bungué, Haase, Schuch, 183 Minuten, Kinostart 16. Juli 2020

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