Gleichstellung

    Die Lohnlücke schließen

    „Frust bringt uns nicht weiter“

    Berlin, Montag, 18. März 2019 | Zum 13. Mal haben sich Frauen und Männer am Brandenburger Tor zur Kundgebung am Equal Pay Day in Berlin getroffen. „Keine Zahl ruft so viel Frust hervor!“, rief der DGB-Gewerkschaftsvorsitzende Rainer Hoffmann am frühen Vormittag in die Menge. Es sei höchste Zeit, dass damit Schluss sei. Die Jahre der guten Worte seien vorbei, nun müssten Taten folgen, um die beschämende Lohnlücke von 21 Prozent endlich zu schließen. Soviel weniger verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als Männer, entweder bei gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit als ihre männlichen Kollegen, oder weil in Berufen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, schlechter bezahlt wird als in typischen Männerberufen, oder weil Frauen viel öfter wegen der Familienarbeit in Teilzeit arbeiten. Aufs Jahr heruntergerechnet markiert in diesem Jahr der 18. März den Tag, bis zu dem Frauen ab dem 1. Januar „für lau arbeiten“, also 77 Tage für nichts, rechnete Reiner Hoffmann vor.

    Aktion zum Equal Pay Day am Brandenburger Tor in Berlin am 18. März 2019 Foto: Christian Jungeblodt Aktion zum Equal Pay Day am Brandenburger Tor in Berlin am 18. März 2019


    Alle kochen nur mit Wasser

    Um das zu verdeutlichen, haben sich auf der Bühne am Pariser Platz einige Berufspaare aufgestellt. Auf ihren Schildern ist jeweils ihr Beruf zu sehen, auf dem Schild der Frauen prangt zusätzlich die prozentuale Lücke zum Gehalt des Kollegen. Etwa eine Köchin und ein Koch. Er verdient 15 Prozent mehr, kocht aber wie seine Kollegin auch nur mit Wasser. Beim Paar „Versicherungskaufmann/frau“ klafft zwischen Mann und Frau eine Verdienstlücke von 21 Prozent, beim Chemiker-Pärchen sind es 16 Prozent und bei den Sozialpädagogen differiert der Lohn um 11 Prozent.

    Aber „Frust bringt uns nicht weiter“, sagte Hoffmann bei der Kundgebung auch und forderte konkrete Nachbesserungen im jüngsten Entgelt-Transparenz-Gesetz. Es brauche mutigere gesetzliche Vorgaben, anhand derer Unternehmen die Lohngerechtigkeit in ihrem Betrieb prüfen müssen. Das gälte auch für kleinere und mittlere Unternehmen. Es sei ein Unding, dass das Gesetz nur für Unternehmen ab einer Größenordnung von 200 Beschäftigten gälte.

    Auch die anderen Teilnehmer*innen der Kundgebung kamen nicht unvorbereitet. Mitglieder von ver.di, DGB, dem Sozialverband SOVD, dem Deutschen Frauenrat und der SPD schwenkten ihre unterschiedlichen Fahnen, hier und da wurden letzte Absprachen getroffen, Fernsehteams und Fotografen drängelten sich der Bilder wegen in die erste Reihe – der Equal Pay Day ist immer ein Thema in den Medien. Und doch hat sich in den letzten 13 Jahren an der beklagten Lohnlücke so gut wie nichts geändert, im europäischen Vergleich ist Deutschland weiterhin ein Schlusslicht. Ähnlich übrigens wie die Vertreter der CDU, die erst vor Ort erschienen, nachdem ihre Abwesenheit in einer der Reden zur Kenntnis genommen wurde. Hastig hatten einige Anhänger dann wohl noch ein Partei-Winkelelement gegriffen und waren mit einiger Verspätung bei der Kundgebung aufgetaucht.  

    SPD-Familienministerin Franziska Giffey rennt offene Türen ein

    Dabei darf das Thema gerade von der Politik nicht weiter vertrödelt werden. Noch immer arbeiten zu 80 Prozent Frauen in den sozialen Berufen, was unmittelbar mit Entlohnung und Arbeitsbedingungen zusammenhängt. „Peinlich“, findet das auch SPD-Familienministerin Franziska Giffey. Sie beschwört den dringend notwendigen Flächentarifvertrag in der Pflege, ein Ende der Tarifflucht durch die Arbeitgeber und eine weitere finanzielle Aufwertung der sozialen Berufe. „Und dann“, beschwor die Familienministerin, „kommen auch wieder mehr Männer und entscheiden sich für so einen Beruf.“ Damit rannte sie beim heutigen Publikum natürlich offene Türen ein.  

    „Putzen, waschen, kochen, und was davon macht Jochen?“, fragten einige der Protestschilder der Demonstrierenden, unter die sich auch viele Männer gemischt hatten. Dominik Mikoleizig ist für die Kommunikation des SOVD zuständig. Mit seinen 29 Jahren findet er es „eigentlich traurig“, hier sein zu müssen. Für Jüngere sei diese Lohnlücke gar nicht nachzuvollziehen. „Deshalb muss ich hier stehen und mich zeigen.“

    Die stellvertretende ver.di-Landesvorsitzende von Berlin-Brandenburg, Andrea Kühnemann Foto: Christian Jungeblodt Die stellvertretende ver.di-Landesvorsitzende von Berlin-Brandenburg, Andrea Kühnemann, ist seit vielen Jahren mit dabei, wenn es um Lohngerechtigkeit geht


    Auch die frisch gewählte stellvertretende ver.di-Landesvorsitzende von Berlin-Brandenburg, Andrea Kühnemann, wollte sich hier wieder zeigen. Sie weiß genau, was zu tun ist und bringt die Forderungen der Gewerkschaften auf den Punkt: Lohnlücke schließen! Mehr Tarifbindung erreichen! Aufwertung der sozialen Berufe! „Ich stehe schon von Anfang an hier beim Equal Pay Day“, sagt sie, „und es ist immer kalt. Aber so lange sich nichts ändert, komme ich auch wieder.“

    Text: Jenny Mansch

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