Gesundheit

    In Schweden läuft manches besser

    Pflege: Drei Länder im Vergleich

    Deutschland, Schweden oder Japan? Bei den Arbeitsbedingungen in der Altenpflege ist überall noch viel Luft nach oben. Doch manches läuft in Schweden besser. So das Ergebnis einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Vergleichsstudie, die im August 2018 veröffentlicht wurde.

    Wie gesagt, vorbildlich ist es in keinem Land. Doch es gibt gewisse Unterschiede wie die Studie der Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Hildegard Theobald von der Universität Vechta zeigt. So sind Zeitdruck, Erschöpfung und prekäre Arbeitsverhältnisse zwar in allen drei Ländern verbreitet, doch Schweden tut sich durch eine umfassende Qualifizierungsstrategie hervor. In Japan ist der Männeranteil in der stationären Versorgung vergleichsweise hoch. Und Deutschland verfügt über ein relativ hohes Qualifikationsniveau in der ambulanten Pflege, während die stationären Einrichtungen hier in dieser Hinsicht relativ schlecht dastehen. Das läuft in Schweden wesentlich besser. Außerdem haben es Beschäftigte mit Migrationshintergrund hierzulande vergleichsweise schwer.

    Wer pflegt alte Menschen zu welchen Bedingungen? Eine Studie im Auftrag der HBS vergleicht drei Länder Foto: dpa Bildfunk Wer pflegt alte Menschen zu welchen Bedingungen? Eine Studie der HBS vergleicht drei Länder

    Ein gemeinsames Merkmal der drei Länder ist laut Studie die Errichtung einer universellen Pflegepolitik, die das Pflegerisiko für die Gesamtbevölkerung sozial absichert. Die Schweden waren hier seit den 1960er-Jahren Vorreiter, Deutschland und Japan zogen in den 1990er-Jahren nach. Als eine weitere Gemeinsamkeit nennt die Autorin die „marktorientierte Restrukturierung“ der Altenpflege: Dabei wurde in den vergangenen beiden Jahrzehnten die Konkurrenz gefördert. Für die Studie wurden Befragungsdaten aus den Jahren 2005 bis 2012 erfasst und amtliche Statistiken.

    Teilzeit weit verbreitet

    Der Anteil der Teilzeitjobs liegt in der ambulanten Pflege in Japan und Schweden bei etwa 60 Prozent, in Deutschland bei über 70 Prozent. In der stationären Pflege gibt es etwas mehr Normalarbeit: Zwischen 40 und 50 Prozent der Beschäftigten in Deutschland und Schweden arbeiten in Vollzeit. In Japan sind es 93 Prozent.

    In Schwedens Pflegeheimen arbeiten die meisten Fachkräfte

    In allen Ländern ist eine zwei- bis dreijährige Berufsausbildung die Regel. Zusätzlich gibt es Pflegehelfer/innen und ungelernte Kräfte. Im ambulanten Sektor ist das Qualifikationsniveau in Deutschland am höchsten, wo 53 Prozent der Beschäftigten eine dreijährige Ausbildung als Kranken- oder Altenpflegefachkraft absolviert haben. Im stationären Bereich liegt Deutschland dagegen mit einem Anteil von Kranken- und Altenpflegefachkräften von 33 Prozent hinten. Da ist die Situation laut Studie in Schweden wesentlich günstiger, wo in den Pflegeheimen zu zwei Dritteln Fachkräfte arbeiten. Die japanische Altenpflege zeichnet sich dagegen generell durch eine „begrenzte Professionalisierung“ aus. Im ambulanten Bereich beklagen dort 26 Prozent der Beschäftigten Ausbildungsdefizite, im stationären Bereich 44 Prozent.

    Hoher Zeitdruck vor allem in Deutschland

    In allen drei Ländern ist die Pflegearbeit belastend. Von regelmäßigem Zeitdruck berichten 54 Prozent der ambulanten Pflegekräfte in Deutschland, 35 Prozent in Japan und 37 Prozent in Schweden. Mindestens einmal wöchentlich fallen bezahlte Überstunden bei 52 Prozent der Deutschen, 28 Prozent der Japaner und 13 Prozent der Schweden an. Noch schlimmer sieht es im stationären Bereich aus: Zeitdruck ist hier bei 73 Prozent der Deutschen, 53 Prozent der Japaner und 40 Prozent der Schweden an der Tagesordnung.

    Migrant/innen machen mehr unbezahlte Überstunden

    Beschäftigte mit Migrationshintergrund spielen in Japan mit einem Anteil von 0,5 Prozent kaum eine Rolle, in Deutschland und Schweden sind es übereinstimmend 14 Prozent im stationären und 11 Prozent im ambulanten Sektor. Unbezahlte Überstunden machen 41 Prozent der Migrant/innen sowie 18 Prozent der anderen Beschäftigten. Zudem haben nur 23 Prozent der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund Gestaltungsspielräume und 35 Prozent der einheimischen Kollegen. Von ausländerfeindlichen Kommentaren sind 15 Prozent der Migrant/innen betroffen.

    In Japan arbeiten viele Männer in der stationären Pflege

    Der Frauenanteil in der Altenpflege beträgt fast überall mehr als 90 Prozent. Die einzige Ausnahme ist der stationäre Bereich in Japan, wo 35 Prozent der Beschäftigten junge Männer sind. Die Arbeitsbedingungen dort sind insofern typisch „männlich“, als es fast nur Vollzeitjobs gibt. Auch das Qualifikationsniveau ist dort höher als im ambulanten Bereich.

    Handlungsempfehlungen

    Für die deutsche Altenpflege gibt die Sozialwissenschaftlerin Hildegard Theobald mehrere Handlungsempfehlungen: So sollten ähnlich wie in Schweden grundsätzlich alle Pflegkräfte eine Ausbildung erhalten. Berufsbegleitende Angebote wären dabei wesentlich. Um den hohen Anteil an Minijobs und geringfügigen Teilzeittätigkeiten zu verringern, seien familienfreundliche, flexible Vollzeit- oder umfangreiche Teilzeitarrangements und eine bessere Kinderbetreuung notwendig. Und um den Zeitdruck zu verringern, müssten vor allem Personalengpässe beseitigt werden.

    Vergleichsstudie zum Download: https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_383.pdf

    In Japan arbeiten relativ viele Männer in der Pflege, weil ihnen dort eher Vollzeit angeboten wird Foto: dpa Bildfunk In Japan arbeiten relativ viele Männer in der stationären Pflege, weil ihnen Vollzeit angeboten wird

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