Welt-Aids-Tag: Arbeiten mit HIV

Obwohl Menschen mit HIV kein Ansteckungsrisiko mehr bergen, werden sie nach wie vor diskriminiert, und das nicht zuletzt bei der Arbeit. Unwissenheit ist ein großes Problem, Betriebsvereinbarungen sind eine Lösung
© dpa
Schon 200 Un­ter­neh­men und Be­trie­be in Deutsch­land ha­ben sich der Ak­ti­on #po­si­tiv­ar­bei­ten an­ge­schlos­sen
30.11.2023

„Leben mit HIV. Anders als du denkst?“ Unter diesem Motto steht der diesjährige Welt-Aids-Tag. Und das aus gutem Grund. Denn Menschen mit Aids leben heute ein völlig normales Leben, was aber nichts daran ändert, dass sie immer noch Ausgrenzung erfahren. Und das auch bei der Arbeit.

Als 1981 Ärzte in den USA zum ersten Mal über das Auftreten einer neuen Krankheit bei – bis zur Infektion – gesunden, jungen, homosexuellen Männern berichten, und ein Jahr später die ersten Fälle in Deutschland bekannt werden, verbreitet die damals noch in den meisten Fällen tödlich verlaufende Viruserkrankung Panik. Die Angst vor Ansteckung ist in weiten Teilen der Bevölkerung groß, an Aids Erkrankte werden wie Aussätzige behandelt, allem voran an ihrem Arbeitsplatz. Doch über 40 Jahre später ist die Situation schon lange eine völlig andere: Dank antiviraler Medikamente bedeutet Aids kein Todesurteil mehr, die Gefahr der Übertragbarkeit ist quasi nicht mehr existent. HIV-positive Menschen sind in keiner Weise mehr eingeschränkt, Frauen können schwanger werden und Kinder gebären und müssen keine Sorge haben, ihre Kinder dabei zu infizieren.

Das alles sollte inzwischen zum Allgemeinwissen zählen. Doch nach wie vor erfahren HIV-positive Menschen Diskriminierung und – kaum zu glauben – in hohem Maße im Gesundheitswesen. Betroffen sind Patient*innen wie Beschäftigte gleichermaßen. Zuletzt hat die Deutsche Aidshilfe in diesem Jahr auf zwei Fälle hingewiesen, in denen zwei positiven Männern ein Arbeitsplatz im Gesundheitswesen verwehrt wurde.

Fall 1

Der erfahrene Intensivpfleger Carsten Müller (Name geändert) hatte sich auf eine Stelle an der Charité beworben. Die arbeitsmedizinische Untersuchung schien für ihn dabei nur eine Formalität im Rahmen eines Stellenwechsels zu sein. Müller nimmt seit vielen Jahren Medikamente zur Behandlung seiner HIV-Infektion, die Viruslast in seinem Blut liegt unterhalb der Nachweisgrenze der üblichen Verfahren. Das hatte er in seiner Einstellungsuntersuchung auch mitgeteilt. Allein die Betriebsärztin hatte damit ein Problem und verweigerte ihm die Eignungsbescheinigung. Die Folge: Müller wurde noch in der Probezeit entlassen.

Vor dem Arbeitsgericht stimmte die Charité im Rahmen eines Vergleichs einer Entschädigung zu. Die Deutsche Aidshilfe vermutet unter anderem, um ein längeres und öffentlich sichtbares Verfahren nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) abzuwenden.

Dennoch zog der Vorfall an Europas größtem Universitätsklinikum weite Kreise, rief Unverständnis und Empörung hervor. Der HIV-Status von Beschäftigten darf nämlich heute im Berufsleben praktisch keine Rolle mehr spielen – auch im Gesundheitswesen nicht.

 

„Die Übertragungsmöglichkeiten von Berufstätigen auf Patient*innen im Alltag sind meistens konstruiert und es wundert nicht, dass sie in der Realität so gut wie nie stattfinden.“

Prof. Dr. Stefan Esser, Universitätsklinikum Essen

„Solche Fälle sind eine absolute Ausnahme und stammen überwiegend aus einer Zeit, als die effektive antivirale Therapie noch nicht breit verfügbar war“, so der HIV-Experte Esser, der auch Vorsitzender der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG) ist. Es gebe selbst im medizinischen Bereich kaum Tätigkeiten, die mit hohem Risiko von HIV-Übertragungen für Patient*innen durch Personal verbunden seien.

Fall 2

Frank Martin (auch sein Name ist geändert) hat seit seiner Kindheit davon geträumt, Zahnarzt zu werden. Doch weil auch er wie Carsten Müller HIV-positiv ist, hat sich sein Traum womöglich ausgeträumt.

Im Januar 2020 sitzt Martin, damals Student der Zahnmedizin an der Philipps Universität Marburg, im Behandlungszimmer seiner für ihn zuständigen Betriebsärztin. Nach dem ersten Staatsexamen will er endlich in die praktischen Kurse gehen, bei denen die Uni mit der nahen Uniklinik kooperiert. Vorher steht noch eine arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung an. Martin gibt zunächst an, dass er keine HIV-Infektion habe. Er hat Angst vor Konsequenzen, lässt sich aber schließlich von der Betriebsärztin zu einem HIV-Test überreden.

Einige Tage nach der Untersuchung liegen die Laborergebnisse vor. Die Betriebsärztin weiß nun, dass er HIV-positiv ist. Im magazin.hiv der Deutschen Aidshilfe erzählt Martin: „Und Sie denken einfach, dass Sie Zahnmedizin studieren können?“, habe ihn die Ärztin gefragt und gefordert, alle drei Monate die Laborfunde zu seiner HIV-Behandlung einzureichen. Zudem habe sie die Einberufung einer Expertenkommission angekündigt. Diese Kommission werde prüfen, ob und unter welchen Bedingungen er weiterstudieren dürfe.

Nach der betriebsärztlichen Untersuchung bittet die Ärztin den Studenten Martin noch weitere Male zu sich. Sie habe ihn nach der medizinischen Begleitung seiner HIV-Infektion gefragt, aber auch nach seinem privaten Umfeld, seinem Lebensstil. „Das ging viel zu weit“, findet Martin. Er kooperiert anfänglich, doch es nützt ihm nichts. Auch ihm stellt die Betriebsärztin keine Eignungsbescheinigung aus. Und dabei ist sich die Wissenschaft auch hier einig: HIV wird in der zahnärztlichen Praxis faktisch nicht übertragen – weder von Patient*innen auf Ärzt*innen noch umgekehrt.

Nachdem Frank Martin trotz der Hindernisse sein zweites Staatsexamen besteht, sucht er Hilfe bei der Antidiskriminierungsstelle der Deutschen Aidshilfe und bekommt rechtlichen Beistand. Allerdings hat die Uni Marburg kein Einsehen, ignoriert Gerichtsurteile und bekommt 2022 sogar Recht. Martin erhält keinen Zugang zu den praktischen Kursen. Wie soll er da Zahnarzt werden? Es ist ein Beispiel dafür, wie ein Mensch diskriminiert werden kann und ihm die berufliche Perspektive verloren geht. Martin ist seither jeglicher Antrieb verloren gegangen.

Auch Christoph Schreiber vom Verein „pro plus Berlin“, der sich seit Jahren darum bemüht, mit Vorurteilen über Menschen mit Aids aufzuräumen, kennt einen Zahnmedizinstudenten, dem es ähnlich ergangen ist. Schreiber sagt: „Viele HIV-positive Menschen, haben Angst, was passieren würde, wenn auf der Arbeit herauskommen würde, dass sie Aids haben. Sie verschweigen es lieber.“

Schreiber selbst, Verwaltungsfachangestellter, war es vor einigen Jahren leid, seine eigene Infektion zu leugnen. Seinerzeit hatte er schon mehrfach an der „Positiven Begegnung“, dem größten Treffen von Aids-Aktivisten in Europa teilgenommen. Ein Post von einem dieser Treffen mit ihm auf Social Media, dem er ausdrücklich zustimmte, machte die Runde, letztlich auch in der Verwaltung, in der er arbeitete. Seine Chefin kam damals zu ihm und sagte, der Post habe nun vorherige Gerüchte bestätigt. Sie fand es gut, dass es die nun nicht mehr gebe, und bestärkte Schreiber darin, offen mit seiner Infektion umzugehen. Diskriminierung erfuhr er dadurch nicht.

Unlängst saß Christoph Schreiber deshalb auch in einer Gesprächsrunde vom Arbeitskreis queer in ver.di. Dort ging es ebenfalls um die anhaltende Diskriminierung von HIV-Positiven am Arbeitsplatz. Kerstin Mirsch, Pflegefachkraft mit langjähriger Erfahrung und seit zehn Jahren bei der Deutschen Aidshilfe für HIV-bezogene Diskriminierung zuständig, berichtete unter anderem von den oben genannten Fällen. Auch sie sagte: „Seit 20 Jahren wissen wir, dass Menschen mit einer kaum nachweisbaren Viruslast nicht mehr ansteckend sind.“ Pro Jahr landen etwa zehn arbeitsrechtliche Fälle auf ihrem Tisch, vor allem im Bereich Gesundheitswesen, aber auch aus dem Bereich Polizei und Feuerwehr. „Wenn sich jemand outet, beginnen die Probleme“, sagt Mirsch.

 

#positivarbeiten

2019 hat die Deutsche Aidshilfe die Aktion #positivarbeiten gestartet. Bis heute haben sich dem „Aufruf zu Respekt und Selbstverständlichkeit: Arbeitgeber*innen für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben“ 200 Unternehmen und Betriebe angeschlossen. Es sind große und kleine Unternehmen, Städte, Ministerien, Vereine, Gewerkschaften einschließlich ver.di und Verbände. Und die Idee wurde inzwischen auch von anderen Ländern aufgegriffen. Nach Österreich und den USA starteten zum Welt-Aids-Tag 2021 auch Tschechien, die Schweiz und acht lateinamerikanische Länder den Aufruf #workingpositively.

Damit Positives Arbeiten gelingen kann, bedarf es vor allem Betriebsvereinbarungen. Bekenntnisse allein reichen nicht. Silvia Thimm ist ver.di-Mitglied und Mitglied des Vorstandes der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Ein wichtiges Ziel der Berufsgenossenschaft sowie der Unfallkassen ist die Vorsorge. Das heißt, sie arbeitet daran mit, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken zu vermeiden. Und ganz in diesem Sinn hat Silvia Thimm an einer Muster-Betriebsvereinbarung (s. unten zum Downloaden) mitgearbeitet, in der der Beschäftigtenschutz bei einer chronischen Infektion und Besiedelung mit multiresistenten Bakterien, zum Beispiel MRSA, geregelt wird.

2018 hatte es ein Forschungsprojekt der Freiburger Forschungsstelle zu Infektionen im Gesundheitswesen gegeben, zunächst für HIV-Infektionen und Hepatitis. Den Auftrag dazu hat die Berufsgenossenschaft auf Betreiben der ver.di-Kolleg*innen um die MRSA-Besiedelung erweitert. Im Zuge dessen wurde dann eine erste Betriebsvereinbarung entwickelt. Sie beruhte auf den Erfahrungen von Betriebsärzt*innen, die das Ausbruchsgeschehen bei Beschäftigten erlebt und begleitet haben. Diese haben Silvia Thimm und ihre Mitstreiter*innen mit Rechtsbeistand von ver.di noch um die Punkte Prävention, also Vorsorge, und den Kündigungsschutz ergänzt.

 

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