Gesundheit

    Krankenhauspsychiatrie: Versorgung unzureichend

    Beschäftigte am Limit

    10. September 2019 – Mehr als drei Viertel der Beschäftigten in psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland können sich nicht vorstellen, bei der derzeitigen Personalsituation bis zur Rente in der Psychiatrie zu arbeiten. Das ist das Ergebnis einer ver.di-Umfrage unter Beschäftigten aus psychiatrischen Fachkrankenhäusern und Fachabteilungen. Das ver.di-Versorgungsbarometer Psychiatrie macht deutlich, dass die derzeit herrschende personelle Unterausstattung die Beschäftigten an ihre Grenzen bringt. 77,3 Prozent der Beschäftigten bewerten die Besetzung auf ihrer Station als „knapp“ oder „viel zu gering“. Mit einem heute stattfindenden Aktionstag macht ver.di bundesweit auf die prekäre Personalsituation in psychiatrischen Krankenhäusern aufmerksam.

    Personalverordnung Plus

    Am 19. September will der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über Vorgaben für die erforderliche Personalausstattung in der Psychiatrie entscheiden. Der G-BA ist das oberste Organ der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. ver.di fordert, bei der anstehenden Beschlussfassung des G-BA zur Nachfolgeregelung der noch bis 31. Dezember dieses Jahres gültigen Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) die Personalausstattung in der Psychiatrie deutlich zu verbessern, eine „PsychPVplus".

    Bislang vorliegende Entwürfe, die sogar zu einer Verschlechterung der bisherigen Standards und damit zu einer „PsychPVMinus“ führen könnten, müssten unverzüglich vom Tisch. „Niemals wieder darf es eine Verwahrpsychiatrie geben", sagte Sylvia Bühler, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand. Die Ergebnisse des Versorgungsbarometers zeigten glasklar, dass in der Psychiatrie  dringend mehr Personal gebraucht werde. An der Umfrage hatten sich 2320 Psychiatrie-Beschäftigte aus 168 Krankenhäusern aus allen Bundesländern beteiligt.

    Mehr Zeit für Patient*innen

    „Der G-BA muss die Zeitwerte pro Patientin beziehungsweise Patient für die verschiedenen Berufsgruppen deutlich erhöhen“, so Bühler weiter. Die Krankenkassen müssten das für eine gute Versorgung erforderliche Personal finanzieren. Wenn die Personalvorgaben nicht eingehalten werden, müsse dies Konsequenzen haben. Bühler: „Ein bedarfsgerechtes System der Personalbemessung in der Psychiatrie ist im Interesse der Patientinnen und Patienten sowie der Beschäftigten.“

    Derzeit können viele Versorgungsaufgaben nur noch zum Teil oder gar nicht mehr erfüllt werden, wie die ver.di-Umfrage ergab. Demnach konstatierten mehr als 80 Prozent der Befragten, ein begleiteter Ausgang für alle Patient*innen sei bei Bedarf „nur zum Teil“, „nur sehr eingeschränkt“ oder „nicht möglich“ gewesen. Zu Überlastung kommen für die Beschäftigten noch konkrete Gefährdungen durch körperliche und verbale Angriffe. Knapp die Hälfte der Befragten war in den vergangenen vier Wochen mindestens einmal körperlichen Übergriffen ausgesetzt; rund 80 Prozent sind mindestens einmal beschimpft worden. Personalmangel gilt als eine wichtige Ursache für die Zunahme von Aggressionen.

    Zusammenhang besteht

    In hunderten Kommentaren hatten die Beschäftigten auf den Zusammenhang von fehlendem Personal, Unterversorgung, Eskalation und psychischer Belastung hingewiesen. Drei von vier Beschäftigten hatten angegeben, in den zurückliegenden vier Wochen mindestens eine Zwangsmaßnahme miterlebt zu haben, die Hälfte mindestens einmal in der Woche. Jede*r Fünfte gab sogar an, dass das praktisch in jedem Dienst vorkomme. Mehr als die Hälfte der Befragten waren sich sicher, dass „ungefähr die Hälfte" oder „fast alle" dieser Zwangsmaßnahmen mit einer besseren Personalausstattung vermeidbar gewesen wären. Daher stellt ver.di den heutigen Aktionstag mit bundesweit stattfindenden Veranstaltungen unter das Motto „Für gute Versorgung und gute Arbeitsbedingungen statt Zeitnot und Verwahrpsychiatrie!"

    Aufruf zum Aktionstag Psychiatrie

    Versorgungsbarometer Psychiatrie

    ver.di für Beschäftigte in psychiatrischen Einrichtungen

     

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