PPR 2.0 – was ist das eigentlich?

    Zum 1. Januar 2023 soll eine verbindliche Pflegepersonalregelung zunächst in ausgewählten Krankenhäusern in Deutschland eingeführt werden, die PPR 2.0. Was ist das und was bedeutet es für Beschäftigte und Patientinnen und Patienten?

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    Allein auf weiter Flur – ist leider viel zu oft der Alltag des Pflegepersonals in Deutschlands Krankenhäusern
    22.11.2022

    INHALT


    Was ist PPR 2.0?

    Um das Kürzel „PPR 2.0“ zu verstehen, erklären wir erst einmal was PPR überhaupt ist. Übersetzt steht PPR kurz für das lange Wort „Pflegepersonalregelung“ in Krankenhäusern. Und dafür: Auf jeder bettenführenden Station einer Klinik wird für eine Schicht eine bestimmte Anzahl an Pflegepersonen eingesetzt. Doch wer bestimmt über diese Anzahl? Dazu diente das 1993 eingeführte Instrument der Pflegepersonalregelung (PPR), mit ihm lässt sich für den Tagdienst bestimmen, wie viele Pflegepersonen auf einer Station vorgesehen sein müssen, damit jederzeit die Versorgung der Patientinnen und Patienten gewährleistet ist.

     

    Warum wurde die PPR entwickelt?

    Bereits in den 1980er Jahren wurde in Deutschland von einem Pflegenotstand gesprochen. In den 1990er Jahren wurden schließlich die ersten Ansätze der PPR entwickelt. Als die PPR 1993 in Kraft trat, wurde mit einem Personalmehrbedarf von mehr als 20 Prozent gerechnet. Am Ende gab es einen Zuwachs von 21.000 Vollzeitkräften auf chirurgischen und internistischen Normalstationen. Aber: 1997 wurde die PPR gesetzlich schon wieder abgeschafft, da der notwendige Personalaufwuchs nicht durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) finanziert werden sollte. Als Grundlage für die interne Berechnung von Personalschlüsseln diente sie aber weiter in vielen Krankenhäusern.

     

    Wie funktioniert die PPR?

    Jeden Tag werden alle Patient*innen jeweils einer von bisher neun Pflegeaufwandsgruppen (bei erwachsenen Patient*innen) zugeordnet. Die Pflegeaufwandsgruppen setzen sich zusammen aus der Kombination von jeweils drei Pflegestufen in zwei unterschiedlichen Bereichen der Pflege, aus der „Allgemeinen Pflege“ (Grundpflege) und der „Speziellen Pflege“ (Behandlungspflege) zusammen. Je mehr Pflegebedarf eine zu pflegende Person hat, desto größer fällt die Pflegeintensität aus.

    Die Allgemeine Pflege umfasst dabei:

    • die Körperpflege
    • die Ernährung
    • die Ausscheidung
    • die Bewegung und Positionierung

    Die Spezielle Pflege umfasst:

    • Operationen, invasive Maßnahmen, akute Krankheitsphasen
    • die medikamentöse Versorgung
    • Wund- und Hautbehandlungen

    Für jede der neun Aufwandsgruppen ist ein fester Minutenwert hinterlegt, der die für den Pflegebedarf aufzubringenden pflegerischen Leistungen abbilden soll und in Personalstellen umzurechnen ist. Seit der Aussetzung der PPR 1997 wird dieses Instrument jedoch nur intern zur Berechnung des Pflegepersonalbedarfs eingesetzt, eine verpflichtende Umsetzung ist damit nicht verbunden.


    Wie funktioniert die PPR 2.0?

    Die PPR 2.0 ist das neue Instrument zur Ermittlung des Pflegepersonalbedarfs in der Krankenhauspflege, in dem pflegewissenschaftliche Erkenntnisse und Weiterentwicklungen im Pflegemanagement der letzten Jahrzehnte eingeflossen sind. Es dient für den Übergang, bis ein weitergehendes Instrument voraussichtlich Ende 2025 vorliegen soll. Damit die Entlastung im Pflegealltag auf den Stationen und in den Bereichen tatsächlich ankommt, hat ver.di zusammen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Deutschen Pflegerat (DPR) 2020 Eckpunkte zur Umsetzung vereinbart. Sie geben den Rahmen für die Personalbesetzung der Pflege in den Stationen und Bereichen und für einen Dienstplan vor, der eine bedarfsgerechte Versorgung der Patientinnen und Patienten unter Einhaltung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für die Beschäftigten sichert. Jedes Krankenhaus muss darüber hinaus ein Ausfallkonzept haben, mit dem die Regelbesetzung eingehalten und Überlastung verhindert wird.

    Und: Die „alte“ PPR sah keine Berechnung für den Nachtdienst vor. ver.di hat bei der Weiterentwicklung der PPR 2.0 deshalb darauf gedrängt, dass diese Leerstelle durch Mindestvorgaben für alle bettenführenden Stationen und Arbeitsbereiche gefüllt wird. Weil die vollständige Umsetzung deutlich mehr Pflegepersonal erfordern wird (siehe auch die Anfänge von PPR oben), soll es Übergangsregelungen geben. ver.di plädiert für einen Stufenplan, der verbindlich umgesetzt werden muss.

     

    Was unterscheidet PPR 2.0 von PPR?

    Patientinnen und Patienten werden täglich in eine Pflegeaufwandskategorie eingestuft, die sich aus der Kombination von je vier Leistungsstufen der allgemeinen und speziellen Pflege ergibt (siehe oben). Die Minutenwerte wurden aktualisiert und ergänzt um jeweils eine Aufwandsgruppe für hochaufwendige Leistungen in der allgemeinen und speziellen Pflege. Hinzu kommen ein täglicher Grundwert, der die Leistungen ohne unmittelbaren Patientenbezug erfasst sowie ein Fallwert pro Aufenthalt, der beispielsweise das Aufnahme- und Entlassungsmanagement abdeckt. In der Summe ergibt sich so ein Zeitwert pro Patient*in, der den Pflegepersonalbedarf abbildet. Der zusammengefasste Wert aller Patient*innen ergibt dann den Pflegepersonalbedarf des jeweiligen Krankenhauses, der in Pflegepersonalstellen umgerechnet werden kann. Insoweit unterscheiden sich die beiden Personalbemessungs-Instrumente in ihrer Logik nicht. Neben der Berücksichtigung aktueller pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse wurden die Zeitintervalle mit der PPR 2.0 aktualisiert: Als Nachtschicht gilt die Zeit zwischen 22 und 6 statt wie bisher ab 20 Uhr. Für die Abendstunden zwischen 20 und 22 Uhr wirkt so noch ein besserer Personalschlüssel.

     

    Nachts im Krankenhaus

    Der ver.di-Nachtdienst-Check hat es 2015 schon ans Tageslicht gebracht: Nachts im Krankenhaus ist teils die Hölle los, aber dafür oft nicht ausreichend Personal vor Ort.

    Warum braucht die Umsetzung von PPR 2.0 so lange?

    Die Folgen von zwei Jahrzehnten verfehlter Gesundheitspolitik zu korrigieren – das bedeutet durch ein dickes Brett zu bohren. Der ver.di-Personalcheck von 2013 und die ver.di-Aktion Das Soll ist Voll von 2017 hatten gezeigt: Allein in der Pflege waren zum damaligen Zeitpunkt rund 80.000 zusätzliche Fachkräfte nötig. Deshalb streitet ver.di auch schon lange für mehr Personal und Entlastung in den Krankenhäusern. Mit bundesweiten Aktionen wie dem Nachtdienstcheck, mit Großdemonstrationen und mit Streiks für Tarifverträge zur Entlastung hat ver.di für Bewegung und Druck gesorgt. Und mit Entlastungs-Tarifverträgen auch in einzelnen Kliniken schon für bessere Personalschlüssel gesorgt.

    Nun scheint auch das große Ziel nah: Zum 1. Januar 2023 wird PPR 2.0 eingeführt. Allerdings: Laut Kabinettsentschluss von Mitte September 2022 kann Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) die PPR 2.0 per Rechtsverordnung „im Einvernehmen mit dem Bundesministerium der Finanzen“ einführen. Damit steht das Projekt – zumal mit all den geweckten Erwartungen bezüglich der finanziellen Besserstellung der Krankenhauspflege – unter dem Vorbehalt des Finanzministers, aktuell ist das Christian Lindner (FDP). Aufhorchen lässt auch das Wort „kann“. Lauterbach kann also die Rechtsverordnung zu PPR 2.0 erlassen, muss es aber nicht. Die Zukunft der Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus ist durch diese zwei Änderungen zum ursprünglichen Entwurf der Verordnung deutlich unklarer geworden.

    Dennoch soll die Erprobungsphase für die PPR 2.0 im Januar 2023 in ausgewählten Kliniken starten. Ab 2025 soll die Personalbemessung dann für alle Kliniken gelten und sanktioniert werden, sollten sich Kliniken nicht daranhalten. „Die Einführung der PPR 2.0 als bedarfsgerechte Personalbemessung in der Krankenhauspflege muss verbindlich kommen – so, wie es im Koalitionsvertrag vereinbart wurde“, fordert nachdrücklich Sylvia Bühler, die im ver.di-Bundesvorstand für das Gesundheitswesen zuständig ist. „Völlig inakzeptabel ist, dass Bundesfinanzminister Christian Lindner bei der Personalausstattung plötzlich mitreden soll. Es braucht genug Personal, um Patienten sicher und gut zu versorgen, keine Personalausstattung nach Kassenlage“, so die Gewerkschafterin.

     

    Wird PPR 2.0 auch wirklich funktionieren?

    Ein Probelauf der PPR 2.0 in 44 Krankenhäusern im Jahr 2020 hat bereits ergeben, dass die PPR 2.0 in der Praxis handhabbar und umsetzbar ist.

    Eine Berliner Kardiologie-Station stellte damals fest: „Wäre die Relation von Pflegekräften und Patient*innen wie in der PPR 2.0, hätten wir 40 Prozent mehr Personal und endlich wieder Zeit für Pflege und Zuwendung.“ Aus der Region Rhein-Neckar fasste eine Geriatrie-Station nach ihrem Probelauf zusammen: „Die PPR 2.0 wäre an diesem Tag nur zu rund 55 Prozent erfüllt worden. Würde sie vollständig umgesetzt, könnte zum Beispiel die interdisziplinäre Arbeit der Pflegekräfte mit den Therapeut*innen viel besser laufen. Es wäre Zeit für persönliche Zuwendung und Gespräche mit Angehörigen. Das wäre richtig gut.“
    Auf einer Inneren und Neurologie-Station in Oberfranken stellten de Beschäftigten fest: „Wir fanden eigentlich, dass die Station an diesem Tag vergleichsweise gut besetzt war. Doch im Vergleich zur PPR 2.0 lagen wir bei nur knapp 68 Prozent des notwendigen Personals. Daran sieht man, wie sehr man sich an den Mangel schon gewöhnt hat. Wenn wir die laut PPR 2.0 nötigen Pflegekräfte hätten, müssten wir nicht ständig verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig machen. Wir könnten einen Leitungsdienst haben, der ans Telefon geht, so dass die anderen nicht immer wieder bei der Pflege unterbrochen werden. Wir könnten geplant und in Ruhe unsere Pausen nehmen und pünktlich rauskommen. So sollte es sein.“
    So wird es jetzt hoffentlich schon bald sein.

     
    Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie viel Personal pro Patient*in notwendig sein kann
    © dpa
    Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie viel Personal pro Patient*in notwendig sein kann