5,1 Millionen Beschäftigte im Handel verdienen mehr

    Im Groß- und Au­ßen- so­wie im Ein­zel- und Ver­sand­han­del wer­den in den kom­men­den Wo­chen wie­der für ins­ge­samt 5,1 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te die Ta­ri­fe ver­han­del­t. 5,1 Mil­lio­nen Men­schen, die sich auf ins­ge­samt 429.000 Un­ter­neh­men ver­tei­len, da­von al­lein 3,1 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te im Ein­zel- und Ver­sand­han­del auf 317.000 Un­ter­neh­men. Hin­ter die­sen Zah­len ste­cken zahl­rei­che Um­brü­che der letz­ten Jah­re. Di­gi­ta­le Pro­zes­se hin­ter­las­sen ih­re Spu­ren auch im Han­del. Vir­tu­el­le Ein­kaufstou­ren und Showrooms, Ro­bo­ter­e­in­sät­ze und neue Be­stell­sys­te­me sind längst Nor­ma­li­tät. Click & Col­lect ist durch die Co­ro­na-Kri­se fast schon All­tag. Ei­ne deut­li­che Spra­che spre­chen da auch die bei On­li­ne-Ver­käu­fen er­ziel­ten Um­sät­ze: Sie sind – nicht zu­letzt Co­ro­na-be­dingt – im ver­gan­ge­nen Jahr um 20,8 Pro­zent auf 71,5 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­stie­gen. Mehr Geld für die Be­schäf­tig­ten ist al­so da. Und mehr Geld for­dern sie jetzt auch.

    Beschäftigte im Handel

    Beschäftigte im Handel
    © ver.di

    Tarifrunde im Handel ist gestartet

    06.05.2021 – Viele Handelsunternehmen haben während der Corona-Pandemie ausgesprochen gut verdient – ob mit dem Verkauf von Lebensmitteln, Drogerieartikeln, Arzneien oder Baustoffen. Doch in den ersten Verhandlungen der Entgelttarifrunden für den Einzel- und Versandhandel sowie für den Groß- und Außenhandel signalisierten die Vertreter*innen der Arbeitgeberseite bisher, dass sie nichts von ihren Gewinnen an die Beschäftigten weitergeben wollen, die die guten Geschäfte in schwierigen Zeiten überhaupt erst möglich gemacht haben.

    „Die Botschaft ist klar: Die Arbeitgeber brauchen Druck!“, heißt es im Flugblatt von ver.di Handel in Nordrhein-Westfalen, wo am 5. Mai die ersten Verhandlungen für die Beschäftigten des Einzel- und Versandhandels stattgefunden haben. Wie schon zuvor in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg präsentierten die Arbeitgeber nicht einmal ein Angebot, obwohl ver.di vorab konkrete Forderungen präsentiert hatte. „Ein gutes Verhandlungsergebnis ist ohne Druck nicht zu erreichen. Deshalb müssen wir aktiv werden“, so ver.di-Verhandlungsführerin Silke Zimmer.

    Unternehmen im Handel

    Unternehmen im Handel
    © ver.di

    Systemrelevanz muss sich in Euro und Cent ausdrücken

    Maurike Maaßen ist eine erfahrene Gewerkschafterin aus der Praxis, Betriebsrätin bei Netto in Essen, Mitglied der Tarifkommission und auf vielen Ebenen bei ver.di ehrenamtlich aktiv. Sie empfindet das Verhalten der Arbeitgeber als „Dreistigkeit ohne Ende“. Denn, auch wenn es schon oft gesagt worden sei, stimme die Aussage: „Wir haben es verdient!“ Die Kolleg*innen in den Geschäften hätten in den zurückliegenden Monaten schwer geschuftet, aber mehr als Beifall sollten sie dafür nicht erhalten. Verzweifelt seien auch die Kolleg*innen, die wegen des Lockdowns nicht in den Läden vor Ort arbeiten konnten, inzwischen allerdings sehr viel für das Online-Geschäft getan hätten. „Es hieß ja so oft, dass wir ,systemrelevant‘ sind. Das muss sich nun in Euro und Cent ausdrücken.“

    Handelsrekordwert in Bayern

    In Bayern war die erste Verhandlungsrunde am 3. Mai ebenfalls ohne Angebot der Arbeitgeberseite verlaufen. Hubert Thiermeyer, ver.di-Verhandlungsführer im Landesbezirk, verwies auf das sehr gute Umsatzplus von 6,8 Prozent im bayerischen Einzel- und Versandhandel – ein Rekordwert seit 1994. Die Beschäftigten verdienten dafür „Respekt und Wertschätzung, vor allem durch Löhne und Gehälter, von denen sie ihr Leben bestreiten können und nicht von Altersarmut bedroht sind“. Die Arbeitgeber hätten seit Anfang März die ver.di-Forderungen vorliegen und seien nicht in der Lage gewesen, sich innerhalb von zwei Monaten differenziert dazu zu äußern.

    Die ver.di-Forderungen orientieren sich am konkret Machbaren und liegen für den Einzel- und Versandhandel bei etwa 4,5 Prozent plus 45 Euro Festbetrag, um die unteren Entgeltgruppen besser zu stellen. Außerdem soll niemand für weniger als 12,50 Euro Stundenlohn arbeiten. Im Groß- und Außenhandel bewegen sich die Forderungen – je nach Landesbezirk – zwischen 4,5 und 6 Prozent plus Festbetrag. Schließlich fordert ver.di die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge für beide Teilbranchen des Handels.

    Lohnpause für 2021 mit ver.di nicht zu machen

    Bereits in der zweiten Runde verhandelte am 5. Mai ver.di in Baden-Württemberg mit den Arbeitgebern für den Groß- und Außenhandel – ebenfalls ohne Annäherung. „Die ver.di-Verhandlungskommission hat das Verhalten der Arbeitgeber scharf kritisiert“, so anschließend ver.di-Verhandlungsleiter Bernhard Franke. Das Ansinnen der Arbeitgeber, für 2021 „jegliche Entgelterhöhung – einschließlich Einmalzahlungen – grundsätzlich ausfallen zu lassen“, lehne ver.di strikt ab. Auch ab 2022 solle es nach dem Willen der Arbeitgeber Entgelterhöhungen „nur in differenzierter Weise und nach der Krisenbetroffenheit der Unternehmen“ geben. Doch eine Lohnpause für 2021 sei mit ver.di nicht zu machen. Eine deutliche tabellenwirksame Entgelterhöhung müsse so schnell wie möglich durchgesetzt werden, zumal die Preise seit Jahresbeginn kräftig stiegen, so Bernhard Franke.

    Die Kolleg*innen im Handel sind jedenfalls entschlossen, für mehr Geld im Portemonnaie etwas zu tun – wie sie schon bei Aktionen vor dem Sitz der Arbeitgeberverbände des Groß- und Außenhandels in NRW, vor dem Edeka-Lager in Hamm und mehreren Ikea-Lagern gezeigt haben. Auch in Frankfurt/Main, Essen und Augsburg gab es inzwischen Auftaktaktionen zur Tarifrunde. Und nicht zuletzt beteiligten sich Anfang Mai auch wieder zahlreiche Beschäftigte an sieben Standorten des Versandhändlers Amazon an Streiks unter dem Motto „Tarifflucht beenden, Dumpinglöhne bekämpfen, Gesundheit schützen!“ Seit langem fordern die Kolleg*innen gemeinsam mit ver.di die Anerkennung der Flächentarifverträge Einzel- und Versandhandel sowie den Abschluss eines Tarifvertrages für gute und gesunde Arbeit.                                                                     

    Text: Gudrun Giese

    Worum geht es in der Tarifrunde im Handel?

    29.04.2021 – Das zurückliegende Jahr 2020 war im Handel nicht nur online ein Rekordjahr: Trotz der Lockdowns seit nunmehr über einem Jahr hat der Einzel- und Versandhandel den Gesamtumsatz intensiv gesteigert. Es war das elfte Wachstumsjahr in Folge und die Erlöse lagen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes real um knapp vier Prozent höher als 2019; im Großhandel waren es immerhin noch 1,8 Prozent. Darin steckt Rekordarbeit – und sie wird in großen und kleinen Geschäften, in Versandzentren, Lägern, auf LKWs sowie in Büros geleistet.

    Es gibt in den anstehenden Tarifrunden im Einzel- und Großhandel also etwas zu verteilen, wenngleich Corona sich in der gesamten Branche sehr unterschiedlich ausgewirkt hat. Während außer dem Versand- und Onlinegeschäft zum Beispiel auch der Handel mit Lebensmitteln und Baustoffen oder Pharmaprodukten enorm nach oben schnellte, gab es empfindliche Einbußen beim Mode- und Innenstadthandel sowie beim Verkauf von Maschinen und Ausrüstungen.

    Bei tarifgebundenen Unternehmen, die wegen der Pandemie in die Krise geraten sind, ist ver.di im Handel deshalb offen für tarifpolitische Lösungen, um damit die Arbeitsplätze der Kolleginnen und Kollegen abzusichern. Am 28. April war der Auftakt zur ersten Verhandlungsrunde im Handel in Baden-Württemberg. Im Verlauf des Monats Mai starten in fast allen anderen Bundesländern ebenfalls die Tarifrunden, lediglich in Mecklenburg-Vorpommern geht’s erst am 24. Juni los.

    4,5 Prozent und ein Festbetrag mehr

    Als Slogans haben die Tarifkommissionen „Ohne uns kein Geschäft!“ beziehungsweise „Ohne uns kein Handel!“ gewählt, weil sehr viele Beschäftigte trotz extrem gestiegener Belastungen „den Laden am Laufen“ halten. Andere müssen durch Kurzarbeit empfindliche Gehaltseinbußen hinnehmen. Das braucht dringend einen Ausgleich, verlangt Respekt und Anerkennung.

    Hauptanliegen von ver.di im Einzel- und Versandhandel ist es, die Löhne und Gehälter um 4,5 Prozent und um 45 Euro zu erhöhen. Mit Blick auf eine Mindestabsicherung im Alter wird als nächster Schritt auch ein tariflicher Mindestlohn von 12,50 Euro pro Stunde gefordert. Die Auszubildenden sollen in der Regel 100 Euro mehr im Monat bekommen. Verhandlungsstart ist Anfang Mai.

    „Wir wollen in jedem Fall tabellenwirksame Erhöhungen durchsetzen, auf denen dann auch in den kommenden Tarifrunden wieder aufgebaut wird", sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger. „Mit Einmalzahlungen lassen sich die Beschäftigten nicht abspeisen. Und wir werden auch auf die Straße gehen, um gute Tarifabschlüsse durchzusetzen.“

    Für den Groß und Außenhandel ist die Spannbreite der Forderungen relativ groß. Sie bewegen sich zwischen 4,5 Prozent plus Festbetrag und 6 Prozent, wobei alternativ Festbeträge bis zu 199 Euro verlangt werden. In Sachsen sollen die Arbeitgeber 1 Euro mehr pro Stunde zahlen.

    Große Angst vor Altersarmut

    „Die Angst vor Altersarmut ist sehr groß, weil es bei den Einkommen hinten und vorne nicht reicht“, sagt Jürgen Schulz, der bei Saturn beschäftigt ist. Er gehört der Tarifkommission für den Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen, in der kürzlich die Ergebnisse einer Tarifbefragung diskutiert wurden, in die fast 900 Betriebe einbezogen waren. Dass den Beschäftigten im Handel Altersarmut droht, untermauert auch eine aktuelle Studie, laut der jede zweite Verkäuferin in Nordrhein-Westfalen nur einen Niedriglohn bezieht. Dumping prägt bereits weite Teile des deutschen Einzel- und Versandhandels, angefacht durch die anhaltende Tarifflucht. Inzwischen sind rund 80 Prozent der Betriebe im Handel nicht mehr an die Flächentarifverträge gebunden.

    Neben einem deutlichen Gehaltsplus fordert ver.di deshalb für den gesamten Handel die sogenannte Allgemeinverbindlichkeitserklärung der Tarifverträge, kurz: AVE, die dann für alle Betriebe gelten würden. Eine gemeinsame Beantragung von Gewerkschaft und Arbeitgebern bei den Arbeitsministerien, die dafür notwendig wäre, verweigern die Arbeitgeberverbände bisher. Die Mobilisierung für spürbar bessere Einkommen und für die AVE ist unterdessen in vollem Gange.

    Text: Andreas Hamann

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    Der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke zur Tarifrunde im Handel