Soziale Berufe aufwerten

    „Wir sind keine Kaffeetanten“

    Auftakt der Verhandlungen

    Es geht um mehr als lobende Worte

    von Marion Lühring

    Sie haben anspruchsvolle Ausbildungen absolviert, sind hochmotiviert und machen einen Knochenjob. Erzieherinnen, Heilpädagogen, Jugendarbeiter/innen, Streetworker, Sozialarbeiter/innen und einige mehr leisten viel. Das möchten diese Menschen aber auch wertgeschätzt wissen. Nicht nur mit lobenden Worten, sondern messbar in einer angemessenen Bezahlung. Deshalb hat ver.di parallel zu den Tarifverhandlungen im Sozial- und Erziehungsdienst eine bundesweite Aufwertungskampagne gestartet.

    „Ich arbeite im sozialen Brennpunkt. Das geht an die Substanz. Da wünsche ich mir mehr Anerkennung.“

    Petra B., Erzieherin

    Rund 100 Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen und Pädagogen finden sich zum Verhandlungsauftakt am 25. Februar in Hannover vor dem Crowne-Plaza-Hotel ein und schwenken Fahnen. Überwiegend sind es Frauen. Viele davon arbeiten in Teilzeit. Meist nicht freiwillig, sie stecken im Zwang zum Zweitjob und möchten mehr verdienen. Und das machen sie deutlich. Mit Trillerpfeifen und klaren Worten. Mit dabei: Petra B., 58 Jahre alt. Auch sie will den Arbeitgebervertretern zeigen, dass sie mit Widerstand rechnen müssen. Die Erzieherin arbeitet seit 36 Jahren in ihrem Beruf und hat nur 2.000 Euro netto im Monat raus. „Viel zu wenig Geld für die anspruchsvolle, belastende Arbeit.“ Täglich hat sie es in dem Spielpark, in dem sie arbeitet, mit schwierigen, familiären Hintergründen und Kindern in Not zu tun. „Ich arbeite im sozialen Brennpunkt. Das geht an die Substanz. Da wünsche ich mir mehr Anerkennung.“ Manfred J. (50), Erzieher in einem anderen Spielpark, sieht das genauso. „Wir machen alles, von Hausmeistertätigkeiten, Büroarbeit bis hin zu den schwierigen sozialen Problemen. Der Druck nimmt zu, deshalb machen wir jetzt Druck. Ohne Druck passiert gar nichts.“

    Zum Auftakt der Tarifverhandlungen zur Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst erscheinen 100 Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen und Pädagogen vor dem Verhandlungshotel und unterstützen die Aufwertungskampagne. Foto: Thomas Langreder Ihre Berufe aufwerten, das ist die Forderung


    Kerstin B., 51 Jahre, arbeitet als Schuldner- und Insolvenzberaterin. Tagtäglich sieht sie die finanzielle Not, wenn die Schulden über den Kopf wachsen. „Das Thema Altersarmut kommt da auf uns zu.“ Die Sozialarbeiterin Annika A., 36 Jahre, ist ebenfalls an diesem kalten Vormittag angereist, um die ver.di-Kampagne zu unterstützen. Sie betreut eine Mädchengruppe in der Jugendhilfe. Für den Beruf hat sie studiert, insgesamt acht Jahre Ausbildung hat sie hinter sich. Doch das wird nicht genügend honoriert, findet sie. „Zu wenig Verdienst für die harte Arbeit“, sagt sie. Deshalb steht sie heute hier. „Ich will deutlich machen, wir sind nicht die Sozialarbeiter mit der Kaffeetasse in der Hand. Wir betreuen Kinder aus belasteten Familien.“

    Pressekonferenz zum Verhandlungsauftakt Aufwertung der Berufe im Sozial- und Erziehungsdienst am 25. Februar 2015 in Hannover Foto: Thomas Langreder Pressekonferenz: (v.li.) Detlef Ahting, ver.di-Landesleiter Niedersachsen-Bremen, Frank Bsirske, ver.di-Bundesvorsitzender

    Im Durchschnitt zehn Prozent

    Die Verhandlungsführer von ver.di und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) sitzen im Hotel das erste Mal in dieser Runde einander gegenüber. Verhandelt werden die Eingruppierungsvorschriften und Tätigkeitsmerkmale in der entsprechenden Gehaltstabelle sowie zusätzliche Verbesserungen beispielsweise für die Behindertenhilfe. Dazu hat ver.di bereits im September 2014 gegenüber der VKA die Eingruppierungsvorschriften für die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst zum 31. Dezember 2014 gekündigt. Es geht um statusverbessernde Einkommenserhöhungen für alle.

    Anders als bei Gehaltstarifrunden sonst, ist das Ziel der Verhandlungen die höhere Eingruppierung. „Im Durchschnitt soll das für jeden zehn Prozent mehr Einkommen bringen“, sagt der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske zwei Stunden später in einer Pressekonferenz. „Die Anforderungen an die Beschäftigten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Sie leisten die Arbeit pädagogischer Fachkräfte und müssen auch entsprechend bezahlt werden“, sagt er. Und die Details sind kompliziert. „Wir haben es mit 50 verschiedenen Tätigkeitsmerkmalen zu tun“, so Bsirske.

    Von einer höheren Eingruppierung werden 240.000 Menschen im Sozial- und Erziehungsdienst direkt profitieren, davon arbeiten 150.000 in Kindertagesstätten, 50.000 in der Sozialarbeit und 25.000 in der Behindertenhilfe. Indirekt wird sich eine Aufwertung auf weitere über 500.000 Menschen auswirken, da viele freie Träger und Kirchen ihre Bezahlung an den kommunalen öffentlichen Dienst anpassen oder sich daran orientieren.

    „Richtig gute Arbeit, die muss auch richtig gut bezahlt werden. Wir wollen aufwerten. Jetzt!“

    Frank Bsirske, ver.di-Vorsitzender

    Eine Stunde später auf der didacta-Messe wiederholt der ver.di-Vorsitzende das Motto der Kampagne vor 100 Teilnehmer/innen einer Podiumsdiskussion. Auch hier sind überwiegend Frauen anwesend. „Der Anspruch ist gewachsen, aber das Gehalt nicht. Richtig gute Arbeit, die muss auch richtig gut bezahlt werden. Wir wollen aufwerten. Jetzt!“, sagt Bsirske. Er zieht das Beispiel einer Erzieherin heran, die nach 27 Berufsjahren nur so viel verdient, wie ihr Neffe schon nach drei Jahren als Chemielaborant. „Der Chemielaborant verdient nicht zu viel, die Arbeit der Erzieherin muss aufgewertet werden.“

    Teilnehmerinnen auf der Didacta Foto: Thomas Langreder Teilnehmerinnen auf der Bildungsmesse didacta

    Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde bestätigen die Schieflage. Anna T., 52, arbeitet in Teilzeit mit 32,25 Stunden in einem Kinderhort als Kinderpflegerin. Doch am Monatsende bekommt sie nur 1.500 Euro netto raus. Viel zu wenig, wie sie sehr bestimmt betont. Auch die höher eingestuften Kita-Leiterinnen Petra H., 54, und Ina P., 58, sind sauer. Sie leisten anspruchsvolle Arbeit, die nicht genug wertgeschätzt wird. Die Wortbeiträge sammeln sich. Alle bestätigen einstimmig, dass im Sozial- und Erziehungsdienst gute und wichtige Arbeit geleistet wird, aber die Wertschätzung durch eine entsprechende Eingruppierung fehlt.

    Auf dem Podium diskutiert Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) mit dem ver.di-Vorsitzenden. Sie zeigt Verständnis für die Interessen der Beschäftigten, macht aber deutlich, dass sie nicht in die Tarifautonomie eingreifen könne und wolle. Bsirske betont ihr gegenüber, ein gesetzlicher Rahmen, der für mehr Personal in den Kindertagesstätten sorge, werde dennoch gebraucht und gleichzeitig die Aufwertung der Berufe. Das dürfe nicht gegeneinander ausgespielt werden.

    „Wir müssen uns aber darauf einstellen, unseren Forderungen mit Aktionen und Warnstreiks Nachdruck zu verleihen.“

    Onno Dannenberg, ver.di-Verhandlungsführer

    Zum Verlauf der Tarifverhandlungen sagt Bsirske auf Nachfrage des Moderators: „Die Arbeitgeber werden sich vehement wehren.“ Im nur wenige Kilometer entfernten Verhandlungshotel entwickelt sich der Verhandlungsauftakt zum selben Zeitpunkt wie vermutet. ver.di-Verhandlungsführer Onno Dannenberg fasst am Abend die erste Runde zusammen: „Die VKA erkennt die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit im Sozial- und Erziehungsdienst an, sieht aber keinen Grund für eine bessere Bezahlung.“ ver.di will weiterhin eine schnelle Einigung am Verhandlungstisch. „Wir müssen uns aber darauf einstellen, unseren Forderungen mit Aktionen und Warnstreiks Nachdruck zu verleihen.“

    Am ver.di-Stand auf der didacta haben an diesem Tag Messebesucher/innen ihre Meinung auf eine Tafel geschrieben. Unter der Überschrift: „Aufwertung find ich gut, weil...“ Die Aussagen bestätigen, wie richtig ver.di liegt: „Weil auch Erzieher eine Familie ernähren können wollen.“ – „Weil ich jeden Tag qualifizierte Arbeit leiste.“  – „Weil meine Aufgabe Inklusion ist, mein Gehalt aber nicht angepasst ist.“ – „Weil ich eine qualifizierte Fachkraft bin.“ – „Weil der Beruf Erzieherin wenig Anerkennung bekommt (Kaffeetanten).“

    Am 23. März wird in Münster weiterverhandelt.

    ver.di-Messestand auf der Didacta Foto: Thomas Langreder ver.di-Messestand auf der didacta in Hannover