Soziale Berufe aufwerten

    Erziehungs- und Sozialarbeit sind Frühwarnsysteme

    „Wir fordern einen Millionen-Rettungsschirm für die Bildung!“

    Von Heide Platen

    Über 30.000 Menschen in Hamburg und Frankfurt auf den Straßen, der Römerberg vor dem Rathaus, die „Gud Stubb“ der Frankfurter, und der benachbarte Paulsplatz rappelvoll. Das sei, so Oberbürgermeister Peter Feldmann am Donnerstagvormittag, die größte Demonstration, die die Stadt „seit Jahrzehnten“ gesehen habe. Der Verband Kommunaler Arbeitgeber (VKA), der eigentlich am Donnerstag zeitgleich dort tagen wollte, hatte seinen Versammlungsort kurzfristig einige Kilometer weiter an den Flughafen verlegt und ließ am Nachmittag wissen, dass er am 2. Juni an den Verhandlungstisch zurückkehren wolle.

    28. Mai 2015: Auf dem Römerberg in Frankfurt am Main versammeln sich mehr als 15.000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst Foto: Boris Roessler/dpa Bildfunk 28. Mai 2015: Auf dem Römerberg in Frankfurt am Main versammeln sich lautstark mehr als 15.000 Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst


    Zuvor hatte der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske in einer eindringlichen Rede noch einmal die Sorgen und Nöte der Beschäftigten in den Kitas, im sozialen Bereich, in den Jugendämtern, der Psychiatrie, der Behinderten-, Familien und Drogenhilfe beschrieben. Es gehe nicht an, dass die „Arbeit an Menschen“ weniger wert sein solle als die des „Facharbeiters in der Industrie für seinen Umgang mit Maschinen“. Das Argument des VKA, die Gewerkschaftsforderungen seien nicht bezahlbar, sei falsch: „Das ist eine gezielte Irreführung der Öffentlichkeit!“ Der VKA habe sich bisher in fünf erfolglosen Verhandlungen nicht bewegt, „toter Mann“ gespielt und die Streikenden „aushungern“ wollen. Er spekuliere darauf, dass die Sympathie für den Streik nachlasse und „die Eltern nach zwei bis drei Wochen abspringen“. ver.di sei kompromissbereit, die Verantwortung aber liege seit Wochen beim VKA: „Kommt heraus aus eurer Verschanzung!“

    Für die Landes- und Bundeselternvertretungen signalisierte Sandy Kirchner Durchhaltewillen: „Wir wissen, ihr seid keine Basteltanten!“ Kitas seien als „frühkindliche Bildung“ eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“. Die bisher 50.000 Solidaritätsunterschriften von Eltern übergab sie dem VKA am Mittag im Anschluss an die Demonstration.

    „Ich möchte nicht der Fußabtreter der Wirtschaft sein!“

    Erzieherin Anna Lena Styra (28)

    Anna Lena Styra (28) aus dem südhessischen Rödermark hatte als Rednerin für ihre Berufsgruppe gesagt, sie und ihre Kolleginnen arbeiteten oft „bis ans Limit ihrer Kräfte“. Sie sei sauer und traurig“ immer wieder zu sehen, wie „Kinder auf der Strecke bleiben“: „Wir fordern einen Millionen-Rettungsschirm für die Bildung!“ Und: „Ich möchte nicht der Fußabtreter der Wirtschaft sein!“ Es brauche mehr „öffentlichen Druck“.

    Dass die von ihr ebenfalls geforderte Solidarität mit den bisher Nichtstreikenden und den Eltern Geduld erfordert, sagt sie am Rande der Demonstration. Eine am Tag zuvor selbstorganisierte Veranstaltung mit den Eltern der Kita-Kinder ihrer Heimatstadt offenbarte auch die Missverständnisse: „Die waren ziemlich sauer und haben erst mal nur ihren Frust abgelassen.“ Vielleicht sei die Gewerkschaft „nicht früh genug an sie herangetreten“. Ihre Kollegin Saskia Hertzig (30) ist da strenger: „Viele Eltern zieren sich. Jeder sieht nur seinen Verlust.“ Es gebe genug Informationsmöglichkeiten und Beratung, wenn „sie sich nur melden“. Styra: „Jeder schiebt die Verantwortung auf uns.“ Hertzig: „Viele sind schon für den Streik. Aber bitte nicht jetzt, und nicht mit meinem Kind.“

    Bund muss finanzielle Verantwortung übernehmen

    Zum Ende der Demonstration solidarisierte sich der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) noch einmal mit den Streikenden, auch wenn ihm das Vorwürfe eingebracht habe, er mische sich unberechtigt in laufende Tarifverhandlungen ein. Zuvor hatte schon der Bürgermeister von Weiterstadt, Ralf Möller, Partei ergriffen: „Ich bin in großer Sorge um unsere Kinder!“ Erziehungs- und Sozialarbeit sei auch „ein Frühwarnsystem“ in einer Gesellschaft, in der jedes fünfte Kind von Misshandlung oder Missbrauch betroffen sei. Der Bund müsse die finanzielle Verantwortung mitübernehmen: „Es kann nicht sein, dass wir hier ganz alleine stehen!“