Soziale Berufe aufwerten

    Wie Dessous – Spitzenarbeit für einen Hauch von nichts

    Das, was die leisten, würden wir nie schaffen

    Von Heide Platen

    So viel Lärm war selten in der Frankfurter Innenstadt. Die rund 3.000 Demonstrant/innen pfeifen, trommeln, singen, rufen wie gefühlte 6.000 Stimmen. Die Ohren klingeln schon nach wenigen Minuten. Jede Menge Turnschuhträgerinnen mit Pferdeschwanz in allen Varianten sind dabei. Viele von ihnen sind zum ersten Mal auf einer Großdemonstration, zu der ver.di und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, aufgerufen haben. Vor allem sind es junge Frauen, höchstens zehn Prozent Männer. Dass Kreativität beim flächendeckenden Streik im Bereich Erziehungs- und Sozialarbeit zum Berufsbild gehört, ist unübersehbar. Bunte Schirme, blumengeschmückt, witzige Transparente, Sprayer mit Übung malen die ver.di-Kampfente mit dem Dreizackschwanz an jeder Straßenecke auf das Pflaster.

    Viele der Streikenden in den Sozial- und Erziehungsdiensten streiken zum ersten Mal Foto: Jaspersen/ DPA Bildfunk Viele der Streikenden in den Sozial- und Erziehungsdiensten streiken zum ersten Mal


    Der Zug geht vom Frankfurter Gewerkschaftshaus nahe dem Hauptbahnhof durch das Bankenviertel, die ganze Innenstadt bis zum Sitz des Verbandes Kommunaler Arbeitgeber Hessen (VKA) am Allerheiligentor. Die ver.di-Bezirksgeschäftsführerin Rosi Haus ruft: „Wir streiken nicht, um die Eltern zu ärgern, wir streiken nicht, um die Kinder zu ärgern!“ Aber: „Wir streiken so lange, bis ihr euch bewegt!“

    Die Kitaleiterin

    Marianne Hübinger (53) ist stellvertretende Leiterin einer großen Kita im Frankfurter Nordend. Fünf Jahre hat ihre Ausbildung gedauert, zwei als Sozialassistentin, zwei als Erzieherin, ein Jahr Praktikum. Die Anforderungen haben sich im Lauf der Jahre, sagt sie, „komplett verändert“: „Wir sollen für Integration sorgen, für Chancengerechtigkeit, Sprachkompetenz fördern, die Schule unterstützen, jedes Kind individuell betreuen und dokumentieren, behinderte Kinder integrieren: Wir leben Diversität!“

    „Es muss Schluss sein mit dem Klischee, dass wir nur basteln und Kaffee trinken. Wir machen Qualitätsmanagement!“

    Marianne Hübinger, stellvertretende Kitaleiterin

    In manchen Kitas sei Kinderschutz ein wichtiges Thema, in anderen die Anspruchshaltung der Eltern ein Problem. Vor allem aber gehe es schon in den Krippen „um frühe Bildung“: „Es ist wichtig, dass schon in frühen Jahren die Wurzeln gelegt und verankert werden.“ Es sei verständlich, dass die Eltern Angst hätten, dass ihre Kinder sonst später in der Gesellschaft zu kurz kämen. Dennoch sollen die Kinder auch Kinder sein dürfen. Aufgabe sei es, zu erspüren und sie dabei zu unterstützen, selbst herauszufinden, was sie wollen und können, und Eltern zu vermitteln, dass „es wichtig ist, wenn ein Kind auch mal nichts macht“. „Es muss Schluss sein mit dem Klischee, dass wir nur basteln und Kaffee trinken. Wir machen Qualitätsmanagement!“

    Sicher mache der Beruf ihr auch immer noch Spaß. Der aber werde ihnen vor allem durch jene Arbeitgebervertreter verleidet, die sie mit dem Gestus abkanzelten, dass „es doch eine Ehre sei, Kinder betreuen zu dürfen“. Die Bezahlung müsse stimmen. Es gehe nicht an, dass Erzieher/innen von ihrem Gehalt nicht leben und manche sich nur mit einem Nebenjob über Wasser halten können: „Die können dann natürlich nicht so gut arbeiten.“

    Die Eltern

    Dass viele Eltern so viel Verständnis für den Streik haben, gibt Aufwind. Auf der Petitionsplattform Change.org haben bis Mitte Mai fast 50.000 Eltern mit ihrer Unterschrift ihrem Unmut über die kommunalen Arbeitgeber Luft gemacht: „Das jetzige Gehalt einer Erzieherin ist respektlos.“ Dem VKA werfen sie „Arroganz“ vor und verlangen ein akzeptables Angebot der Arbeitgeber. In etlichen Kommunen sind Eltern vor oder in die Rathäuser gezogen, um die Streikenden zu unterstützen, „mit der Kraft unserer Stimmen“ Druck auszuüben und so dazu beizutragen, „dass der Streik schnell endet“.

    In den Kitas stehen die Uhren auf fünf vor zwölf Foto: Naupold/ DPA Bildfunk In den Kitas stehen die Uhren auf fünf vor zwölf


    Die Sozialarbeiter

    Die meisten der männlichen Demonstranten arbeiten nicht in den Kitas, sondern im Sozialbereich. Fachbereichsvorstand Ayhan Ilhan (47) arbeitet als physikalisch-technischer Assistent bei der Integrativen Drogenhilfe e.V., einem städtisch geförderten Verein, der etliche Projekte für Drogenabhängige betreut. Das Problem der meisten seiner Kollegen ist nicht die tarifliche Eingruppierung. Etwa 75 Prozent, sagt er, hätten gar keinen Tarifvertrag. Der Trägerverein sei der Arbeitgeber, viele hätten nur befristete Zwei-Jahres-Verträge. Sie seien alle trotzdem sehr engagiert, belegten immer wieder Fortbildungskurse. Problematisch sei es, dass es im Sozialbereich schwierig sei, die Kollegen gewerkschaftlich zu organisieren: „Je höher die Bildung, umso schwieriger.“

    „Ein Heroinabhängiger geht eben nicht auf die Barrikaden, wenn er morgens sein Brötchen nicht kriegt.“

    Ayhan Ilhan, physikalisch-technischer Assistent bei der Integrativen Drogenhilfe e.V.

    Das aber habe sich seit März 2015 gründlich geändert: „Wir haben es erreicht, dass drei von fünf Bereichen geschlossen oder alternativ besetzt sind.“ Sozialarbeiter in der Drogenarbeit hätten kaum eine Lobby, ihr Ausstand werde von der Öffentlichkeit zu wenig beachtet. Die Klientel selbst, anders als bei den Kitas, melde sich auch nicht zu Wort: „Die leben in ihrer eigenen Welt.“ Ein Heroinabhängiger gehe eben nicht auf die Barrikaden, „wenn er morgens sein Brötchen nicht kriegt“.

    Ilhan will, dass zu allererst einmal das Bewusstsein dafür wachse, dass verlässliche und gerechte Grundlagen für seine Kollegen geschaffen werden müssen: „Wir haben nicht mal eine Basis.“ Er hat auch im Blick, dass der gesamte Sozialbereich unterbewertet und immer wieder zusammengekürzt wird: Jugendhäuser, ambulante Betreuung, Beratung, Lernwerkstätten, Heilpädagogik, Erziehungshilfe.

    Täglich wird im Gewerkschaftshaus beraten und diskutiert. Im DGB-Jugendclub versuchen erfahrene Kolleg/innen zu vermitteln, welche Rechte Streikende haben, wie sie an ihr Streikgeld kommen und beantworten Fragen. In einem der Räume geht es kurzfristig hoch her. Darf man einen Streikbrecher „A...loch“ nennen? Oder ist das kontraproduktiv? Die einen meinen, es ginge auch höflicher, die anderen halten es nach tagelangen Streitereien für müßig, mit Streikgegnern zu diskutieren: „Das ist doch nur verschwendete Zeit.“

    Die Spätberufene

    Gabriele Schmidt-Wilkens (41) ist mit Sohn Emil (3) zur Demonstration gekommen. Die Erzieherin ist eine Seiteneinsteigerin und noch ganz neu im Beruf. Die ehemalige Philosophiestudentin hat umgeschult: „Ich bin eine Spätberufene.“ Die Arbeit mache ihr „Superspaß“. In ihrer Kita am Frankfurter Berg werden derzeit einschließlich Hort und Krippe 84 Kinder betreut. Auch sie steht hinter der Anforderung, auf jedes Kind individuell eingehen zu können. Das sei heutzutage „ja sogar den Lehrern zu anstrengend“. Die Angebote seien zahlreich, Turnen, Lesen, Musik. „Sanftes Lenken“ in die richtige Richtung sei dabei gar nicht schwer.

    Sie selbst hat eine Philosophiegruppe eingerichtet. Philosophie mit kleinen Kindern? Aber ja: „Da bin ich ihnen nicht viel voraus! Die haben auch schon eine Idee davon, was eine Seele ist.“ Und woran man sie erkennen könne. Seele, so das Fazit der Kinder, habe nicht nur, wer sprechen, sondern vor allem auch, wer spielen könne. Das gelte selbstverständlich, so die eigenen Beobachtungen, auch für Hund und Katze.

    Eines der größten Probleme, meint sie, sei der Personalmangel. Krankheit, Urlaub Fortbildung dünnen die ohnehin knappen Ressourcen aus: „Da steht man allein mit 20 Kindern da. Das ist auch nervlich sehr anstrengend.“ Ständig seien sie angespannt und „in Habachtstellung“. Die in den Medien vielbeschworenen „Helikoptereltern“ erlebe sie eher selten. Aber die Familien brauchten Unterstützung: „Lehrer wollen die krassen Defizite nicht ausgleichen.“ Immer wieder merke sie aber einen „merkwürdigen Widerspruch“. Einerseits hafte ihnen immer noch das Image der „Kindertante“ an, andererseits aber sehen viele Eltern die Arbeit auch mit Bewunderung und sagen: „Das, was Sie leisten, würde ich nie schaffen.“

    Noch nie sind so viele Beschäftigte in den Sozial- und Erziehungsdiensten auf die Straße gegangen Foto: Hitij/ DPA Bildfunk Noch nie sind so viele Beschäftigte in den Sozial- und Erziehungsdiensten auf die Straße gegangen


    Gabriele Schmidt-Wilkens ist es wichtig, mehr gesellschaftliche Anerkennung und Aufwertung für die Erzieherinnen zu erreichen: „Und das hat in der heutigen Gesellschaft einfach auch etwas mit Geld zu tun.“ Sie verdient bei einer 30-Stunden-Woche derzeit 1.800 Euro brutto, rund die Hälfte zahle sie an Steuern. Dennoch lobt sie den kommunalen Arbeitgeber. Vieles, was in kleinen Betrieben und Vereinen nicht klappe, sei „professionell und sachlich geregelt“.

    Die Jungen und Neuen

    Bea (25) und Melanie (23) (Namen von der Red. geändert) sitzen am Ziel der Demonstration auf der Bordsteinkante. Die Füße tun ihnen weh und sie sind auch schon ein bisschen heiser. So oft haben sie die Parolen „Aufwerten jetzt!“ und „Wir sind es wert!“ gerufen. Es ist die erste Demonstration ihres Lebens, in die Gewerkschaft sind sie erst vor kurzem eingetreten. Öffentlich haben sie sich noch nie geäußert und sind etwas schüchtern. Aber dann erzählen sie doch, was sie stört und bedrückt.

    Bea überlegt, ob sie den von ihr sehnsüchtig angestrebten Beruf weiter ausüben möchte. Sie hat ihn sich anders vorgestellt. Nach Abzug der laufenden Kosten bleibt ihr nur wenig Geld übrig. Sie hat zahlreiche Fortbildungen gemacht, auch auf eigene Kosten. Mit Kindern im Vorschulalter wollte sie arbeiten. In ihrer Kita aber muss sie allzu oft im Turnus oder aber als Vertretung in der Krippe arbeiten: „Da tue ich den ganzen Tag nichts anderes als Windeln wechseln.“ Dennoch ist sie begeistert, von den vielen Aktivitäten: Eine Bootsfahrt, eine Fahrrad-Demo in rotem Outfit, Picknick, Kino, Flashmob. Ihrer Freundin Melanie hat ein Plakat ganz besonders gefallen: „Erzieherinnen sind wie Dessous, Spitzenarbeit für einen Hauch von nichts.“