Weihnachtsgeld: Für Tarifbeschäftigte ist deutlich mehr drin

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    Weihnachtsgeld bringt nicht der Weihnachtsmann. Aber wer Weihnachtsgeld bekommt, ist meist besser gelaunt
    18.11.2022

    Insgesamt 54 Prozent der Beschäftigten in Deutschland erhalten Weihnachtsgeld. Die Chance, in diesem Jahr Weihnachtsgeld zu bekommen, ist für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Betrieben, die einen Tarifvertrag haben mit 79 Prozent fast doppelt so hoch wie in nicht tarifgebundenen Betrieben. Dort sind es lediglich 42 Prozent, so die aktuelle Auswertung einer Online-Befragung* des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

    Die Zahlung von Weihnachtsgeld wird entweder durch Tarifverträge bestimmt oder beruht auf „freiwilligen“ Leistungen des Arbeitgebers. Wiederholt ein Arbeitgeber diese freiwilligen Leistungen mehrere Jahre hintereinander, können sie auch zum Gewohnheitsrecht werden und damit verpflichtend sein.

    „Angesichts historisch hoher Inflationsraten ist für viele Beschäftigte das Weihnachtsgeld so wichtig wie nie zuvor“, sagt Thorsten Schulten, der Leiter des WSI-Tarifarchivs. „Es schafft zumindest kurzfristig einen Puffer, um auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten reagieren zu können.“ Umso problematischer sei es, dass vor allem Beschäftigte mit geringeren Einkommen, die eher in tariflosen Unternehmen arbeiten, deutlich seltener von einer Jahressonderzahlung profitierten. Gerade in Krisenzeiten tragen Tarifverträge – das zeige sich jetzt einmal mehr – zur Stabilisierung von Einkommen bei.

    Weihnachtsgeld rieselt nicht wie Schnee vom Himmel

    Bis heute gibt es keine gesetzliche Regelung zu einem Weihnachtsgeld oder 13. Monatsgehalt. „Zuwendungen“ oder auch „Sonderzahlungen“ heißen sie offiziell, die Leistungen des Arbeitgebers wie Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und anderes. Das Weihnachtsgeld rieselt auch nicht leise vom Himmel genauso wenig wie Tarifverträge von dort kommen. Gewerkschaften haben sie über viele Jahre erstritten und müssen sie immer wieder gegen Sparmaßnahmen und Kürzungspläne der Arbeitgeber verteidigen. Zuwendungen sind für die meisten Beschäftigten nämlich kein Luxus, sondern sie werden gebraucht. So werden zur Weihnachtszeit meist viele Versicherungen fällig.

    Weil das Weihnachtsgeld eben kein Luxus, sondern für die Beschäftigten ein notwendiges Einkommen ist, das sie einplanen, haben die Gewerkschaften über die Jahre für seine tarifvertragliche Absicherung gekämpft. Damit sollte auch die willkürliche Verteilung des Weihnachtsgeldes durch die Arbeitgeber beendet werden.

    Schon vor rund 100 Jahren, als die Thyssen-Bergarbeiter 1918 in Duisburg-Hamborn erstmals für eine „Weihnachtsgratifikation oder Teuerungszulage“ streikten, ging es nicht etwa um kostspielige Extras zum Weihnachtsfest, sondern um die Linderung des ärgsten Mangels. Im November 1950 setzte die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, ÖTV, eine der Vorgängergewerkschaften von ver.di, „zur Abwendung des bei den Bediensteten (...) durch die im Jahre 1950 eingetretene Teuerung hervorgerufenen Notstandes und in Anerkennung der geleisteten Überarbeit“ eine einmalige Zahlung in Höhe von 100 DM zu Weihnachten durch.

     
    Weihnachtsgeld bringt nicht der Weihnachtsmann. Aber wer Weihnachtsgeld bekommt, ist meist besser gelaunt
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    Weihnachtsgeld bringt nicht der Weihnachtsmann. Aber wer Weihnachtsgeld bekommt, ist meist besser gelaunt


    Aktuelle Unterschiede nach Beschäftigungsgruppen

    Neben der Tarifbindung spielen noch weitere Aspekte eine Rolle, die heutzutage die Chancen auf Weihnachtsgeld erhöhen bzw. verschlechtern, zum Beispiel Wohnort und Beschäftigtenstatus:

    • West/Ost: Nach wie vor gibt es bedeutsame Unterschiede zwischen Ost- und West. In Westdeutschland bekommen 56 Prozent, in Ostdeutschland nur 43 Prozent der Befragten Weihnachtsgeld. Das hängt aber auch damit zusammen, dass die Tarifbindung in Ostdeutschland deutlich niedriger ist als im Westen.
    • Vollzeit/Teilzeit: Bei Vollzeitbeschäftigten ist der Erhalt von Weihnachtsgeld mit 55 Prozent etwas verbreiteter als bei Teilzeitbeschäftigten, von denen 50 Prozent eine entsprechende Sonderzahlung bekommen.
    • Befristet/unbefristet: Noch etwas ausgeprägter sind die Unterschiede zwischen Beschäftigten mit einem befristeten oder einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Während lediglich 48 Prozent der Beschäftigten mit Befristung Weihnachtsgeld erhalten, sind es bei den Unbefristeten 54 Prozent.
    • Männer/Frauen: Leichte Unterschiede gibt es auch noch zwischen den Geschlechtern: Demnach bekommen Männer mit 55 Prozent immer noch etwas häufiger Weihnachtsgeld als Frauen, von denen 52 Prozent diese Sonderzahlung erhalten.

    Die Höhe des Weihnachtsgeldes – von 250 bis 3.715 Euro

    Große Unterschiede gibt es auch bei der Höhe des Weihnachtsgeldes. In den meisten großen Tarifbranchen existieren tarifvertragliche Bestimmungen zum Weihnachtsgeld oder einer ähnlichen Sonderzahlung, die zum Jahresende fällig wird. Dies zeigt eine aktuelle Auswertung des WSI-Tarifarchivs von 24 großen Branchen. Die Höhe der tarifvertraglich vereinbarten Sonderzahlung schwankt aber erheblich. Sie reicht von 250 Euro bei den mittleren Entgeltgruppen in der Landwirtschaft bis zu 3.715 Euro in der chemischen Industrie.

    Ein klassisches 13. Monatsentgelt im Sinne einer Sonderzahlung von 100 Prozent eines Monatsentgeltes erhalten die Beschäftigten in der chemischen Industrie, in Teilen der Energiewirtschaft, in der Süßwarenindustrie, bei der Deutschen Bahn AG, im Bankgewerbe sowie in einzelnen westdeutschen Tarifregionen der Textilindustrie und dem privaten Transport- und Verkehrsgewerbe. In der Eisen- und Stahlindustrie werden sogar 110 Prozent eines Monatsentgeltes gezahlt, wobei hier Weihnachts- und Urlaubsgeld zu einer Jahressonderzahlung zusammengelegt wurden.

    Mit 95 Prozent eines Monatsentgeltes liegt das Weihnachtsgeld in der Druckindustrie und der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie leicht unterhalb eines vollen 13. Monatsentgeltes. Im Versicherungsgewerbe werden 80 Prozent eines Monatsgehalts gezahlt, im Einzelhandel in den westdeutschen Tarifbereichen vorwiegend 62,5 Prozent, in den Tarifgebieten der westdeutschen Metallindustrie überwiegend zwischen 25 und 55 Prozent und im Hotel- und Gaststättengewerbe in Bayern 50 Prozent. Im öffentlichen Dienst (Gemeinden) beträgt die Jahressonderzahlung, die an die Stelle des früher üblichen Weihnachts- und Urlaubsgeldes getreten ist, je nach Vergütungsgruppe zwischen 52 und 85 Prozent des Monatsentgeltes.

    Wer kein Weihnachtsgeld bekommt

    Nach wie vor kein Weihnachtsgeld gibt es im Gebäudereinigungshandwerk. Das gleiche gilt für das ostdeutsche Bewachungsgewerbe, während in einigen westdeutschen Regionen das Weihnachtsgeld erst ab einer bestimmten Anzahl von Berufsjahren gezahlt wird. Als teilweiser Ausgleich für das fehlende Weihnachtsgeld wurde im Gebäudereinigungshandwerk für die Jahre 2021 bis 2023 erstmals ein sogenannter „Weihnachtsbonus“ vereinbart. Hierbei können die Beschäftigten zwischen einem Zuschlag von 150 Prozent auf den Stundenlohn für ihre am 24.12. oder am 31.12. geleistete Arbeit oder einer bezahlten Freistellung am 24.12. oder am 31.12. wählen.

    Die Straßenumfrage

     

    Was ist Weihnachtsgeld?


    * Für die Auswertung wurden 63.464 Datensätze von Beschäftigten mit mehr als einem Jahr Berufserfahrung ausgewertet, die zwischen dem 1. November 2021 und dem 31. Oktober 2022 an einer kontinuierlichen Online-Erhebung des WSI-Portals Lohnspiegel.de teilgenommen haben.

     

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