Geld & Tarif

    Moderne Sklaverei

    Interview mit Prälat Peter Kossen

    Vertreter des katholischen Bistums Münster streitet für einen gesetzlichen Mindestlohn und gegen den Missbrauch von Werkverträgen

    ver.di PUBLIK | Monsignore, warum kämpfen Sie gegen den Missbrauch von Werkverträgen in Deutschland?

    Peter Kossen | Caritas-Sozialberaterinnen haben mir von Frauen aus Rumänien und Bulgarien berichtet, die als Beschäftigte von Subunternehmen in hiesigen Schlachthöfen arbeiteten. Sie waren unter Bedingungen untergebracht, die ich bis dahin nur aus dem Geschichtsunterricht kannte, als es um die Zeit der industriellen Revolution ging. Die Menschen mussten in heruntergekommenen, überfüllten Häusern im Drei-Schicht-System schlafen und dafür Wuchermieten bezahlen – bei einem Lohn von teils unter fünf Euro die Stunde.

    ver.di PUBLIK | Sie sprechen von „moderner Sklaverei“ und „Ausbeutung“…

    Kossen | Ein hoher Kriminalbeamter hat mir von Vietnamesen erzählt, die sich hier ohne gültige Papiere aufhielten. Sie wurden von Schleusern nach Deutschland gebracht und dann hieß es: „Jetzt müsst ihr erst mal 10 000 Euro Schulden abarbeiten.“ Sie hatten die Wahl, wie sie diese „Schulden“ begleichen: im illegalen Zigarettenhandel, in der Prostitution oder in der Fleischindustrie. Ähnliches geschieht im großen Stil mit Arbeitsmigranten aus Südosteuropa: Sie werden von Sub- und Sub-Subunternehmern betrogen, bedroht und erpresst. Die Menschen kommen zwar freiwillig hierher – doch wurden ihnen ganz andere Dinge versprochen als das, was sie dann erleben.

    ver.di PUBLIK | Warum wehren sich die Betroffenen nicht?

    Kossen | Weil sie in ihrer Heimat keine Perspektiven haben. Zudem: In Rumänien sind 500 Euro im Monat ein gutes Einkommen. Da sind die 1 000 oder 1 500 Euro, die ihnen für einen Job in Deutschland versprochen werden, sehr viel Geld. Und viele halten an dem Traum lange fest, auch wenn sie merken, dass sie hier ausgebeutet werden.

    ver.di PUBLIK | Wer bereichert sich an diesem System?

    Kossen | Zum Beispiel die internationalen Fleischkonzerne, für die Werkverträge ein beliebtes Mittel sind, um Stammbelegschaften zu verdrängen und so ihre Lohnkosten zu drücken. Die so die noch bestehende Belegschaft unter Druck setzen nach dem Motto: „Die können es billiger, und wenn ihr aufmuckt, können wir es auch ohne euch!“ Es bereichern sich die Sub- und Sub-Subunternehmer, von denen es manchmal ja ganze Ketten gibt. Und auch sogenannte unbescholtene Bürger, die abbruchreife Häuser für viel Geld an Subunternehmer vermieten.

    ver.di PUBLIK | Die alte Bundesregierung schaute dem Treiben tatenlos zu. Was muss auf politischer Ebene geschehen?

    Kossen | Wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde. Dann haben wir eine Marke, die eingeklagt werden kann. Das ist noch nicht die Lösung aller Probleme – aber sicher der erste Schritt dorthin. Es muss der Grundsatz gelten: gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort.

    ver.di PUBLIK | Dem Zoll gelingt es schon heute kaum, die Einhaltung von Branchen-Mindestlöhnen, etwa im Reinigungsgewerbe, durchzusetzen. Es fehlt schlicht an Personal. Kann ein allgemeiner Mindestlohn dem Lohndumping durch Werkverträge tatsächlich ein Ende setzen?

    Kossen | Mit dem gleichen Personalbestand beim Zoll sicher nicht.

    ver.di PUBLIK | Auch in Supermärkten arbeiten oft über Werkverträge beschäftigte Menschen zu Dumpinglöhnen, etwa als Regalauffüller. Sollten wir uns als Kunden nicht etwas höhere Preise leisten, damit diese Arbeit anständig bezahlt wird?

    Kossen | Ja. Mir wird manchmal vorgehalten, ich könne es mir leisten, teurer einzukaufen. Das stimmt auch. Doch über wie viel Cent reden wir eigentlich? Es gibt seriöse Berechnungen, nach denen beispielsweise ein Kilo Fleisch den Verbraucher nur 5,7 Cent mehr kosten würde, wenn alle Beschäftigten in der Fleischindustrie mindestens 8,50 Euro die Stunde verdienen würden. Wir können es uns in Deutschland also durchaus leisten, für eine anständige Bezahlung aller Beschäftigten zu sorgen.

    ver.di PUBLIK | Sie wünschen sich ein Gütesiegel „Faire Arbeit“. Dieses Siegel soll dem Verbraucher garantieren, dass das Produkt, das er kauft, von Menschen hergestellt worden ist, die anständig bezahlt werden. Wer sollte ein solches Siegel entwickeln und verleihen?

    Kossen | Eine unabhängige staatliche Stelle – oder die Gewerkschaften.

    Interview: Ulrich Jonas (Publik 7/2013)

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