Geld & Tarif

    Kranichflieger will Cateringservice auslagern

    „LSG – not4sale“

    „Wir liefern Super-Qualität und tolle Produkte. Daran hängt Herzblut. Lange waren alle stolz, als Caterer für die Deutsche Lufthansa zu arbeiten“, sagt Christina Weber, die Konzernbetriebsratsvorsitzende der Lufthansa Service GmbH, der LSG Deutschland. Inzwischen treibt sie die geradezu „irre Situation“ für die Beschäftigten um. Zwischen Verkaufsplänen des Mutterkonzerns Lufthansa und Sanierungsstrategien des eigenen Managements drohen die Beschäftigten zerrieben zu werden. Doch sie wehren sie sich. Unter dem Motto „LSG – not4sale!“ haben sie schon Tausende Unterschriften gegen den Verkauf gesammelt. Nun geht es mit Aktionen in Frankfurt am Main, München, Köln und Düsseldorf weiter.

    Die Lufthansa schießt wieder einen Vogel ab – sie will ihren Caterer samt 7.000 Beschäftigten outsourcen Foto: Roessler/dpa Bildfunk Die Lufthansa schießt wieder einen Vogel ab – sie will ihren Caterer samt 7.000 Beschäftigten outsourcen


    „Die LSG beschert dem Lufthansa-Konzern Stabilität und Millionengewinne und stärkt die Premium-Marke Lufthansa“, sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle: „Dieses Unternehmen zu verkaufen und die Arbeitsplätze zu gefährden, ist wirtschaftlich fragwürdig und sozial verantwortungslos.“ Behle erinnert daran, dass die rund 7.000 deutschen Beschäftigten des Catering-Unternehmens gerade wieder mit 115 Millionen Euro zum Gewinn des Mutterkonzerns beigetragen haben. Im ersten Quartal 2019 sind die Erträge erneut gestiegen. Aber: „Die Beschäftigten sind verunsichert und fühlen sich durch das Verhalten der Lufthansa getäuscht“, sagt Behle. ver.di fordert den Verbleib der Catering-Tochter in der Lufthansa-Familie und Arbeitsplatzsicherheit. Dazu gibt es auch den Offenen Brief mit tausenden von Unterschriften an den Konzernvorstand.

    Management ist in der Pflicht

    Der 6. Juni ist als Aktionstag der LSG-Beschäftigten geplant. Bei öffentlichen Protesten in München, Köln und Düsseldorf werden die bis dahin gesammelten Unterschriften übergeben und weiter Druck auf die Arbeitgeber gemacht. Mit dem Ziel „LSG – not4sale!“ geht eine ver.di-Delegation bereits am 5. Juni in Frankfurt/ M. in ein Gespräch mit Vertretern des Lufthansa-Vorstands und der LSG-Geschäftsleitung. Auch hier werden zuvor Beschäftigte und ihre Familien demonstrieren und Unterschriftenlisten übergeben.

    „Wir werden über Jobängste und das Gefühl von Perspektivlosigkeit informieren und das Management fragen, was konkret für das Personal getan werden soll. Denn schon jetzt bekommt man für die bei uns geltenden Tarife kaum mehr Fachkräfte, Hubwagenfahrer zum Beispiel.“

    Donato Buchholz, Sprecher der ver.di-Geschäftsfeldtarifkommission

    „Unsere Forderungen für das Gespräch sind ganz klar: Kein Verkauf der LSG, das steht ganz oben an“, sagt Donato Buchholz, Sprecher der ver.di-Geschäftsfeldtarifkommission. „Wir werden über Jobängste und das Gefühl von Perspektivlosigkeit informieren und das Management fragen, was konkret für das Personal getan werden soll. Denn schon jetzt bekommt man für die bei uns geltenden Tarife kaum mehr Fachkräfte, Hubwagenfahrer zum Beispiel.“ Der Gewerkschafter und Betriebsratsvorsitzende der LSG Sky Chefs Frankfurt ZD GmbH, die ausschließlich Lufthansa-Maschinen belädt, ist überzeugt: „Die Lufthansa handelt keineswegs aus finanzieller Not, sondern will auf unsere Kosten rein strategische Ziele durchsetzen. Wir von der LSG sind womöglich nur die ersten, die verkauft werden sollen. Weitere Dienstleister und Servicegesellschaften könnten folgen.“

    Schon vor über 60 Jahren hatte der Kranichflieger seinen Cateringbereich in eine selbständige Einheit ausgegründet, er blieb aber stabiler Teil des Lufthansa-Konzerns. Seit den 1990er Jahren kooperierte die Lufthansa Service GmbH mit den US-amerikanischen Sky Chefs, man tat sich schließlich zusammen. So entstand der weltweit zweitgrößte Anbieter von Bordverpflegung, der längst nicht nur Lufthansa-Passagiere bedient, sondern für etwa 60 Prozent aller europäischen Kontinentalflüge auftischt und Prozesse rund um den Bordservice managt. Insgesamt über 35.500 Beschäftigte weltweit produzieren etwa 700 Millionen Essen für 300 Fluggesellschaften. Dabei sind weltweit bestimmte Zentren auf Tiefkühlware spezialisiert, andere auf Snacks, Desserts und Salate.

    Billiger in Tschechien

    Doch hierzulande wird seit Jahren umstrukturiert und „saniert“. Eine folgenreiche Aufsplittung, die die LSG Deutschland 2011 beschloss, sahen Beschäftigte und ver.di äußerst kritisch. Sie befürchteten, dass Unternehmen sich gegenseitig Konkurrenz machen und dass kleinere Einheiten wirtschaftlich nicht überleben könnten. Auch der Druck auf die Tarifverträge würde wachsen, Mitbestimmungsstrukturen geschwächt werden. ver.di und die Interessenvertretungen handelten deshalb: Den Beschäftigtenbeitrag zum unternehmerischen Sparkurs sicherte sie tarifvertraglich ab, betriebsbedingte Kündigungen wurden bis Ende 2020 ausgeschlossen und der Verbleib der LSG im Mutterkonzern Lufthansa festgeschrieben. Doch wie viel sind solche Papiere nun noch wert?

    „Alles, was wir und ver.di damals befürchtet haben, ist eingetreten“, sagt Christina Weber heute. Einige der eigenständigen LSG-Gesellschaften sind schon auf der Strecke geblieben. Inzwischen konzentriert sich die Produktion vor allem auf die Flughäfen Frankfurt am Main und München, daneben an Standorten in Düsseldorf, Köln, Alzey, Stuttgart, Hannover und Berlin sowie bei den Lufthansa Lounges. Auch die weltweite Konkurrenz, die zumeist keine Tariflöhne kennt, macht weiter Druck. So hat die Sparspirale für die LSG-Beschäftigten jetzt einen Punkt erreicht, wo nichts mehr geht: Mit Einstiegslöhnen von 1.650 Euro bei 39 Wochenstunden bekommt man kein Personal mehr.

    Solange ein Verkauf nicht sicher und die Situation unklar ist, sucht auch das LSG-Management immer „neue Wege“. Ein weiterer Umbau soll so aussehen: Die Produktion der verbliebenen LSG-Cateringbetriebe an den Flughäfen soll künftig an zwei regionalen Produktionsplattformen „konzentriert“ werden. Plattform West soll in Alzey in Rheinhessen, Plattform Ost im tschechischen Bor liegen. „Mengenbündelung“ heißt das Ziel. Dafür will man Millionen investieren.

    Während die Entscheidung für Alzey recht neu ist, funktioniert der Betrieb kurz hinter der Grenze im tschechischen Bor schon geraume Zeit. 120 Beschäftigte fertigen dort bis zu 20.000 Mahlzeiten täglich für die Econony- und die Business-Class, die mit Kühltransportern nach Frankfurt/Main gebracht werden. Presseberichten zufolge zahlt die LSG den Beschäftigten in Bor 60 Prozent über dem tschechischen Mindestlohn. Das wären etwa fünf Euro pro Stunde. Doch auch dafür finden sich in der Grenzregion kaum noch lokale Arbeitskräfte. Deshalb will man bis Ende 2020 rund 400 Arbeitskräfte aus den Philippinen nach Bor holen. Parallel sollen in Küchen auf dem Bundesgebiet an die 600 Stellen gestrichen werden.

    Arbeitsleistung der Beschäftigten missachtet

    ver.di und der Konzernbetriebsrat haben den Plänen bereits vor Monaten klare Forderungen entgegengestellt: Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen über 2020 hinaus; ein möglicher Umbau muss sozialverträglich gestaltet, Mittel wie Altersteilzeit oder freiwillige Aufhebungsverträge sollen genutzt werden. Und: die tarifvertraglichen Strukturen und der Verbleib im Arbeitgeberverband AGVL müssen gesichert sein, um weitere Tarifflucht auszuschließen. „Unser Mutterkonzern Lufthansa erzielt Rekordgewinne. Wir erwarten, dass sich die Lufthansa auch für uns als Dienstleister stark macht und sich zu ihrer unternehmerischen Verantwortung bekennt“, sagt Christina Weber.

    Doch der Lufthansa-Konzern hat im April den Verkauf der ungeliebten Cateringtochter beschlossen und treibt ihn unter dem Projektnamen „Table“ energisch voran. Drei potenzielle Käufer sind bereits bekannt: Neben Do&Co aus Österreich und der Schweizer Gategroup soll auch dnata aus Dubai Interesse angemeldet haben. Noch im Juni soll entschieden sein, mit wem konkreter verhandelt wird. Zumindest das Europa-Geschäft, heißt es, soll in der Branche bleiben. Dass später andere Unternehmensteile ins Portfolio reiner Finanzinvestoren wandern könnten, wäre nicht ausgeschlossen.

    „ver.di lehnt die Verkaufsaktivitäten ab und stellt sich an die Seite der Kolleginnen und Kollegen. Es ist unverantwortlich, mit welcher sozialen Kälte der Lufthansa-Vorstand die LSG Sky Chefs nun fallen lassen will und die oft jahrzehntelange Arbeitsleistung der Beschäftigten missachtet.“ Der bei ver.di für die LSG zuständige Geschäftsfeldbetreuer Ronald Laubrock spricht den Beschäftigten aus dem Herzen. Für den 24. Juni sind sie nach Köln, Frankfurt am Main und München zu gemeinsamen Betriebsversammlungen eingeladen. Dort werden mit ver.di dann die bisherigen Aktionen „LSG – not4sale“ ausgewertet und weitere Schritte abgestimmt.

    Text: Helma Nehrlich

    Aktuelle Informationen unter: www.lsgnot4sale.de

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