Geld & Tarif

    Proteste an Flughäfen gehen weiter

    „Gefühlte Streikbeteiligung 101 Prozent!“

    Stille, Leere, in den Terminals des größten deutschen Flughafens. Die Boutiquen, Läden, Restaurants sind fast verwaist, die Zugänge zu den Flugsteigen, die Sicherheitsschleusen sind gesperrt, die Fluganzeigetafel zeigt es fast durchgehend an: „cancelled“. Das Sicherheitspersonal streikt und nichts geht mehr auf Rhein-Main. Auf den Stühlen der Ruheinseln dösen oder schlafen einige Passagiere. Die zur Betreuung eingesetzten Krisen-Mitarbeiter*innen mit den blauen Buttons „May I help you?“ lächeln im Dauereinsatz. So viel mehr haben sie auch nicht zu tun. Die meisten Reisenden sind erst gar nicht gekommen. Für die anderen sagt eine weibliche Lautsprecherstimme es immer wieder und in ganz sanften Moll-Tönen: „Streikbedingt können Sie Ihren Flug derzeit nicht erreichen.“

    Dafür ist der Lärm in den beiden Sälen im Fraport-Forum zwischen Terminal 1 und dem Fernbahnhof umso größer. Im Streiklokal wird gesungen, gepfiffen, getrommelt und getanzt. Der Warnstreik hatte am Dienstag, den 15. Januar, nachts um zwei Uhr begonnen und endete um 20 Uhr. ver.di-Gewerkschaftssekretär Guido Jurock freut sich, dass auch Kolleg*innen gekommen sind, die eigentlich frei haben, in anderen Bereichen arbeiten oder bisher noch kein Gewerkschaftsmitglied sind: „Gefühlte Streikbeteiligung 101 Prozent!“


    Rund 5.000 Menschen arbeiten auf dem Flughafen für sechs verschiedene Arbeitgeber, kontrollieren Reisende, Gepäck und Fracht. Sie werden von den Firmen unterschiedlich bezahlt, die Löhne liegen irgendwo zwischen elf und 17 Euro. Das sei ein unerträglicher Zustand, findet Gesamtbetriebsratsvorsitzender Qadeer Rana (35). Der Arbeitsdruck sei zu hoch, die Bezahlung zu schlecht. Er ist seit 16 Jahren dabei. Man leiste hochkonzentriert qualifizierte Arbeit, müsse regelmäßig Schulungen absolvieren, werde täglich sowohl von den Arbeitgebern als auch von der Bundespolizei kontrolliert, müsse aber ständig Personalmangel ausgleichen. Viel zu viele Mitarbeiter hätten außerdem keinen festen Vertrag. Das wäre auch etwas, das er gern geändert hätte: „Aber das liegt wohl in weiter Ferne.“

    Luftsicherungsassistentin Gulçin Sert (44) arbeitet erst seit „einem Jahr und 15 Tagen“ bei der Passagierkontrolle. Das wisse sie so genau, weil sie dort ihren Traumjob gefunden habe, für den die gelernte Diplom-Kauffrau ihre Bürostellung kündigte. Sert strahlt nachgerade. Sie ist rundherum zufrieden. Die Arbeit mache ihr trotz hoher Stundenzahl „unendlich viel Spaß“. Mit ihrem Arbeitgeber ist sie eigentlich auch zufrieden. Warum sie dann mitstreike? „Mehr Geld“, sagt sie zuerst lachend, „ist immer gut!“

    Und wird dann ganz schnell ernst. Zum einen möchte sie „keine Streikbrecherin sein“, viel mehr aber gehe es ihr um die Anerkennung und die Qualität der Arbeit: „Wir haben in höchstem Maße Verantwortung.“ Und sagt sie: „Ich möchte hier zum Feierabend mit einem guten Gewissen rausgehen können.“ Das sei aber schwer, wenn unterbezahltem Personal die Motivation fehle. Außerdem sei der Druck durch Personalmangel zum Beispiel für Frauen, die an den „Spuren“, den Sicherheitsschleusen, arbeiten, besonders groß. „Bei sechs Spuren sind fünf mit Männern und für die Kontrolle der weiblichen Fluggäste oft nur eine mit einer Frau besetzt.“ Das bedeute, „dass wir dann fünf mal so viele Personen mehr kontrollieren müssen als die Kollegen.“ Manchmal komme es sogar vor, dass eine Frau alleine „gleich für zwei Spuren“ zuständig sei. Die Arbeitsbedingungen, meint sie, müssten aber auch ganz allgemein für alle verbessert werden.

    „Euer Beruf ist ein Beruf den nicht jeder machen kann. Es ist ein Beruf für Ehrenmänner und Ehrenfrauen!“

    ver.di-Verhandlungsführer Benjamin Roscher

    Zur Kundgebung geht es mit Trommelwirbeln, Heidenlärm und Musik vor das Tor 3. Qadeer Rana tanzt zur Melodie von „We are the Champions“ vorneweg. ver.di-Verhandlungsführer Benjamin Roscher verkündet den Erfolg des bundesweit dritten Streiktags: „Alles ist dicht!“ Das sei „ein großartiges Signal. Das geht um die Welt!“ Die Forderung nach 20 Euro Stundenlohn sei gerechtfertigt: „Wir sorgen täglich dafür, dass die Geldmaschine Flughafen weiter Geldscheine druckt!“ Dass es nach vier Verhandlungsrunden noch immer kein reelles Angebot der Arbeitgeber des Bundesverbandes der Luftsicherungsunternehmen (BDLS) gebe, sei nicht akzeptabel. Er kündigte an, dass die Proteste weitergehen werden, wenn die Warnstreiks der letzten Tage nicht ausreichten, um ein annehmbares Angebot zu bekommen: „Wir können auch mehr, wenn die Arbeitgeber nicht wollen.“ Gulçin Sert klatscht ganz besonders begeistert, als einer der Redner ihr aus der Seele spricht: „Euer Beruf ist ein Beruf den nicht jeder machen kann. Es ist ein Beruf für Ehrenmänner und Ehrenfrauen!“ Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 23. Januar angesetzt.

    Text: Heide Platen

    Vor Ort

    Sie wollen mal mit ver.di-Leuten reden? Fragen stellen oder reinschnuppern? Finden Sie Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Ihrer Nähe.

    Interaktive Karte Ansprechpartner finden

    Newsletter

    Sie wollen informiert bleiben? Dann registrieren Sie sich und erhalten Sie Ihren persönlichen Newsletter mit allen News und Infos zu unseren Aktionen und Kampagnen.

    Informiert sein Jetzt abonnieren