Geld & Tarif

    Fotografiert, überwacht, in der Existenz bedroht

    Unternehmenskultur geht anders

    Am 12. September haben die Kabinenbeschäftigten von Ryanair bundesweit zum ersten Mal gestreikt. Allein am Flughafen Frankfurt, dem größten internationalen Drehkreuz für Flüge in Deutschland, beteiligten sich 75 Prozent der Belegschaft an dem Streik. Am 28. September haben die Beschäftigten europaweit an den Ryanair-Standorten für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Am Flughafen Berlin-Schönefeld bekamen die Streikenden sogar Unterstützung vom Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. An dem Gebaren der irischen Billigfluglinie gegenüber seinem Personal hat das nichts geändert. In Folge der Warnstreiks hat die Geschäftsführung ihre Drohungen gegenüber den Streikenden verstärkt.

    Am 1. Oktober kündigte Ryanair in einem Schreiben an alle Ryanair-Beschäftigten an, den Standort Bremen, an dem rund 90 Beschäftigte arbeiten, mit Wirkung zum 5. November 2018 zu schließen. Am Standort Weeze soll die Anzahl der Flugzeuge von fünf auf drei reduziert werden. An beiden Standorten hatte sich ein Großteil der Beschäftigten an den Warnstreiks beteiligt. Das Unternehmen begründet die Maßnahmen in dem Schreiben unter anderem auch mit den Arbeitsniederlegungen der Beschäftigten. ver.di fordert Ryanair dazu auf, die anhaltenden Einschüchterungen gegenüber den Beschäftigten umgehend zu unterlassen, die angekündigte Schließung und Streichung zurückzunehmen und die Existenzen der Beschäftigten nicht weiter zu bedrohen. 

    Während des Streiks am 12. September hat das Unternehmen an mehreren Flughäfen Führungskräfte eingesetzt, die Streikende fotografiert und überwacht haben. Darüberhinaus wurde allen Streikenden mit dem Status „unerlaubter Entzug der Arbeitskraft“ („no show“) versehen. Ryanair stellt damit das Streikrecht ihrer Beschäftigten infrage, ver.di prüft juristische Schritte wegen der versuchten Einschränkung des Streikrechts. „Dieses Verhalten des Unternehmens ist ein Angriff auf die Grundrechte der Beschäftigten“, sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle. Ryanair versuche mit allen Mitteln, die Beschäftigten unter Druck zu setzen. ver.di erwarte, dass das Unternehmen umgehend alle Einschüchterungsversuche gegenüber seinen Beschäftigten einstelle und seine Unternehmenskultur ändere. Behle fordert Ryanair auf, mit einem verhandlungsfähigen Angebot an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

    Dumpinglöhne: Basisgehalt ab 800 Euro bei Vollzeit

    In den letzten Monaten sind immer mehr Ryanair-Beschäftigte bei ver.di Mitglied geworden, weil ihre Arbeitsbedingungen mies sind und der Arbeitgeber sich nicht bewegt. „Wir sind mit unseren Forderungen noch nicht einmal beim Niveau anderer Billiganbieter“, sagt ver.di-Verhandlungsführerin Mira Neumaier. Ein erstes Ziel seien erst einmal gesicherte Einkommen. In der ersten Verhandlungsrunde hatte Ryanair zwar zugesagt, nationale Verträge abschließen zu wollen, hatte dies aber erst zum Jahr 2022 in Aussicht gestellt. Die bislang angebotenen Entgelterhöhungen reichen hingegen längst nicht aus. Sie bedeuten 41 Euro brutto mehr im Monat. Das sei völlig indiskutabel, sagt Mira Neumaier. Aktuell hätten die Beschäftigten ein Basisgehalt ab 800 Euro bei Vollzeit. Und das sei im Vergleich zum Billiganbieter Easy Jet bei vergleichbaren Positionen noch um 1.000 Euro brutto niedriger.

    Ryanair erkennt ver.di inzwischen als Gewerkschaft an. Bewegt hat das nach mehreren Verhandlungsrunden noch nichts. Die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor katastrophal. Wer auffällt, müsse mit heftigen Sanktionen rechnen, werde nach Dublin zitiert oder kurzfristig in ein anderes Land versetzt, sagt Christine Behle. Europaweit hat das Unternehmen 8.000 Flugbegleiterinnen und -begleiter, davon rund 1.000 in Deutschland und davon wiederum 700 Leiharbeiter/innen mit noch schlechteren Bedingungen, mit befristeten Arbeitsverträgen oder auch mit Kettenverträgen.

    Ryanair müsse sich wie alle anderen Unternehmen an geltendes deutsches Recht halten, sagte Behle. Die Vorwürfe würden auch in den Tarifverhandlungen angesprochen. „Es muss jetzt dringend ein Betriebsrat bei Ryanair installiert werden, um die notwendige Kontrolle zu gewährleisten. Dazu brauchen wir die Hilfe der Politik“, sagte sie. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hatte bei einem Besuch der Streikenden in Frankfurt erklärt, er wolle die Streichung der Ausnahme von fliegendem Personal im Betriebsverfassungsgesetz Pragraf 117 durchsetzen, um Mitbestimmung nach deutschem Recht zu ermöglichen.

    Allein am Flughafen Frankfurt beteiligten sich 75 Prozent der Ryanair-Kabienbeschäftigten am ersten Streik in Deutschland Foto: DPA Bildfunk Allein am Flughafen Frankfurt beteiligten sich 75 Prozent der Ryanair-Kabienbeschäftigten am ersten Streik in Deutschland

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