Reden, Positionspapiere

    Markowetz: Soziale Folgen der Digitalisierung

    Markowetz: Soziale Folgen der Digitalisierung

    Rede Alexander Markowetz, Professor für Informatik, Universität Bonn

    Die Digitalisierung krempelt nicht nur die Arbeitswelt um. Sie hat auch enorme Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Die Digitalisierung hat psycho-soziale Nebeneffekte, sagt Alexander Markowetz, Professor für Informatik an der Universität Bonn. Und er warnt: Diese Nebeneffekte können zu großen sozialen Konflikten führen.

    Revolutionen haben einiges gemein, weiß Markowetz: Ob Gutenbergs Buchdruck, die Dampfmaschine oder der Verbrennungsmotor – sie alle hatten Nebeneffekte. Der Buchdruck hatte die Reformation zur Folge, die Dampfmaschine hinterließ das moderne Proletariat. Der Verbrennungsmotor hebt das Weltklima aus den Angeln. Was aber sind die Nebenwirkungen der digitalen Revolution? Sie beeinflusst das Psychosoziale. Das Thema der Zukunft sei „Teilhabe“. Und dabei gehe es nicht in erster Linie um Geld, sondern um gesellschaftliche, um soziale Teilhabe. Sind die Gesellschaften nicht in der Lage, diese Teilhabe zu gewährleisten werden sich die Menschen Gruppen suchen, die genau das leisten. Auch gewalttätige Konflikte können die Folge sein.

    Markowetz verweist auf die Geschwindigkeit, mit der die Digitalisierung voranschreitet. Alle fünf Jahre schüttelt die Digitalisierung die Welt durch. Das bedeutet: In den kommenden 60 Jahren wird die Welt zwölf Mal auf den Kopf gestellt. „Wir werden die Welt nicht mehr wiedererkennen“, glaubt der Informatik-Professor. Schon heute hätten die Smartphones unser Leben radikal verändert. Nicht nur, dass die Menschen etwa zwei bis drei Stunden pro Tag am Smartphone hängen – nicht am Stück, aber immer wieder. Immer wieder werden Tätigkeiten unterbrochen, um nachzuschauen, ob jemand eine SMS geschickt hat, ob eine Nachricht auf den sozialen Medien eingegangen ist, auf die eine Antwort nötig ist. Multi-Tasking – mehrere Dinge gleichzeitig tun – ist keine Ausnahmesituation mehr, sondern Alltag.
    Die Folge: Die Konzentration leidet. Denn um in einen so genannten Flow – einen Zustand größter Konzentration – zu kommen, braucht es Zeit. Es heißt: Wir müssen uns 15 Minuten konzentrieren, um diesen Flow zu erreichen. Wenn wir aber alle paar Minuten auf das Smartphone schauen, hat der Flow keine Chance. „Das ist, als wenn wir mitten in einer Tätigkeit alle paar Minuten vors Schienbein getreten werden – da komme ich zu nichts“, beschreibt Markowetz die Situation.

    Das Problem: Leider hängt am Flow auch das Glücksempfinden. So wie wir mit dem Smartphone umgehen, verhindern wir, dass wir Glück empfinden.  „Wir machen Antiyoga“, meint der Informatik-Professor. Und er fragt: „Ist ein solches Verhalten normal, bin ich süchtig?“ Seine Antwort: Wahrscheinlich schon. Und wie werden wir das Ganze wieder los? Er prophezeit: In zehn Jahren wird es jede Menge Ratgeber zur einer Digitalen Diät geben.  

    Markowetz erinnert daran, dass noch vor wenigen Jahren es zum guten Ton gehörte, zwischen 12.00 Uhr und 15.00 Uhr und nach 20.00 Uhr nicht privat anzurufen. Diese Ruhephasen wurden akzeptiert. Heute brauchen wir neue Regeln für die Kommunikation – auch um der Verantwortung für die geistige Gesundheit gerecht zu werden. Er verweist darauf, dass einige Unternehmen bereits sehr rigide vorgehen: Nach Feierabend oder im Urlaub sind die Mails nicht abrufbar und können so nicht beantwortet werden. Andere wiederum überlassen es den Beschäftigten und ermöglichen so auch Arbeit rund um die Uhr. Für Markowetz können beide Lösungen „nicht richtig sein“. Weil beide Lösungen nicht beim Problem ansetzen – nämlich beim fokussierten Arbeiten.

    Weil der Einzelne selbst aber der größte Verhinderer eines solchen fokussierten Arbeitens ist, glaubt der Informatik-Professor auch nicht, dass sich dieses Multi-Tasking mit Gesetzen nicht verhindern lässt: „Das ist komplizierter.“ Markowetz verweist auf Arbeitsverhältnisse, bei denen es um körperliche Arbeit geht. Der Arbeitgeber will dabei, dass der Beschäftigte möglichst viel arbeitet. Der Beschäftigte möchte, dass die Arbeit möglichst leicht vonstatten geht. Bei Wissensarbeit aber sieht die Sache anders aus. Hier lautet das Ziel: Gute und klare Entscheidungen treffen. Hier haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer das gleiche Interesse. Dabei geht es um andere Fragen, um andere Verhaltensweisen. Zum Beispiel um Kommunikation, um gutes Zuhören, darum, mit den Menschen zu reden. Wie aber geht eine gute Kommunikation? Wie geht eine verantwortliche Kommunikation?

    Dabei kommt wieder die Digitalisierung ins Spiel: „Der Mensch kann nicht mit 150 Menschen befreundet sein, kann nicht mit so vielen Leute eine dauerhafte soziale Bindung eingehen. Angesichts der angestrebten flachen Hierarchien kommunizieren einzelne Beschäftigte nicht nur virtuell mit 100 Menschen. Auch Projektarbeit fordert soziale Höchstleistungen: Denn mit jedem Projekt ändern sich die Projektteilnehmer. Deshalb wird laut Markowetz künftig die Frage lauten: Wie kann ich die Leute einsetzen, damit sie weiterhin ein soziales Umfeld haben? Wie schaffe ich es als Unternehmen, dass die Beschäftigten produktiv und glücklich sind?
    Weil die Digitalisierung nicht nur Jobs vernichtet, sondern weil sie auch enorme Auswirkungen auf unsere Psyche hat. Und weil es um Teilhabe geht. Es ist für Markowetz deshalb auch keine Lösung, über eine negative Steuer all jenen Geld zu geben, die infolge der Digitalisierung keinen Job mehr finden: „Man kann einen Job und keine Teilhabe haben, aber es gibt keine Teilhabe ohne Job.“ Die Menschen würden sich dann Organisationen anschließen, die ihnen das bieten, was die Gesellschaft verwehrt – eben diese Teilhabe und die Aufmerksamkeit.

    Der Job löst sich auf, der Beruf zerrinnt uns zwischen den Fingern – bereits heute zeigen sich nach Markowetz´ Ansicht erste Anzeichen von großen sozialen Konflikten. Weil die Menschen um Teilhabe ringen. Wenn Gewerkschaften auch künftig vor allem Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfe im Blick haben, dann ist das seiner Ansicht nach zu wenig. Denn in 15 Jahren wird es nach Markowetz viele der klassischen Arbeitsplätze nicht mehr geben. Die Alternative, die Gewerkschaften laut Markowetz haben, ist die Öffnung für die Folgen der Digitalisierung. Er verweist auf die Paketannahmestellen und betont: Auch in Zukunft wird es wenige große Player und viele kleine geben – also eigentlich die klassische Situation, in der Gewerkschaften gebraucht werden. Aber es handelt sich dann eben nicht mehr um Arbeitnehmerverhältnisse. Thematisch wird es weiterhin auch um Arbeitsschutz und psychische Belastungen gehen. Seiner Ansicht nach stellt sich ver.di darauf ein, sich zu öffnen und in die „richtige Richtung“ zu marschieren.

    Stichwort Big Data: Für Markowetz ist es vor allem eine irreführende Bezeichnung. Denn oft geht es nicht um big, um groß also. Dennoch: Wer Big Data verstehen will, muss verstehen, was Informatik macht – nämlich die Automatisierung intellektueller Prozesse, um Entscheidungen zu ermöglichen. Big Data bedeutet, es werden Daten gesammelt. Weil bei allem, was wir tun – und zwar nicht nur im Netz – Daten anfallen. Wobei die Daten nicht für einen bestimmten Zweck gesammelt werden, sondern „weil wir es können“, sagt Markowetz. Big Data ist das Sammeln von Daten in der Hoffnung, dass irgendjemand irgendwann eine Frage einfällt, und er versucht, über die Daten eine Antwort zu bekommen. Es sind somit Daten, die zunächst ohne Anlass gesammelt werden.

    Warum aber ist das so beunruhigend? Weil die Menschen gläsern werden. Weil je mehr Daten existieren, desto besser die Daten auf den einzelnen zurückzuführen sind. Und: Viele von uns können sich nicht vorstellen, was aus diesen Daten alles herausgelesen werden kann. Wobei die Maschinen nichts andres herauslesen, als dies Menschen tun würden – allerdings viel schneller. So kann aus dem Verhalten - Handy-Nutzung, Stimme, Wortwahl, Kaufverhalten geschlossen werden, ob jemand depressiv ist. Ein Psychologe würde die gleichen Kriterien heranziehen. Oder: Aus der Stromnutzung ist nicht nur herauszulesen, welche Stromfresser er in seinem Haus stehen hat, sondern auch, ob jemand früh ins Bett geht, ob er überhaupt zu Hause ist oder ob er sich für Fußball interessiert – denn dann steigt in der Halbzeitpause der Stromverbrauch. Es geht um die Menge, nur Teile davon nützen wenig, aber alle zusammen geben ein genaues Bild der betreffenden Person.

    Text: Jana Bender