Reden, Positionspapiere

    Podiumsdiskussion: Individualisierung der Risiken

    Podiumsdiskussion: Individualisierung der Risiken

    Was lassen wir zu und was muss verhindert werden?
    Impressionen ver.di Kongress Arbeit 4.0 Prusseit ver.di Kongress Arbeit 4.0

    Weltweit werden die Menschen immer berechenbarer und gläserner: Scoring ist eines der Stichworte. Ein automatisiertes Bewertungsverfahren, das auf unterschiedliche personenbeziehbare Datensätze zugreift und Wahrscheinlichkeitsberechnungen anstellt. Datenschützer und Verbraucherschützer sehen diese Entwicklung sehr kritisch. Im Gegensatz zu anderen Ländern sind Unternehmen wie Versicherungen und Krankenkassen hierzulande noch vorsichtig mit individualisierten „Angeboten“, die auf der Erfassung persönlicher Daten der Versicherten beruhen. Weltweit aber scheint Scoring auf dem Vormarsch. Das wurde bei der Podiumsdiskussion „Individualisierung der Risiken – Ende der Solidarsysteme?“ deutlich. 

    Für Thilo Weichert, Chef des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, hat Scoring nichts Positives. Bisher sei dieses Verfahren hauptsächlich auf die Kreditwirtschaft beschränkt gewesen und breite sich nun auf alle Lebensbereiche aus. Ursprüngliches Scoring: Es wurden Daten ausgewertet, um zu wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Betreffender zum Beispiel seinen Kredit zurückzahlt.

    Inzwischen ist Scoring viel weiter – wie lebe ich, bewege ich mich sportlich, wie fahre ich Auto. All diese Kriterien sind Grundlage von Entscheidungen - entsprechend hoch oder niedrig ist mein Versicherungstarif. In Deutschland sind diese Methoden noch nicht stark verbreitet. Aber es zeichnet sich ab, dass sich dies ändert. Dabei kann alles ein Merkmal sein. Scoring bedeutet: Es liegt eine elektronische Datenerfassung und Analyse zugrunde und die Information wird für bestimmte Entscheidungen genutzt. Weichert: „Es geht um die Verarbeitung von personenbezogenen Daten. Das muss reguliert sein und das muss eingehalten werden.“ Er müsse leider feststellen, dass immer wieder über die Stränge geschlagen werde.

    Klaus Müller, Vorsitzender der Verbraucherzentrale Bundesverband, räumt ein, dass Apps, Big Data zunächst mal verführerisch sind und zunächst mal auch praktisch. Das Dilemma beginnt da, wo Daten verarbeitet werden und der Betroffene hat keinen Einfluss mehr drauf. „Scoring ist für uns zunächst mal ein intransparenter Schnelltest“, stellt er fest.

    Es geht um eine statistische Auswertung, die nicht mehr mit einem selbst zu tun hat, sie entscheidet aber viel über meine Möglichkeiten.  Aus Sicht der Verbraucherschützer ist Scoring etwas, was der Betreffende nicht versteht, was er auch nicht überprüfen oder korrigieren kann, weil er gar nicht weiß, wer alles über ihn einen Scorewert hat. Ein Scoring kann dazu führen, dass meine Wahlchancen beschnitten werden, weil ich sie nicht angeboten bekomme oder sie teurer bezahlen muss als andere. Scoring kann dazu führen, „dass ich nur noch versichert werde, wenn ich mich komplett nackig mache“, beschreibt der Verbraucherschützer Müller die Situation. Letztendlich kann Scoring das Ende der solidarischen Krankenversicherung einleiten, so dass es zu individuellen Gesundheitsverträgen führt. „Damit verabschieden wir uns vom Grundcharakter einer Versicherung“, so der Verbraucherschützer.

    Scoring ist weiter verbreitet, als wir denken, weiß Ben Wagner, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Und zwar überall außerhalb von Deutschland.  Er verweist zudem darauf, dass diese Schnelltests mit jedem Mal, wenn wir Google aufrufen, durchgeführt werden. Dann geht es zum einen darum, wer uns welche Werbung zukommen lassen darf. Und: All die Daten werden für weitere Zwecke genutzt.

    Wagner wehrt sich dagegen, dass es dabei ja vor allem um „ein bisschen Werbung“ geht. „Es geht um Teilhabe“, sagt er. Denn mit Scoring wird es für ärmere Menschen schwierig, auf Dienstleistungen zuzugreifen. Hinzu kommt: Wenn Menschen gewahr werden, dass sie ‚gescort‘ werden, machen sie nichts mehr im Netz, weil sie Angst haben, zum Beispiel auch über die Internetsuche zu viel von sich preiszugeben. Die Menschen könnten sich nicht mehr frei bewegen, weil sie – zu Recht – Angst haben, dass Profile von ihnen erstellt werden.

    Weichert verweist auf die bereits gängigen Scoring-Modelle der Versicherungen, die auch in Deutschland versucht werden. Er schildert die Argumentation der Unternehmen, die in Scoring keine Verhinderung, sondern eine Ermöglichung sehen – nach dem Motto: Ohne den Schnelltest hätte der Betreffende die Versicherung, den Kredit gar nicht bekommen. Einige dieser Argumente seien auch nicht von der Hand zu weisen, wie der Umstand, dass gesundheitsbewusstes Verhalten allen in der Gesellschaft nützt. Weichert: „Wir müssen uns deshalb Gedanken machen, welche Scoring-Verfahren wir zulassen, und welche wir als no-go einstufen.“

    Aber gerade weil das Sammeln von Daten auch Vorteile hat, dringt Weichert auf Regeln. Damit eben nicht diskriminiert wird, damit weiterhin Teilhabe möglich ist. Deshalb brauche es Transparenz: „Die Geheimniskrämerei muss aufhören.“ Auch Verbraucherschützer Müller kann durchaus Vorteile erkennen, wenn zum Beispiel der Autofahrer immer genau weiß wo er ist. „Aber müssen diese Daten irgendwohin gefunkt und gesammelt werden?“ oder sollte der Fahrer sie nicht vielmehr selbstbestimmt nutzen, fragt er. Auch ihm geht es um Spielregeln, die eingehalten werden müssen.

    Text: Jana Bender