Corona

    Tag und Nacht im Dienst

    Sozial- und Erziehungsdienste

    Die Gewalt nimmt zu

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Zuhause liegen derzeit bei vielen Familien die Nerven blank. Die Kinder müssen beschult oder betreut werden, wenn sie noch im Kindergartenalter sind, und parallel muss im Home Office die Arbeit erledigt werden, die üblicherweise am betrieblichen Arbeitsplatz erfolgt, wenn die Kinder in der Schule oder der Kita sind. In anderen Familien, in denen die Arbeitslosigkeit Einzug erhalten hat und auch zuvor die finanzielle Situation schon prekär gewesen ist und für Gewalt gesorgt hat, nimmt diese Gewalt zu. In manchen Städten des Landes wurden von den Kommunen bereits frei stehende Hotels angemietet, um dort Frauen und ihre Kinder unterzubringen, die vor ihren schlagenden Männern die Flucht ergriffen haben. Die Plätze in Frauenhäusern reichen für sie nicht längst nicht mehr aus. Aber auch viele Jugendliche, die von zuhause weggelaufen und psychisch belastet sind, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, oft mehrfach traumatisiert – sie alle bedürfen dieser Tage besonderer Hilfe und Schutz, Tag und Nacht.

    Die anhaltenden Kontaktsperren und Mindestabstands machen es für die rund 1,2 Millionen Beschäftigten in den Sozial- und Erziehungsdiensten nicht leichter, ihrer Arbeit nachzugehen. Kitas dürfen nur Notbetreuungen anbieten, vermutlich bis in den August hinein, Jugendhilfeträger müssen mit Jugendlichen zu einem Miteinander finden, das beide Seiten aushalten. Für die Sozialarbeiter*innen in diesem Bereich ist das derzeit eine äußerst schwierige Aufgabe: Sie haben kaum Schutzkleidung, aber immer wieder Jugendliche, die den Corona-Virus mit in die Einrichtungen bringen. Corona-Regeln? Die interessieren sie nicht. Kleine Kinder verstehen die Regeln ohnehin nicht.

    Abstand halten ist auch in der Kitanotbetreuung mit kleinen Kindern einfach nicht drin Foto: Christian Jungeblodt Abstand halten ist auch in der Kitanotbetreuung mit kleinen Kindern einfach nicht drin


    Kinder haben noch keine Nies-Etikette

    Tina Zink, 55, arbeitet als Erzieherin in Stuttgart Foto: privat Tina Zink, 55, arbeitet als Erzieherin in Stuttgart

    21. April 2020 – „Unsere Kindertagesstätte musste aufgrund der besonderen Situation Mitte März schließen. Nur noch wenige Erzieher*innen werden derzeit zur Betreuung ausschließlich von Kindern von Beschäftigten in sogenannten systemrelevanten Berufen gebraucht. Ich persönlich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind zurzeit im Gesundheitsamt eingesetzt. Dort und in anderen Bereichen der Verwaltung helfen wir aus, wo wir gebraucht werden.

    Aber auch in der Kita hätte ich keine Angst, mich anzustecken – sonst könnte ich nicht mit Kindern arbeiten. Der Corona-Virus ist ja nicht der einzige Virus, dem eine Erzieherin so begegnet. Ich bin auch Gesundheitspädagogin, und um die eigene Immunabwehr aufzubauen, muss man selber positiv denken, sonst wird man anfälliger für einen Virus. Außerdem ist jetzt eine vitaminreiche Ernährung mit viel Rohkost super wichtig.

    „Eine Gesellschaft ist nur so gut, wie sie mit ihren Schwachen und Älteren umgeht.“

    Ich habe aber Verständnis dafür, dass Kolleg*innen, die Vorerkrankungen haben oder die schon über 60 Jahre alt sind, zu Hause bleiben. Eine Gesellschaft ist nur so gut, wie sie mit ihren Schwachen und Älteren umgeht. Bei unserer Arbeit wird oft vergessen, dass wir den Mindestabstand zu unseren Kindern nicht einhalten können. Wer kann auf 1,5 Meter Abstand ein Kind wickeln? Auch haben Kinder noch keine Nies-Etikette.

    Nichtdestotrotz wir sind bereit zu helfen! Grundsätzlich habe ich persönlich jedoch Zweifel, dass starke Kontakteinschränkungen wie derzeit in Deutschland auf Dauer der einzig richtige Weg ist, um diesem Virus zu begegnen. Die Natur hat dagegen von Haus aus was eingerichtet: Auf längere Sicht hin sollte eine Art Herdenschutz aufgebaut werden. Je mehr Menschen die Krankheit überstanden haben, desto mehr sind dann immun dagegen und schützen damit auch die anderen. Wichtig wären vor allem Antikörpertests, damit man weiß dann, wer schon an Covid-19 erkrankt war.

    Für die Kinder und auch für Erwachsene muss so schnell es möglich ist und es vertreten werden kann, der Alltag wieder beginnen. Denn Kinder brauchen die Interaktion mit anderen Kindern, um ihr Potenzial voll entfalten zu können. Genauso wie wir Erwachsenen; wenn wir zu lange vom sozialen Leben abgeschnitten sind, entwickeln wir sonst noch andere Krankheiten.

    Viele Eltern quer durch alle Schichten haben jetzt Alltagssorgen: finanzielle Probleme durch Kurzarbeit oder Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, Zukunftsängste. Das spüren vor allem die Kinder. Da muss gegebenenfalls mit einem Sorgentelefon geholfen werden. Es gibt bestimmt auch Familien, die sich auch endlich wieder kennenlernen, da sie Zeit miteinander haben. Jedoch sollte man die wirtschaftliche Seite auch nicht außer Acht lassen. Vielleicht ist es jetzt eine Zeit, um innezuhalten, zu sehen, was wirklich wichtig ist, für die Menschen und die Welt ­– sozusagen die größte Chance, noch mal das Ruder rumzureißen. Die Welt muss geschützt werden, vor der Klimaerwärmung, dem immer weiter und immer schneller. Was jetzt wirklich wichtig ist, hat uns der „Virus“ gezeigt. Schade, dass wir erst so einen „Schlag vor den Bug“ gebraucht haben.

    Da wird einiges auf uns zukommen, wenn die Krise vorbei ist und die Kinder wieder zu uns in die Einrichtungen kommen werden. Da sind wir dann als Erzieher*innen gefordert, das Vertrauen der Kinder in sich selbst, zu uns und in den Alltag wieder aufzubauen. Dazu brauchen wir dann andere Konzepte in den Kitas für eine gewisse Zeit, das Leben geht nicht an dem gleichen Punkt wieder weiter, an dem wir vor Corona aufgehört haben. Zu viel ist passiert. Wir haben den Kindern beigebracht, dass der Mensch eine freie Persönlichkeit ist und sich entfalten kann. Das ist aber zur Zeit nicht so. Diese Verunsicherung muss durch konstante Beziehungen wieder langsam aufgebaut werden. Und dafür steht unser Berufsstand wieder am Start, voller Motivation!“


    Die Jugendlichen, die ich betreue, sind tickende Zeitbomben

    Lea Dietrich (Name geändert), 29, ist Sozialpädagogin. Sie arbeitet in einer Notdienstelle für Kinder und Jugendliche

    30. März 2020 – „Die Quarantäne ist für alle eine Last. Aber für die Kinder und Jugendlichen in unserer Inobhutnahmestelle hat sie eine besondere Wucht. Denn sie sind psychisch vorbelastet. Als Notdienst nehmen wir Tag und Nacht, auch an den Wochenenden, Kinder und Jugendliche auf, die in der Krise sind. Zum Beispiel, weil sie von ihren Eltern nicht betreut werden können, aus einer anderen Einrichtung der Jugendhilfe fliegen oder nach einer Zeit im Gefängnis nirgendwo unterkommen. Manche sind Geflüchtete, die schon mal eingesperrt waren oder gefoltert wurden. Andere sind „Systemsprenger“. Grenzgänger, wie man sie aus den Medien kennt: Jugendliche, die sich überall herumtreiben, aggressiv werden können und auch mal jemanden anspucken. Wir kennen das, wir können Krise. Und wir wissen, Krisen gehen vorbei.

    „Bis vor kurzem hat die Leitung darauf bestanden, auch Infizierte in die Gruppe aufzunehmen. Wir Mitarbeiter haben aufgeschrien. Verdachtsfälle und Infizierte zusammen zu betreuen: Das ist wirklich unverantwortlich! Keiner von uns hat Infektionsschutz gelernt, wir sind keine ausgebildeten Krankenpfleger!“

    Seit Corona ist allerdings vieles anders. Die Jugendlichen, die ich betreue, sind tickende Zeitbomben. Denn eine unserer Gruppen besteht aus Corona-Verdachtsfällen. Darum müssen die Jugendlichen auf dem Zimmer bleiben und im Flur mit Mundschutz rumlaufen und Abstand halten.

    Bis vor kurzem hat die Leitung darauf bestanden, auch Infizierte in die Gruppe aufzunehmen. Wir Mitarbeiter haben aufgeschrien. Verdachtsfälle und Infizierte zusammen zu betreuen: Das ist wirklich unverantwortlich! Keiner von uns hat Infektionsschutz gelernt, wir sind keine ausgebildeten Krankenpfleger! Aber es war schwierig, mit der Leitung zu verhandeln. Schließlich hat ein Kollege sich selbst ans Gesundheitsamt gewandt. Für die Infizierten wurde eine eigene Gruppe aus dem Boden gestampft. Und wir bekamen endlich eine ordentliche Einweisung vom Hygieneinstitut und Schutzkleidung und Masken. Alles nur, weil wir uns gewehrt haben. Die Leitung war völlig überfordert. An guter Koordination fehlt es immer noch. Dabei ist die Kooperation mit dem Gesundheitsamt total wichtig. Ich hätte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können, durch meine Arbeit Menschen zu gefährden. Weil ich ja das Virus vom Infizierten zum Verdachtsfall tragen könnte.

    Die tägliche Arbeit ist aber auch so nicht einfach. Dass es unseren Klienten nicht gut geht, sehen wir an der Körperhaltung. Die Jugendlichen tragen Masken, das erschwert die Kommunikation. Und ein Brettspiel spielen mit jemandem, der vielleicht infiziert ist? Das überlegt man sich zweimal. Man kann auch nicht rausgehen für eine Runde Basketball oder gemeinsam im Aufenthaltsraum oder in der Küche sein. Ein Jugendlicher hat einen Lagerkoller bekommen und ist entwischt. Das passiert allerdings leider auch sonst hin und wieder. Wir dürfen niemanden einsperren. Trotzdem: Für manche Geflüchtete kann es eine Retraumatisierung sein, in Quarantäne zu sein.

    Als Pädagogen versuchen wir, die Klienten bei Laune zu halten. Wir loben sie dafür, dass sie sich an die Regeln halten und versuchen, sie zu bestärken – auch wenn sie nicht verstehen, wozu das alles gut sein soll.“

    Aus Angst, Überträgerin zu sein, habe ich meine sozialen Kontakte total eingeschränkt. Auch spazieren gehe ich nur noch mit Arbeitskollegen. Mich strengt die Situation seelisch total an. Das Unbekannte und das Unberechenbare macht Druck. Man weiß ja nicht, wie lange das dauert. Noch etwas besorgt mich: Obwohl wir davon ausgehen können, dass die häusliche Gewalt zunimmt, hatten wir in den letzten Wochen ziemlich viele leere Plätze. Normalerweise melden Lehrer oder Eltern von anderen Kindern Auffälligkeiten, das fällt jetzt weg. Und Nachbarn hören nur, was man hören kann. Keiner weiß, was in den Familien wirklich los ist. Ich finde, das alles ist keine Krise mehr, es ist eine Katastrophe.

    Um eine lächerliche Kleinigkeit würde ich die Gesellschaft bitten. Statt zu klatschen, kauft einfach nur so viel ein, wie ihr wirklich braucht. Denn wenn ich nach der Schicht einkaufen will, haben andere schon alles weggekauft. Nicht zehn Kilo Klopapier an sich zu raffen: Das liegt in Eurer Verantwortung!

    Protokolle: Heike Langenberg, Monika Goetsch