Corona

    Anderthalb Stunden gegen rechtspopulistischen Immobilienhai

    Autokino

    Kapitalismuskritik passt gerade gut

    Gewerkschaft in Zeiten von Corona

    Chemnitz, 12. Mai 2020 – Als er die Einladung ins Autokino bekam, war Markus Dietl „ziemlich überrascht“ – auf die gute Art. Gemeinsam mit rund 460 anderen Menschen steht er heute Abend auf dem Parkplatz der Chemnitzer Messe und wird sich gleich in sein Auto setzen, um hier im vor einigen Wochen installierten Autokino die „Känguruchroniken“ anzuschauen. Und um ein bisschen vom Alltag abzuschalten. Alle Zuschauer*innen heute sind ver.di-Mitglieder. Was sie noch verbindet: Sie alle arbeiten in den sogenannten systemrelevanten Berufen; etwa im Handel, in der Pflege oder im Sozial- und Erziehungsbereich.

    Gleich geht's los – Markus Dietl freut sich auf die Känguruchroniken Benjamin Jenak Gleich geht's los – Markus Dietl freut sich auf die Känguruchroniken


    Nebenbei die Chemnitzer Kinos unterstützen

    Den Abend organisiert hat ver.di: Man wolle damit denen, die in der Corona-Krise in ihrem Job besonders gefordert seien, danken, sagt Robin Rottloff, ver.di-Gewerkschaftssekretär in Chemnitz. „Und wir wollen einfach auch ein bisschen dafür sorgen, dass es neben dem ganzen Stress auch schöne Momente gibt.“ Dass sich das alles am Tag der Pflege organisieren lässt, sei ein besonders gutes Signal. Dass man damit auch noch die Chemnitzer Kinos unterstützt, die das Autokino in der Zeit der Zwangsschließungen auf die Beine gestellt haben, um wenigstens ein paar Einnahmen zu generieren: Umso besser.

    Markus Dietl jedenfalls freut sich sehr über diese Art der Wertschätzung. Er arbeitet als Techniker für eine große Supermarktkette und ist unter anderem dafür zuständig, dass die Kassen und Kartenlesegeräte funktionieren. „Jetzt, wo hauptsächlich kontaktlos bezahlt werden soll und andauernd desinfiziert wird, sind da viele in die Knie gegangen“, erzählt er. Das habe natürlich für wenig Begeisterung gesorgt, viele Kunden würden im Moment besonders dünnhäutig reagieren. „Wir erleben gerade ganz viele verschiedene Reaktionen: Die einen bringen uns Kaffee und Blümchen, um sich zu bedanken, die anderen lassen ihren Frust raus.“ Mit dem Begriff „systemrelevant“ habe er trotz allem seine Schwierigkeiten: „Ich sehe das für mich nicht ­– die Leute, die die Reinigung erledigen oder die LKW fahren, sind genauso wichtig, damit alles am Laufen bleibt, aber man sieht sie weniger.“ Die wirklichen Held*innen seien für ihn aktuell die Pflegekräfte: „Die machen ihren Job, obwohl sie dabei ihre eigene Gesundheit gefährden.“

    Mit Ton übers Autoradio

    Zwei von ihnen sind Dominique Amboss und Marko Schubert. Beide arbeiten in der Pflege am Chemnitzer Klinikum, er als Pfleger in der Anästhesie und Intensivstation, sie als freigestellte Betriebsrätin. Beide freuen sich über die Möglichkeit, gemeinsam mit Partnern und Kolleg*innen einen so schönen Abend zu verbringen. Das könne aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch viel zu tun gebe, sagt Schubert. Dass das Thema Pflege gerade medial so groß gespielt werde, sei schön und gut. „Aber diese Prämie, die es für Pflegepersonal geben soll, kommt mir schon ein bisschen vor wie Schweigegeld, damit wir dann wieder den Mund halten.“

    Dass es viel zu wenig Personal gebe und die Arbeit nicht angemessen bezahlt werde, „das ist doch schon seit Jahren bekannt“. Zwar sei jetzt etwa mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz und Personaluntergrenzen Wichtiges auf den Weg gebracht worden, „aber das wird immer noch nicht konsequent gemacht, da braucht es viel mehr“, sagt Schubert. Es sei gut, dass Corona die Pflege in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt habe, ergänzt seine Kollegin, „aber es wäre auch wichtig, dass die nicht wieder nachlässt.“ Grundsätzlich gehöre die Versorgung kranker Menschen nicht in die Hände von Aktiengesellschaften oder privaten Unternehmen, finden die beiden – diese Aufgabe sei Sache des Staates.

    Jetzt aber müssen die zwei Pflegekräfte erst einmal einsteigen, der Film startet gleich auf der riesigen aufblasbaren Leinwand, mit Ton übers Autoradio. Für die nächsten anderthalb Stunden dreht sich hier auf dem Parkplatz alles um ein kommunistisches Känguru und seinen Mitbewohner, die gegen einen rechtspopulistischen Immobilienhai ankämpfen müssen, um ihre WG zu retten. „Ein bisschen Kapitalismuskritik“, lacht Dominique Amboss. „Das passt doch gerade ziemlich gut.“

    Text: Susanne Kailitz