Corona

    Das Geld muss direkt in die Haushalte fließen

    Konjunkturpaket

    Die drei K der Krise: Kinderbonus, Kurzarbeitergeld, Konjunktur

    Hilfe in Zeiten von Corona

    Berlin, 24. August 2020 – Ein Paar Cent weniger für die Butter, ein paar Cent weniger fürs Brot – jeder Kassenbon führt derzeit genau auf, wie viel beim Lebensmitteleinkauf gespart wird durch die Senkung der Mehrwertsteuer, die sich die Bundesregierung im ersten Corona-Hilfspaket 20 Milliarden Euro hat kosten lassen. Es ist der größte Batzen des Pakets, noch bis Ende des Jahres kann sich das rechnen. Doch die Ersparnisse beim Lebensmitteleinkauf sind bescheiden. Und der eigentlich beabsichtigte Impuls auf den privaten Konsum und die wirtschaftliche Konjunktur in Deutschland dürfte überschaubar bleiben. Größere Effekte hätte die Bundesregierung eher erzeugt, wenn ihre bereitgestellten Gelder in einen höheren Kinderbonus oder eine stärkere Aufstockung des Kurzarbeitergeldes geflossen wären. Darauf deuten die Ergebnisse der jüngsten Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hin, der eine Umfrage unter gut 6.300 Erwerbstätigen von Ende Juni zugrunde liegt.

    Knapp 75 Prozent der Befragten gaben an, trotz Mehrwertsteuersenkung ihr Konsumverhalten im zweiten Halbjahr 2020 nicht verändern zu wollen. Ein Kaufrausch kündigt sich anders an. Allerdings: Fast 80 Prozent der Befragten erklärten, sie würden bei einer Einmalzahlung wie dem Kinderbonus ihren Konsum erhöhen. Zudem ergab die Umfrage, dass Menschen, die ohne Aufstockung des Kurzarbeitergeldes in Kurzarbeit sind, ihre Ausgaben signifikant häufiger reduziert haben als andere Befragte – eine finanzielle Besserstellung hätte daher laut der Studie ebenfalls spürbare positive Wirkungen. „Eine andere Gewichtung der Maßnahmen im Konjunkturpaket – etwa ein höherer Kinderbonus oder eine großzügigere Aufstockung des Kurzarbeitergeldes – hätte nach diesen Ergebnissen zu einem größeren konjunkturellen Impuls geführt“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Fazit – und raten dazu, im Falle weiterer Pakete zur Konjunkturstützung entsprechend anders zu gewichten. 

    Die Mehrwertsteuersenkung bringt nicht den erwarteten Kaufrausch Christian Charisius/dpa Die Mehrwertsteuersenkung bringt nicht den erwarteten Kaufrausch


    Nur gut 17 Prozent wollen Anschaffungen vorziehen

    Indes nur ein knappes Viertel aller Befragten gab an, wegen der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung ihr Konsumverhalten zu ändern. Die größte Gruppe von ihnen – 14,4 Prozent – hatte vor, eigentlich für später geplante Anschaffungen in dieses Jahr vorzuziehen. 3,2 Prozent der Befragten erklärten, die Steuersenkung für bislang nicht geplante zusätzliche Anschaffungen zu nutzen. Beide Verhaltensweisen würden dem Ziel der Regierung, Konsum und Konjunktur kurzfristig zu beflügeln, entsprechen. Weitere 8,1 Prozent antworteten, sie würden Anschaffungen, die sie eigentlich schon früher geplant hatten, nun in die Zeit mit niedrigerer Mehrwertsteuer verschieben – woraus sich kein positiver Konjunktureffekt ergeben würde. Unter’m Strich seien die Effekte der Steuersenkung daher „eher begrenzt“, weil sie so laut Studie relativ wenig zusätzlichen oder vorgezogenen Konsum auslösten. 

    Entscheidend für das Verbraucherverhalten ist zudem auch, dass mehr als jede*r Dritte (34,6 Prozent) gar nicht daran glaubt, dass die Mehrwertsteuersenkung tatsächlich auch an sie weitergereicht wird. Preiserhöhungen schluckten sie wieder. Die Mehrheit (58,2 Prozent) geht davon aus, dass der Vorteil nur teilweise weitergereicht wird. Gerade einmal sechs Prozent glauben, dass die Senkung „ganz überwiegend“ bei den Kunden ankommt. 

    Höher schätzen die Ökonomen deshalb die kurzfristige konjunkturelle Wirksamkeit von Einmalzahlungen, insbesondere des Kinderbonus ein. Dafür spricht nach der IMK-Studie einerseits, dass Befragte mit Kindern während der Corona-Krise deutlich häufiger von höheren Ausgaben berichten als Menschen ohne Kinder im Haushalt. Akuter finanzieller Bedarf sei also vorhanden. Zum anderen wurde direkt nachgefragt, was die Interviewten mit einer hypothetischen Einmalzahlung in Höhe von 1.000 Euro machen würden. Gut 78 Prozent antworteten, sie würden zumindest einen erheblichen Teil davon ausgeben. Im Durchschnitt gaben die Befragten an, 415 Euro innerhalb der folgenden 12 Monate für den Konsum zu nutzen, weitere 185 Euro sollten für die Tilgung von Schulden aufgewendet werden.

    Höheres Kurzarbeitergeld hätte positiven Effekt

    Auch wenn das Kurzarbeitergeld höher als bisher wäre, hätte das ein erhebliches Potenzial zur Ankurbelung von Konsum und Konjunktur. Das schließen die Forscher aus Befragungs-Daten, wonach Beschäftigte in Kurzarbeit zuletzt wesentlich häufiger ihren Konsum einschränken mussten als jene, die weiter voll arbeiten konnten. Konkret gaben in der Umfrage 25,7 Prozent der Beschäftigten ohne Kurzarbeit an, ihre Konsumausgaben in der Krise eingeschränkt zu haben.

    Deutlich anders sah es für die von Kurzarbeit Betroffenen aus: Von ihnen erklärten 42 Prozent, ihre Konsumausgaben gekürzt zu haben. Dabei hatten Kurzarbeitende ohne Aufstockung des Kurzarbeitergeldes durch den Arbeitgeber ihren Konsum wiederum deutlich häufiger zurückgefahren als Personen mit finanzieller Aufstockung. „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine frühe und entschiedene Aufstockung des Kurzarbeitergeldes entweder für alle Betroffenen oder nur für Geringverdiener (im Modell des Mindestkurzarbeitergeldes) aller Wahrscheinlichkeit nach den beobachteten Einbruch des Privatkonsums im zweiten Quartal 2020 gebremst hätte und auch den Konsum in den kommenden Monaten gestützt hätte“, heißt es in der Studie.

    Wie stark Kinderbonus, höheres Kurzarbeitergeld und andere Maßnahmen zur Konjunkturstimulierung wirken, ist unter Ökonomen umstritten. Gesamtwirtschaftliche Daten, die Hinweise liefern könnten, werden nicht vor Mitte 2021 vorliegen. Diese zeitliche Verzögerung ist in der unübersichtlichen Corona-Krise längst nicht nur ein akademisches Problem, sagen die Wissenschaftler des IMK. Dies sei für die Entscheidungsträger problematisch, „weil möglicherweise weit früher weitere Maßnahmen zur Konjunkturstützung notwendig werden könnten, wenn sich bisherige Stützungsversuche als unzureichend erweisen sollten.“