Corona

    Alle Ämter digital geöffnet

    Verwaltung

    Zur Not vom Küchentisch aus

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Insgesamt waren bis Ende 2019 insgesamt 4,8 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt, darunter gut 1,8 Millionen verbeamtete Beschäftigte und knapp 3 Millionen Angestellte. Sie alle sorgen an verschiedensten Stellen dafür, dass das öffentliche Leben nicht ins Stottern gerät. Sie kümmern sich in den Finanzverwaltungen um unsere Steuererklärungen, in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung darum, dass die Wasserstraßen befahrbar bleiben, im Jugendamt um Unterhaltsfragen oder das Umgangsrecht, im Bürgeramt um Pässe und etliches mehr. Und obwohl das öffentliche Leben seit Wochen geradezu stillzustehen scheint, wird im öffentlichen Dienst weitergearbeitet.

    Rund 1,2 Millionen der Beschäftigten sind in den öffentlichen Verwaltungen tätig, etwa in den Bürger-, Gesundheits-, Ordnungs- und Jugendämtern. Die Beschäftigten der Ordnungsämter sieht man dieser Tage viel häufiger auch auf den Straßen, sie kontrollieren, ob die Bürger*innen sich weitestgehend an das Abstandsgebot und andere Regeln halten. Doch auf eine Krise wie die jetzige Corona-Pandemie waren nicht alle Verwaltungen gleich gut vorbereitet. Noch nicht überall läuft es mit dem Home Office richtig gut, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltungen ist noch im Werden und wird sich nun durch die Bedingungen, unter denen gearbeitet werden muss, nämlich mit Abstand, beschleunigen.

    In den Kfz-Zulassungsstellen gibt es auch noch Publikumsverkehr Foto: DPA In den Kfz-Zulassungsstellen gibt es auch noch Publikumsverkehr


    Ich bin so eine Art „letzter Mohikaner“ hier

    Mandy Kathe-Heppner, 34, arbeitet im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Weser –Jade – Nordsee, Standort Bremerhaven Foto: privat Mandy Kathe-Heppner, 34, arbeitet im Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Weser –Jade – Nordsee, Standort Bremerhaven

    15. April 2020 – „Ich bin hier gerade etwas alleine, von 20 Leuten, die sonst bei uns auf dem Flur arbeiten, sind nur zwei da. Die meisten Kolleginnen und Kollegen können das, was sie machen, auch im Home Office erledigen. Ich kann das nicht, wegen der Programme, die ich brauche. Außerdem gibt es keine Dienst-Laptops mehr. Ich bin so eine Art „letzter Mohikaner“ hier. Zu Hause warten drei pubertierende Kinder auf mich, da ist das auch nicht so schlecht.

    Normalerweise arbeiten rund 200 Leute hier im Amt. Wir wurden vor einem Jahr mit zwei weiteren WSA zusammengelegt und sind seither eine der drei Dienststellen des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Weser-Jade-Nordsee. Ein Teil der Arbeit hier im Haus ist die Verkehrszentrale. Dort überwachen Dreier-Teams rund um die Uhr den Schiffsverkehr in der Deutschen Bucht, der Weser und der Wesermündung. Auf den Wasserstraßen ist noch nicht viel von der Krise zu spüren.

    „Wenn die Zentrale nicht ausreichend besetzt wäre, müsste der Schiffsverkehr in dem Gebiet eingestellt werden.“

    Wir arbeiten normalerweise in einem flexiblen Schichtplan, derzeit gibt es jedoch einen festen Plan. Um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten bleiben die Teams beieinander. Aus diesem Grund haben auch nur noch Leute Zutritt zu der Zentrale, die dort arbeiten. Werden dennoch zu viele krank, können auch unsere Kapitäne einspringen. Wenn die Zentrale nicht ausreichend besetzt wäre, müsste der Schiffsverkehr in dem Gebiet eingestellt werden.

    Der zweite wichtige Bereich ist die Pflege des Tiefgangs der Wasserstraßen. Damit sind wir so eine Arbeit Autobahnverwaltung, nur halt für die Wasserstraßen. Regelmäßig werden die Tiefen gepeilt. Werden Mindertiefen gefunden, setzen wir unsere Bagger ein. Außerdem kontrollieren wir Leitfähigkeit und Trübung des Wassers sowie die Wasserstände.

    Die Kontrolle der Pegel gehört zu meinen Aufgaben. Die stehen alle im Wasser, zur Kontrolle muss ich auf unsere Schiffe – aber das geht derzeit nicht. Auf den Schiffen ist es so eng, da wäre es nicht möglich, 1,50 Meter Abstand zu halten. Also übernimmt die Kontrolle einer der Kollegen vom Schiff und gibt mir die Werte durch.“


    Die Leute halten sich weitgehend an die Vorschriften

    Bärbel Gensel-Schelbert, 63, arbeitet in der Bußgeldstelle des Landratsamtes Sächsische Schweiz-Osterzgebirge in Freital

    7. April 2020 – „Wir kümmern uns hier um die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten. Mein Team ist zuständig für Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch für Verstöße aus den Bereichen Waffen, Unterhalt und Abfall. Zur Zeit kümmern wir uns auch um alle Verstöße gegen die Verfügungen wegen der Corona-Pandemie, also Ausgangssperre oder Kontaktverbot. Alles, was mit Verstößen aus dem Bereich Verkehr zu tun hat, liegt bei einem anderen Team. Gemeldet werden uns die Verstöße in erster Linie von der Polizei, aber auch von unseren Außendienstlern.

    „Aus allen Abteilungen der gesamten Verwaltung des Landratsamtes sind derzeit Kolleginnen und Kollegen zum Katastrophenstab abgeordnet worden.“

    Wir sind normalerweise vier Leute im Team, aber heute bin ich alleine hier. Aus allen Abteilungen der gesamten Verwaltung des Landratsamtes sind derzeit Kolleginnen und Kollegen zum Katastrophenstab abgeordnet worden. Andere bleiben zu Hause, um ihre Kinder betreuen zu können. Bislang bin ich noch nicht dazu gekommen, mir anzuschauen, wie viele Verstöße gegen die Corona-Verfügungen am vergangenen Wochenende gemeldet worden sind. Der Landrat hat aber in der Presse gesagt, die Leute halten sich weitgehend an die Vorschriften.

    Wir müssen bei den uns gemeldeten Verstößen erst mal prüfen, an welchem Tag sie begangen worden sind und welche Verfügung an diesem Tag gegolten hat. Das braucht seine Zeit. Also wird es noch ein paar Tage dauern, bis wir Bußgeldbescheide verschicken können. Mein persönlicher Eindruck am Wochenende war aber, dass die Leute sich daran halten. Ich wohne in Freital und hier war fast Totenstille am Wochenende, trotz des schönen Wetters. Sonst sind hier viel mehr Leute unterwegs.

    Arbeit im Home Office ist für mich nicht möglich. Ich habe von außen keinen Zugriff auf unser Programm. Abstand halten im Büro ist derzeit kein Problem, weil so wenige hier sind. Außerdem sind die Ämter für den Publikumsverkehr geschlossen.“


    Auf Corona-Streife

    Jens Quade, 43, arbeitet beim Bürger- und Ordnungsamt in Kiel Foto: privat Jens Quade, 43, arbeitet beim Bürger- und Ordnungsamt in Kiel

    2. April 2020 – Abstandsgebot, Kontaktverbot, geschlossene Restaurants – Corona hat eine Menge Einschränkungen mit sich gebracht. Ob sie eingehalten werden, das kontrollieren auch die Beschäftigten der Ordnungsämter. „Immer wieder gibt es neue Landesverordnungen“, sagt Jens Quade, der beim Ordnungsamt in Kiel arbeitet. In die müssen er und seine Kolleg*innen sich immer wieder einarbeiten, denn ständige Veränderungen sind inklusive. Jetzt müssen sie bei ihren Streifen auch darauf achten, ob die Verordnungen eingehalten werden.

    „Letztlich haben sich Mieter bei mir gemeldet, bei denen eine Firma im Namen der Wohnungsgesellschaft die Rauchmelder kontrollieren wollte. Das kam denen komisch vor in Zeiten, in denen Kontakte möglichst vermieden werden sollen.“

    „Die Leute haben viel Verständnis dafür“, sagt Quade. Ob sie zu nah beieinander stehen oder zu sechst im Park Fußball spielen – es sei kaum nötig, die Polizei hinzuzurufen. Viele Fragen gibt es in der Gastronomie. Restaurants sind geschlossen, hier ist nur der Außer-Haus-Verkauf erlaubt. Aber auch dazu gibt es Vorgaben. Und da klären die Mitarbeiter*innen vom Ordnungsamt, ob der Verkauf so möglich ist, wie es sich die Gastronom*innen vorstellen oder was geändert werden muss. Immer wieder melden sich auch Bürger*innen per Telefon, fragen nach und berichten, was ihrer Meinung nach nicht sein sollte. „Letztlich haben sich Mieter bei mir gemeldet, bei denen eine Firma im Namen der Wohnungsgesellschaft die Rauchmelder kontrollieren wollte“, erzählt Quade. „Das kam denen komisch vor in Zeiten, in denen Kontakte möglichst vermieden werden sollen.“ Nach seiner Rücksprache mit der Wohnungsgesellschaft hätte deren Verwaltung zugesagt, dass der Außendienst die Kontrollen auf einen späteren Termin verschieben werde.

    Die Arbeitsabläufe im Ordnungsamt haben sich durch die Corona-Vorsichtsmaßnahmen durchaus verändert. Saßen sonst alle zur mittäglichen Schichtübernahme an einem Tisch, werde jetzt nur noch schnell der Schlüssel übergeben. Die Schichten untereinander zu tauschen, gehe derzeit nicht, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Die Teams gehen weiterhin mindestens zu zweit raus, manchmal sind sie zu dritt unterwegs, aber auch dann werde der erforderliche Abstand eingehalten.

    „Angst hat jeder“, sagt Jens Quade. Dennoch fühlt er sich mit Mundschutz und Handschuhen ganz gut ausgestattet, die er in brenzligen Situationen anziehen kann. Manchmal, beim Auffinden hilfloser Personen etwa, komme es durchaus zu engerem Kontakt. „Aber letztendlich hilft man doch sofort“, sagt Quade. Neben der Einhaltung der Corona-Vorschriften geht auch der normale Arbeitsalltag der Ordnungsamt-Mitarbeiter*innen weiter. Illegale Müllhaufen oder Fahrzeuge ohne Kennzeichen nehmen sie weiterhin auf, auch wenn sie auf Corona-Streife sind.


    Der Küchentisch ist der einzige Platz im Haus mit WLAN-Empfang

    Sabine Rieckermann, 58, arbeitet bei der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) in Hamburg im Referat Mobilitätsförderung Foto: privat Sabine Rieckermann, 58, arbeitet bei der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) in Hamburg im Referat Mobilitätsförderung

    2. April 2020 – Für Sabine Rieckermann ist die Arbeit im Homeoffice nichts Neues. Schon vor zwei Jahren wurde die Arbeit im Sachgebiet zu 100 Prozent digitalisiert, erzählt sie. Telearbeit, wie das Homeoffice hier offiziell genannt wird, gehört fest zum Arbeitsablauf und ist in Vereinbarungen geregelt. Auch Akten werden zu 100 Prozent digital geführt, viele Anliegen laufen ohnehin erst einmal über E-Mail oder Telefon. An Sabine Rieckermann und ihre Vorgesetzte wenden sich Beschäftigte der Behörde, wenn sie sich an ihrem bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr wohl fühlen oder nach längerer Krankheit wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren wollen. Dann wird nach individuellen Lösungen gesucht, das kann die Umorganisation des Arbeitsplatzes ebenso sein wie ein neues Einsatzgebiet.

    Derzeit ist das gesamte Sachgebiet in Telearbeit. „Das ist keine Umstellung für uns“, sagt Sabine Rieckermann. In den täglichen Abläufen sei nicht zu spüren, dass eine Kollegin in Sachsen, eine in Hamburg und Norderstedt und eine in Elmshorn am Schreibtisch sitze. Sabine Rieckermann selbst arbeitet zur Zeit auf Fehmarn, dort lebt ihr kranker Vater, und der braucht ihre Hilfe im Alltag.

    „Ich bin ein großer Fan von Telearbeit. Aber man muss sehr diszipliniert sein.“

    Sie ist in Hamburg zu Hause, arbeitet dort normalerweise einen Tag pro Woche in der Wohnung, an zwei weiteren geht sie ins Büro. „Ich bin ein großer Fan von Telearbeit“, sagt sie. Dabei könne sie effektiver arbeiten. Aber man müsse einiges beachten, sonst nehme die Arbeit dort durch die ständige Erreichbarkeit einen zu breiten Raum im Alltag ein. „Man muss sehr diszipliniert sein“, sagt sie. Sie setzt sich um 8 Uhr morgens an den Schreibtisch, um 16 Uhr schaltet sie das Diensthandy und den Rechner wieder aus. Hilfreich sei ein fester räumlicher Bereich für die Telearbeit, mit einem vernünftigen Stuhl und einem eigenen Schreibtisch. 

    Auf Fehmarn ist das derzeit der Küchentisch, denn das ist der einzige Platz im Haus mit WLAN-Empfang. Aber das sei der Ausnahmesituation bei ihrem Vater geschuldet. Wichtig sei auch, dass die Familie Bescheid wisse, dass man zwar da sei, aber während der Arbeitszeit nicht verfügbar. „Ständige Unterbrechungen sind nicht ohne“, weiß sie.

    Doch so sehr Sabine Rieckermann Telearbeit mag und in der Situation mit ihrem Vater zu schätzen weiß – nur in Telearbeit zu arbeiten, kann sie sich nicht vorstellen. „Da bist du ganz schön alleine“, sagt sie. Gerade persönliche Kontakte machen für sie den Arbeitsalltag aus. Da bekomme sie auch viele Informationen, die sie dann bei ihrer Arbeit einsetzen könne. E-Mails, die man schreibt, bezögen sich halt meist nur auf die eine konkrete Frage. Auch schwierige Beratungsgespräche führt sie lieber unter vier Augen und nicht am Telefon. Derzeit arbeitet Sabine Rieckermann im Wesentlichen an den Fällen, die sie schon im Bestand hat, neue kommen kaum dazu. „Zur Zeit sind halt alle mit anderen Dingen beschäftigt“, sagt sie.

    Protokolle: Heike Langenberg