Corona

    Happy End nicht in Sicht

    Kino

    Völlig von der Rolle

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Irgendwann im Frühsommer, heißt es, dürften in Deutschland die Kinos vielleicht wieder öffnen. Selbstverständlich auch dann nur unter eingeschränkten Bedingungen. Abstand halten wird noch das Gebot sein, um wieder in größeren Räumen mit vielen Menschen zusammenkommen zu können. Die Aussichten sind nicht gut, für manches kleine Programmkino könnte es das Ende sein. Ein Ende wie in einem Drama. Im Jahr 2019 gab es laut der Filmförderungsanstalt (FFA) insgesamt 1.734 Kinospielstätten in Deutschland. Im Vergleich zu den letzten Jahren ist die Zahl zwar deutlich gestiegen, trotzdem ist seit 2002 ein negativer Trend erkennbar: Damals gab es noch 1.844 Kinos. Wie die sich wieder füllen sollen, ist völlig unklar. Weltweit ruhen Filmproduktionen, von Bollywood bis Hollywood, die Liste verschobener Blockbuster-Starts wird länger und länger. Der Film „The Batman“ etwa soll erst im Oktober 2021 in die Kinos kommen, ursprünglich war der Filmstart in den USA bereits für Juni nächsten Jahres angesetzt. Zwar sind die Dreharbeiten mit dem britischen „Twilight“-Star Robert Pattinson im Januar angelaufen, mussten dann aber wegen der Corona-Pandemie Mitte März gestoppt werden. Auch die Filmstarts von „James Bond“ und „Wonder Woman 1984“ sind inzwischen verschoben.

    In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte der Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio), Thomas Negele, hinsichtlich der Öffnung der Kinos: „Ein Regelungswirrwarr zwischen den Bundesländern wäre fatal. Entscheidend ist, dass, wenn die Kinos wieder aufmachen, ein Pandemieplan besteht, dass Kinos nicht wieder schließen müssen – das würden die Kinos nur schwer überleben.“ Und mit ihnen auch rund 25.000 Beschäftigte ihre berufliche Existenz nicht.

    Ein Kino für sich allein – bildschön, aber schlecht für alle Filmschaffenden und Kino-Beschäftigten Soeder/dpa-Bildfunk Ein Kino für sich allein – bildschön, aber schlecht für alle Filmschaffenden und Kino-Beschäftigten


    Der neue James-Bond-Film soll jetzt im November laufen

    Kristin Müller, 49, ist Betriebsratsvorsitzende beim Cinemaxx in Bielefeld privat Kristin Müller, 49, ist Betriebsratsvorsitzende beim Cinemaxx in Bielefeld

    15. April 2020 – Am 13. März wurde das Cinemaxx-Kino in Bielefeld geschlossen, vorerst bis zum 30. April. Eigentlich galt in Bielefeld die Anordnung, dass am 15. März Kinos schließen sollten. Doch kurz vor der Öffnung des Hauses waren Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes vor Ort, verwiesen auf eine inzwischen veränderte Rechtslage und drohten bei Öffnung mit Ordnungsgeldern. „Es war sehr dramatisch“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Kristin Müller, die die Vorgänge aber nur aus den Schilderungen ihrer Kolleg*innen kennt. Sie selbst war an diesem Freitag bei einer Sitzung des Gesamtbetriebsrats.

    Überrascht hat sie die Schließung des Hauses nicht. „Schon in der ganzen Vorwoche waren die Vorstellungen schlecht besucht, wir haben uns gefragt, wie es weitergeht“, erinnert sie sich. 50 Beschäftigte arbeiten in dem Haus im Sommer, im Winter sind es ein paar mehr. Viele von ihnen studieren oder arbeiten in einem Minijob. „Wie sollen wir bezahlt werden, wie geht es weiter“, waren die Gedanken, die sie und ihre Kolleg*innen zu der Zeit beschäftigt haben. Denn die Kosten für das Cinemaxx laufen weiter, auch wenn auf den Leinwänden nichts mehr laufen darf. „Mein nächster Gedanke war: Wie lange kann die Firma das stemmen“, sagt Kristin Müller.

    Den Freitagabend hat sie dann damit verbracht, sich in das Thema Kurzarbeitergeld einzulesen. „Ich hatte bis dahin nicht gedacht, dass wir das je brauchen werden“, sagt sie. Spitzen im Kinogeschäft werden meist mit Aushilfen abgefangen. Die abendliche Lektüre war für Kristin Müller ernüchternd. Minijobber*innen und Studierende, die oft nur so viel arbeiten, dass sie für ihren Job keine Sozialabgaben zahlen müssen, haben keinen Anspruch darauf. Doch zum Glück waren am folgenden Tag auch vier Arbeitnehmervertreter und ein Anwalt mit dem Fachgebiet Arbeitsrecht eingeladen. Gemeinsam setzten sie sich mit den Betriebsrät*innen an einen Tisch und verhandelten den Entwurf einer Regelung zur Kurzarbeit, die die Betriebsräte der einzelnen Häuser übernommen haben.

    Jetzt wird das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent aufgestockt, für Minijobber*innen und Studierende übernimmt der Arbeitgeber die komplette Summe in dieser Höhe, und das für bis zu einem Jahr. „Das ist alles sehr gut gelaufen“, sagt Kristin Müller. Auch für die Beschäftigten bedeute diese Regelung eine enorme Erleichterung. Allerdings konnte eine Beschäftigungssicherung mit Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen nur bis zum 30. Juni dieses Jahres erreicht werden.

    „Wahrscheinlich muss man zu einem Stichtag vor einer möglichen Öffnung einfach schauen, was gezeigt werden kann. Vielleicht auch Wunschfilme der Besucherinnen und Besucher.“

    Von einer schnellen Öffnung des Cinemaxx geht sie nicht aus, und wenn der Betrieb wieder aufgenommen wird, dann vielleicht nicht in allen Sälen oder mit großzügigen Sitz-Abständen. Offen wäre dann auch die Frage, was dann gezeigt werden soll. Viele Filmstarts wurden wegen der Corona-Pandemie verschoben, der neue James-Bond-Film ist ein prominentes Beispiel dafür. Er soll jetzt im November starten, für viele andere Filme gibt es noch keinen neuen Termin. Filme, die für die fernere Zukunft angekündigt wurden, können derzeit nicht weitergedreht oder fertiggestellt werden. „Wahrscheinlich muss man zu einem Stichtag vor einer möglichen Öffnung einfach schauen, was gezeigt werden kann“, sagt Kristin Müller. Vielleicht werden dann auch ältere Filme gezeigt oder „Wunschfilme der Besucherinnen und Besucher“. Kristin Müller hofft einfach darauf, dass die Leute nach wochenlangem Serien- oder Filmkonsum am heimischen Bildschirm dann wieder Lust auf die große Leinwand haben.

    Text: Heike Langenberg