Corona

    Seit Monaten kein Landgang

    Häfen

    Alle Mann an Bord

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    Der Coronavirus hat auch die Schifffahrt seit Monaten fest im Griff. Er hat sich auf Kreuzfahrtschiffen ausgebreitet, große Marineschiffe waren und sind betroffen, zuletzt hat es das Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 3“ von TUI Cruises getroffen. Das Schiff liegt seit dem 28. April in Cuxhaven, an Bord: rund 2.900 Besatzungsmitglieder. Normalerweise reisen mit dem Schiff 2.500 Gäste und 1.000 Besatzungsmitglieder. Die nun 2.900 Besatzungsmitglieder an Bord sind Crewmitglieder von anderen Schiffen der TUI-Cruises-Flotte, die von Deutschland aus in ihre Heimatländer geflogen werden sollen. Insgesamt haben sich 9 Besatzungsmitglieder mit Covid-19 infiziert, sie sind in Cuxhaven im Krankenhaus isoliert worden. Für rund 1.200 Besatzungsmitglieder sind mittlerweile Rückflüge etwa nach Indonesien, in die Ukraine, nach Tunesien, in die Türkei und nach Mauritius geplant.

    Auf diese Rückflüge warten seit Ende März etwa 100.000 Seeleute auf internationalen Handelsschiffen. Sie sind Gefangene an Bord, dürfen nicht einmal an Land gehen. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, haben Häfen weltweit Beschränkungen und Regeln erlassen, die eine Einreisesperre oder zumindest eine mehrwöchige Quarantäne für alle Einreisenden umfassen. Für den globalen Handel hat die Funktionsfähigkeit der Seehäfen hohe Priorität, damit die Warenströme vor allem dringend benötigter Güter nicht abreißen. Für Seeleute, die nach wochenlangem Dienst nach Hause wollen, fehlen jedoch Flugverbindungen in ihre jeweilige Heimat. Crews werden daher nicht wie gewohnt getauscht, sondern bleiben an Bord.

    Die Corona-Krise hat auch zu Kurzarbeit am Hamburger Hafen geführt Foto: Christian Charisius/dpa Die Corona-Krise hat auch zu Kurzarbeit am Hamburger Hafen geführt


    Wir liefern direkt an die Gangway

    Anke Wibel, Seemannsdiakonin (58) und eine Hälfte der Leitung des Seemannsclubs „DUCKDALBEN“ in Hamburg Waltershof Foto: Knut Henkel Anke Wibel, Seemannsdiakonin (58) und eine Hälfte der Leitung des Seemannsclubs „DUCKDALBEN“ in Hamburg Waltershof

    VERDI.DE – Seit dem 24. März ist der DUCKDALBEN, Hamburg Seemannsclub, dicht. Wie wirkt sich das für die Seeleute aus?

    ANKE WIBEL – Katastrophal. Der Landgang ist gestrichen und damit die Chance in Ruhe nach Hause zu telefonieren, mit der Familie störungsfrei zu sprechen, ein paar Stunden lang die Seele baumeln zu lassen und runterzukommen. All das ist normalerweise beim Landgang möglich – nun sind die Crews an Bord kaserniert. Über Wochen, Monate – das können am ehesten die Menschen, die in Quarantäne waren, ein wenig nachvollziehen. Die Seeleute sind gefangen auf ihren Schiffen, wissen nicht, wann sich das ändert. Dadurch wird der Stress für sie sehr viel größer.

    VERDI.DE – Ihr habt auf Notbetrieb umgeschaltet. Fahrt die Schiffe, die den Hamburger Hafen anlaufen an, versorgt die Seeleute mit Telefonkarten, Schokolade und mehr. Können die Seeleute bei euch bestellen, was sie brauchen?

    WIBEL – Ja, per WhatsApp oder auch online können sie alles aus unserem Shop bestellen und wir liefern direkt an die Gangway. Wichtig ist Nahrung für die Seele: Schokolade für die einen, Chips und vor allem Schweinekrusten für die anderen wie unsere asiatischen Seeleute. Hinzu kommen Hygieneartikel und Vitamin C – da kommen wir kaum hinterher mit dem nachbestellen.

    VERDI.DE – Wie kommt das?

    WIBEL – Die Seeleute haben das Gefühl, sich schützen zu müssen, denn die Gefahr kommt von außen. Bisher hat es außer auf Kreuzfahrtschiffen kaum Infektionsfälle auf See gegeben. Die Crew fühlt sich gesund, weiß, dass einzig die Lotsen, die Wasserschutzpolizei, der Zoll oder andere Behörden den Virus an Bord tragen können. Vitamin C ist ihr Mittel der Wahl, um das eigene Immunsystem zu stärken.

    „Wir wissen von Seeleuten, die neun, zehn, elf und mehr Monate an Bord, keine Informationen haben wie es ihren Familien zu Hause geht, weil sie nicht telefonieren können.“

    VERDI.DE – Wie wirkt sich der Lockdown auf die Seeleute aus? Welche Rolle spielt die Unsicherheit?

    WIBEL – Eine elementare Rolle. Die Crews kommen derzeit nicht von Bord, weil es aufgrund der Flugbeschränkungen und des Lockdowns in den Heimaltländern keine Chance gibt sie auszutauschen. Also verlängern sich die Verträge an Bord. Wir wissen von Seeleuten, die neun, zehn, elf und mehr Monate an Bord, keine Informationen haben wie es ihren Familien zu Hause geht, weil sie nicht telefonieren können. Diese doppelte Unsicherheit prägt den Alltag an Bord. Das ist eine unglaublich hohe psychische Belastung. Deshalb sind die Aufladekarten, mit denen die Seeleute in Küstennähe ins Internet gehen und ihre Familie kontakten können, extrem wichtig. 

    VERDI.DE – Gibt es an Bord keine WLAN-Boxen, kein Internet-Zugang – keine Chance auf den Kontakt mit der Familie?

    WIBEL – Es gibt Reedereien, die einen WLAN-Zugang anbieten, aber das betrifft nur einen Bruchteil der Schiffe. Ein Satellitentelefonat ist wahnsinnig teuer und in den Häfen, auch in Hamburg, gibt es in aller Regel kein freies WLAN. Daher sind die Seemannsclubs wie der Duckdalben so wichtig – sie sind Telefonzelle, Tankstelle und Ruhepol in einem. 

    VERDI.DE – In etlichen Häfen sind die Clubs zu, die Gates gesperrt – das heißt die Seeleute sitzen auf dem Trocken? Ohne Kommunikation, ohne Nachschub von Hygieneartikeln, eventuell Medikamenten und ohne jede Abwechslung?

    WIBEL – Das ist derzeit die Realität.

    VERDI.DE – Wie haltet ihr als Seeemannsmission den Kontakt an Bord – was gibt es für Optionen? Ist es allein das kurze Gespräch an der Gangway?

    WIBEL – Nein, aber das kurze Gespräch an der Gangway vermittelt immer einen ersten Eindruck. Hinzu kommen Gespräche über WhatsApp, Facebook und wir haben eine eigene Plattform für den Chat entwickelt. Sie heißt „DSM.Care“, und da ist täglich mindestens zwölf Stunden ein für posttraumatische Belastungsstörungen ausgebildeter Seelsorger erreichbar – meist auch mehrere. Das ist eine neue Option, die wir hier im Duckdalben mit dem Einsetzen des Lockdowns entwickelt haben und die seit knapp vier Wochen online ist. So sind direkte Gespräche, aber auch der sichere Mailverkehr möglich. Alle deutschen Seemannsmissionen sind mit „DSM.Care“ vernetzt. Darauf machen wir bei jedem unserer täglich etwa zwölf Bordbesuche aufmerksam. Unsere zentrale Botschaft ist: Wir sind für euch da! Wenn auch im Notbetrieb: als Duck to go, wie wir das nennen.

    Anmerkung: Anke Wibel ist seit 30 Jahren ver.di-Mitglied und arbeitet seit 25 Jahren im „Duckdalben“.

    Interview 7. Mai 2020: Knut Henkel


    Die Schiffe kommen seltener

    Fabian Goiny, 37, arbeitet im Pkw-Umschlag Wasserseite bei dem BLG AutoTerminal Bremerhaven GmbH & Co. KG Foto: privat Fabian Goiny, 37, arbeitet im Pkw-Umschlag Wasserseite bei dem BLG AutoTerminal Bremerhaven GmbH & Co. KG

    21. April 2020 – „Bei uns im Pkw-Umschlag Wasserseite fahren wir im Ausland produzierte Fahrzeuge von den Schiffen auf die Lagerplätze und umgekehrt in Deutschland produzierte Fahrzeuge auf die Schiffe, damit sie exportiert werden können. Mitte März hat die Autoindustrie in Deutschland die Arbeit eingestellt, das ist bei uns deutlich spürbar. Auch wenn die Produktion hier und im Ausland so langsam wieder aufgenommen wird, rechnen wir über das ganze Jahr hinweg gesehen derzeit mit einem Mengenverlust von circa 50 Prozent. Bewegen wir hier sonst zwei Millionen Fahrzeuge im Jahr, werden es 2020 wohl höchstens eine Million werden.

    Bei uns gilt Kurzarbeit. Derzeit sieht es für uns so aus, dass jeder Arbeiter einen Tag pro Woche weniger arbeitet. Weil der Arbeitgeber das Kurzarbeitergeld um 20 Prozentpunkte aufstockt und weil wir Hafenarbeiter dank eines tollen Tarifvertrags gut verdienen, kann ich mich wirtschaftlich nicht beklagen.

    „Die Kollegen, mit denen wir zum Teil schon 30 Jahre und länger zusammenarbeiten, müssen jetzt zu Hause bleiben, sie werden in der Krise nicht gebraucht.“

    Aber unsere Arbeit bestreiten wir sonst zur Hälfte mit Kollegen aus dem Gesamthafenbetrieb, das ist eine Form von Leiharbeit, die es aber schon seit mehr als 100 Jahren im Hafen gibt. Die Kollegen, mit denen wir zum Teil schon 30 Jahre und länger zusammenarbeiten, müssen jetzt zu Hause bleiben, sie werden in der Krise nicht gebraucht. Normalerweise arbeiten sie zu den gleichen Bedingungen wie wir, sind aber flexibel in allen Hafenbetrieben einsetzbar.

    Unsere Abläufe in der täglichen Arbeit haben sich auch verändert. Die Schiffe kommen seltener. Früher wurden wir mit einem Sechssitzer-Pkw an unsere Einsatzorte im Hafen gefahren. Zurzeit sind es neunsitzige Busse. Der Fahrer sitzt vor einer Plastikabtrennung, drei Arbeiter sitzen dahinter versetzt auf den drei Bänken im Fahrzeug. So werden wir zu den Reihen gefahren, wo die Fahrzeuge stehen, die wir dann verschiffen oder löschen. Immer wieder, die ganze Schicht durch, an die Orte, an denen wir gebraucht werden. Aber das dauert jetzt natürlich viel länger als sonst, damit braucht auch die Abarbeitung der Aufträge länger und dadurch steigen dann die Personalkosten.

    „So rau wir Hafenarbeiter auch wirken, es fällt schwer, wenn man sich jetzt noch nicht mal in den Arm nehmen kann.“

    In den Sozialräumen müssen wir darauf achten, dass wir Begegnungen vermeiden, nach Möglichkeit sollen wir schon umgezogen kommen. Die Einteilungsblätter hängen jetzt unter einem schützenden Dach im Freien oder können elektronisch abgerufen werden. Alles, was bisher persönlich und nah war, ist jetzt weg. Dazu gibt es eine klare Arbeitsanweisung. So rau wir Hafenarbeiter auch wirken, es fällt schwer, wenn man sich jetzt noch nicht mal in den Arm nehmen kann. Aber wir haben das jetzt ja schon einen Monat geübt. Mein Wunsch wäre, dass es jetzt wieder so richtig los geht mit Arbeit, auch gemeinsam mit den Kollegen vom Gesamthafenbetrieb. Aber das wird wohl vorerst ein Wunsch bleiben.“

    Protokoll: Heike Langenberg