Corona

    Hebammen sind unverzichtbar

    Geburtshilfe

    Einschränkungen rund um die Geburt

    Arbeiten in Zeiten von Corona

    750.000 Geburten werden in diesem Jahr bundesweit erwartet. Für alle diese Geburten sind Hebammen unverzichtbar. Sei es für die Vorsorge und Geburtsvorbereitung, für die Geburt selbst oder für die Nachsorge von Mutter und Kind – der Beruf der Hebamme ist seit jeher systemrelevant. Doch in den aktuellen Diskussionen über die Gesundheitssysteme fühlen sich die Geburtshelferinnen nicht wirklich beachtet. An den Verhandlungstischen zum Umgang mit der Corona-Krise sitzt ihre Berufsgruppe bisher nicht.  

    Ein großes Problem der überwiegend freischaffenden Hebammen ist die Versorgung mit Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Sie können zum Beispiel nicht mit selbstgenähten Masken arbeiten, sie benötigen medizinisches Material, das zu bekommen immer noch schwierig sein kann. Genauso verhält es sich mit Schutzkitteln. Aber all das brauchen Hebammen dieser Tage bei ihren Hausbesuchen. Was erschwerend und oft auch für die Familien belastend ist: Väter und Geschwisterkinder dürfen bei Hausbesuchen nicht dabei sein.

    Auf ihre unzureichende Honorierung und hohe Versicherungskosten haben die Hebammen in der Vergangenheit immer wieder aufmerksam gemacht. Jetzt in der Corona-Krise haben sie eine erhebliche Mehrbelastung, doch gleichzeitig weniger Umsatz. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur anlässlich des Internationalen Hebammentags am 5. Mai in Brandenburg. „Insbesondere die freiberuflich tätigen Hebammen haben durch die Krise zum Teil deutliche Fallzahleinbußen zu verzeichnen“, sagte der Sprecher des Brandenburger Gesundheitsministeriums anlässlich der Vorstellung der Umfrageergebnisse. Die Einkommensverluste bewegten sich bei mancher Hebamme zwischen 30 und 50 Prozent, hieß es seitens des Hebammenverbandes in Brandenburg.

    In voller Schutzkleidung – auch für Hebammen hat sich die Arbeit enorm verändert Caroline Seidel/dpa In voller Schutzkleidung – auch für Hebammen hat sich die Arbeit enorm verändert


    Corona ist ja nicht das einzige Risiko

    Barbara Ahlers, 63, ist freiberufliche Beleghebamme am St. Vincenz-Krankenhaus in Datteln privat Barbara Ahlers, 63, ist freiberufliche Beleghebamme am St. Vincenz-Krankenhaus in Datteln

    12. Mai 2020 – „Durch Corona müssen wir auf ganz wesentliche Dinge verzichten, die wir bislang für wichtig erachtet haben. Die Geburtsvorbereitungskurse wurden runtergefahren, die individuelle Geburtsvorbereitung, Vier-Augen-Gespräche mit den Müttern, all das darf in der bisherigen Form nicht mehr stattfinden. Wir können dafür zum Beispiel auf Plattformen für Videokonferenzen ausweichen, allerdings ist die Frage des Datenschutzes nicht gänzlich geklärt. Bei Eltern führt es durchaus zu Frustration, dass die übliche Vorbereitung derzeit nicht möglich ist.

    Hinzu kommen weitere Einschränkungen rund um die Geburt. Bei uns im Krankenhaus dürfen die Väter derzeit noch bei der Geburt dabei sein, ich weiß von anderen Häusern, wo das schon nicht mehr so ist. Selbst das unterliegt Auflagen, die Väter werden nach ihrem Risiko einer Infektion gefragt und müssen einen Mundschutz tragen. Außerdem haben wir mit Menschen in einem Alter zu tun, bei denen bei Covid-19 häufig kaum Symptome auftreten, die das Virus aber trotzdem übertragen können. Zweifel sind aber im Mitmenschlichen schwierig.

    „Für mich zählen erst einmal nur die Frau und das Kind. Wenn die beiden zu mir ins Krankenhaus kommen, brauchen sie Hilfe und ich kümmere mich um sie. Da kann ich nicht warten, ob sich ein Verdacht durch einen Test bestätigt.“

    Für mich zählen erst einmal nur die Frau und das Kind. Wenn die beiden zu mir ins Krankenhaus kommen, brauchen sie Hilfe und ich kümmere mich um sie. Da kann ich nicht warten, ob sich ein Verdacht durch einen Test bestätigt. Aber ich bin 63, zähle damit vom Alter her schon zur Risikogruppe. Wir haben einen Plan, wer von uns Hebammen gerufen wird, wenn es bei einer Schwangeren den Verdacht gibt, dass sie Covid-19 haben könnte. Das sind eher die jüngeren Kolleginnen.

    Hinzu kommt, dass wir Hebammen hier freiberuflich arbeiten. Werden wir krank, fällt der Verdienst weg. Keine von uns kann sich so hoch versichern, dass dieser Verlust ausgeglichen wird. Doch wenn ich arbeite, habe ich solche Gedanken nicht. Dann zählen Frau und Kind. Außerdem ist Corona ja nicht das einzige Risiko. Es gibt auch andere Infektionskrankheiten, mit denen wir uns anstecken könnten, Hepatitis zum Beispiel. Daher sind die Hygienestandards bei uns ohnehin hoch, und wir sind entsprechend geschult. Wir sind immer darauf vorbereitet, dass eine Geburt dann im isolierten Bereich stattfinden kann, in dem ich dann unter Vollschutz arbeite.

    Bislang hatten wir noch keine isolierte Geburt wegen Covid-19. Unser Krankenhaus liegt zwar im eher ländlichen Bereich des nördlichen Ruhrgebiets, wir versorgen aber 90.000 Menschen und bieten ein sehr erfolgreiches Perinatalzentrum Level 1 der höchsten Versorgungsstufe mit großem Einzugsgebiet. Also was noch nicht ist – kann ja noch kommen.

    Um die Gesundheit aller Beteiligten zu schützen, ist derzeit der Zugang für die Besucher gesperrt. Selbst die Väter oder Geschwister des Neugeborenen dürfen nicht kommen. Das fällt mir als Hebamme schon recht schwer, nach meiner Berufsauffassung kommt der Familie eine große Rolle zu. Daher kümmern wir uns derzeit viel intensiver um die Frauen, denn sie haben durch das Besuchsverbot eine längere Phase ohne Partner. Wir versuchen das auch dadurch auszugleichen, dass wir die gemeinsame Verweildauer im Kreißsaal verlängern, wenn es möglich ist. Die Frauen reagieren sehr unterschiedlich darauf, dass der Mann nicht mit auf die Station darf. Einige kommen kaum mit der Frustration zurecht, andere sagen, es ist herrlich ruhig hier ohne die vielen Besucher, die in den ersten Tagen üblicherweise kommen, ich kann mich ganz auf die neue Situation mit meinem Kind einlassen. Bei problemlosen Geburten werden die Frauen meist ohnehin nach zwei Tagen entlassen.

    Wenn Hebammen freiberuflich arbeiten, bedeutet die Einstellung der Kurse und anderer außerklinischer Tätigkeiten einen erheblichen Einbruch. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung, die GKV, hat in dieser Situation einer Sonderregelung für die Leistungserbringung zugestimmt. Die Betreuung über Telekommunikation oder visuelle Medien wird ausnahmsweise wie ein tatsächlicher Besuch bezahlt, ebenso wurde die Begrenzung unser Leistungen im klinischen Bereich auf die 2:1-Regelung, die uns 2018 zu großen Umstrukturierungen gezwungen hat, außer Kraft gesetzt. Die Regelung hat bedeutet, dass wir freiberuflichen Hebammen maximal zwei Leistungen zur gleichen Zeit abrechnen dürfen. Das schafft im Moment mehr personelle Kapazität und nimmt uns die Angst, der Aufgabe vielleicht nicht mehr gewachsen zu sein. Diese Sonderregelungen gelten zunächst bis zum 19. Juni 2020. Was danach kommt, müssen wir abwarten. Vielleicht ändert die Pandemie auch die Sicht auf unsere Arbeit.“

    Protokoll: Heike Langenberg