Corona

    Schutzausrüstung für Beschäftigte immer noch Mangelware

    Wachschutz

    Und wer schützt die Beschützer?

    Sie sorgen dafür, dass sich nicht zu viele Kunden im Supermarkt aufhalten, bewachen nachts Shoppingcenter, Bürogebäude, Wohn- und Industrieanlagen, sorgen für die Sicherheit an Flughäfen und in Flüchtlingsunterkünften oder kontrollieren U-Bahnhöfe – die Beschäftigten im Wach- und Sicherheitsgewerbe. Vor allem sind sie gerade gesucht, wo sie bisher nicht gefragt waren. Die Sicherheitsfirmen schichten ihre Belegschaften also um. Viele, die zuvor Veranstaltungen abgesichert haben, setzen dieser Tage ihr Personal vor Supermärkten und Banken ein. Allerdings zählen die Beschäftigten der Branche nicht in allen Bundesländern zu den systemrelevanten Berufen. Deshalb haben sie dort, wo das der Fall ist, zum Beispiel keinen Anspruch auf Notbetreuung in Kita oder Schule.

    So gehören etwa in Sachsen-Anhalt nach Angaben des Sozialministeriums Beschäftigte in Sicherheitsfirmen nicht automatisch zu den „unentbehrlichen Schlüsselpersonen“. Lediglich Objektschützer*innen von Sicherheitsfirmen, die Standorte der Pharmazeutischen Industrie bewachen, gelten dem Ministerium als unentbehrlich. Bernd Weiler, Sprecher der Firma Securitas, will hingegen nicht so recht sehen, wo der Unterschied liegt zwischen jemanden, der einen Supermarkt, und jemanden, der eine Industrieanlage bewacht. Dem mdr sagte er Mitte April, würden alle Wachschützer als systemrelevant eingestuft, dann würden die Firmen, die sie beschäftigen, auch besser mit Desinfektionsmitteln, Handschuhen und Mundschutzen versorgt werden. Daran mangelt es in der Branche tatsächlich noch vielfach, sie wird oftmals auch gar nicht vom Arbeitgeber gestellt. Und von einer systemrelevanten, anständigen Bezahlung sind die Sicherheitskräfte genauso weit entfernt, wie die Kolleg*innen in den Supermärkten, die sie derzeit beschützen.

    Ein Mitarbeiter von einem Sicherheitsdienst vor der Allianz Arena in München Foto: Sven Hoppe/dpa-Bildfunk Ein Mitarbeiter von einem Sicherheitsdienst vor der Allianz Arena in München


    Sie werden direkt mit Gefahren konfrontiert – sie sind schon da, bevor die Polizei eintrifft

    Andreas Rech betreut im ver.di-Landesbezirk Hessen im Fachbereich Besondere Dienstleistungen die Wach- und Sicherheitsdienste Foto: privat Andreas Rech betreut im ver.di-Bezirk Ruhr-West im Fachbereich Besondere Dienstleistungen die Wach- und Sicherheitsdienste

    verdi.de: Was zählt zu den wichtigsten Tätigkeiten im Bereich Wach- und Sicherheitsdienste?

    Andreas Rech: Die Kolleg*innen sind überall dort beschäftigt, wo Objekte und Veranstaltungen jeder Art bewacht und beschützt werden sollen: Von kleinen Dorffesten bis zur Fußballbundesliga, sie sichern Kaufhäuser, Krankenhäuser, Flüchtlingsunterkünfte und kontrollieren Fluggäste. Die Beschäftigten arbeiten extrem dezentralisiert in Kleingruppen rund um die Uhr. Arbeit für Sub-Unternehmer und schlechte Bezahlung sind die Regel.

    verdi.de: Welche Risiken und Gefahren gibt es schon in normalen Zeiten?

    Rech: Die Kolleg*innen kommen häufig mit Menschen in direktem Kontakt: Randalierende Jugendliche, aggressive Ladendiebe, Drogenkonsument*innen stellen eine Infektionsgefahr dar. Bei der Fluggastkontrolle können sie mit scharfen oder infektiösen Gegenständen in Berührung kommen. Sie werden zuerst und direkt mit Gefahren konfrontiert – sie sind schon da, bevor die Polizei eintrifft. Desinfektionsmittel, Sprays etc. müssen sie aber selber bezahlen, das wird meist nicht von den Arbeitgebern oder den Auftraggebern gestellt.

    verdi.de: Wie sind die Beschäftigten mit der aktuellen Situation konfrontiert worden? Gab es Vorwarnungen durch die Arbeitgeber?

    Rech: Die mit Corona verbundenen Gefahren wurden in der Branche zunächst heruntergespielt und ignoriert – zumindest den Beschäftigten gegenüber.

    verdi.de: Haben sich aktuell bestimmte Risiken verschärft?

    Rech: 1,5 Meter Abstand halten ist im direkten Personenkontakt von vornherein unmöglich. Wie sollen sie Betrunkene des Platzes verweisen oder eskalierende Situationen in Flüchtlingsunterkünften beruhigen, ohne den Menschen sehr nahe zu kommen? Besondere Schutzausrüstungen haben die allermeisten von ihren Arbeitgebern nicht bekommen. Die sparen an der Sicherheit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Das Risiko, ungeschützt erhöhten Infektionsgefahren ausgesetzt zu sein, ist gerade in dieser Branche drastisch gestiegen. Zusätzliche Sicherheitstrainings für die Corona-Situation hat es nicht gegeben.

    verdi.de: Hast Du konkrete Befürchtungen für die Sicherheit der Kolleg*innen?

    Rech: Nicht nur für sie, die erhöhten Infektionsgefahren gelten natürlich auch für ihre Familienangehörigen. Zusätzlich gibt es durch Kurzarbeit Einkommensverluste bei ohnehin schon schlechtem Lohn.

    „Obwohl die Wach-und Sicherheitskräfte derzeit erhöhten Risiken ausgesetzt sind, wird darüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen. Sie arbeiten als Schützer in vorderster Linie, sind aber nicht besser geschützt.“

    verdi.de: Was empfinden die Kolleg*innen derzeit als besonders belastend?

    Rech: Obwohl die Wach-und Sicherheitskräfte derzeit erhöhten Risiken ausgesetzt sind, wird darüber in der Öffentlichkeit nicht gesprochen. Sie arbeiten als Schützer in vorderster Linie, sind aber nicht besser geschützt. Es kommt bei vielen das Gefühl auf, in einer vergessenen Branche zu arbeiten. Sie fragen sich: Wer schützt die Beschützer?

    verdi.de: Vermutest Du, dass es in der Branche langfristige Auswirkungen auch auf die Arbeitsplätze geben könnte?

    Rech: Einerseits ist die Branche aktuell schnell gewachsen, zum Beispiel durch die vielen neuen Jobs für Einlasskontrollen in Supermärkten. Ich gehe davon aus, dass dieses Wachstum auch nicht wieder abflacht, da der Wachstumsmotor „Angst“ weiter auf hohen Touren laufen wird. Andererseits sehen wir, dass viele Arbeitgeber versuchen, die Gewerbeordnung zu unterlaufen, um mehr Profit aus der Situation zu schlagen: Sie sagen, dass Paragraf 34 a der Gewerbeordnung nicht angewendet werden müsse. Darin ist der Sachkundenachweis für Fachkräfte für Sicherheit geregelt, die damit ihre fachliche und menschliche Eignung für eine Tätigkeit im Sicherheitsgewerbe belegen. Die Arbeitgeber wollen auf diese Mindestqualifikation im Umfang von 40 Stunden verzichten – und diese Beschäftigten dadurch niedriger einstufen und bezahlen.


    Lotteriespiel mit der Gesundheit

    Anonymes O-Ton-Protokoll mit einem Beschäftigten in der Waren- und Personenkontrolle im Frachtbereich des Flughafens Köln-Bonn, Arbeitgeber ist FRASEC. Da sich der Mitarbeiter kritisch zur Sicherheit äußert, möchte er nicht mit Namen genannt werden. Die Sachverhalte sind von ver.di geprüft und bestätigt.

    24. April 2020 – „Der Flughafen Köln-Bonn ist der drittgrößte deutsche Frachtflughafen. UPS, FedEX und DHL bringen und holen per LKW ihre Frachtladungen zu und von den Flugzeugen. Die LKWs kommen aus allen europäischen Ländern. Der Flughafen arbeitet sieben Tage 24 Stunden im Dreischichtbetrieb. Wir sind bei der FRASEC beschäftigt, einer Tochter des Frankfurter Flughafens Fraport, die hier in Köln einen weiteren Standort hat. Wir sind zirka 210 Kollegen – davon arbeiten rund 40 pro Schicht. Jeder LKW-Fahrer und sein Laster werden kontrolliert. Nicht nur der Fahrer selbst, sondern auch die Kabine im Führerhaus und seine persönlichen Gegenstände, Schlafkoje etc.. Der Fahrer wird in einem Container kontrolliert – entweder per Durchleuchten oder Abstreifen zum Beispiel der Schuhe oder des Handys. Dabei muss ich auf jeden Fall bis auf 20 bis 40 Zentimeter an den Fahrer heran. Anders lässt sich die Kontrolle nicht durchführen.

    „Niemand sagt uns, wie wir eine körpernahe Personenkontrolle durchführen und gleichzeitig einen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern einhalten sollen. Das geht definitiv nicht!“

    Anfangs gab es keine besonderen Vorkehrungen wegen Corona. Uns wurde bloß gesagt: Passt auf, seid vorsichtig – aber das war‘s. Mittlerweile bekommen wir schriftliche Briefings mit Regeln wie Handschuhe anziehen, Abstand halten etc.. Diese Briefings müssen wir unterschreiben und damit erklären, dass wir Sicherheitsabstände einhalten. Aber niemand sagt uns, wie wir eine körpernahe Personenkontrolle durchführen und gleichzeitig einen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern einhalten sollen. Das geht definitiv nicht!

    Wir haben mehr Arbeit als vor der Corona-Krise, denn der Anstieg des internationalen Onlinehandels geht zum größten Teil über den Flughafen Köln-Bonn. In den ersten fünf Wochen gab es keine Masken. Weder für uns noch für die LKW-Fahrer. Bei weit über 1.000 Personen, die pro Schicht – nur im Frachtbereich – durch unsere Kontrollstellen müssen, hatten wir das Gefühl, dass mit unserer Gesundheit Lotterie gespielt wird.  Zusätzlich müssen alle Mitarbeiter der im Flughafen ansässigen Logistikfirmen und des Flughafens bei uns durchkommen – und wir selbst müssen ja auch kontrolliert werden.

    Gerüchteweise hörte man, dass bei FedEx Leute in Quarantäne gekommen sein sollen. Obwohl wir mit mehr Menschen als in normalen Zeiten Kontakt haben, ist niemand von uns bisher getestet worden. Je nachdem, von wo die LKWs kommen, verbringen die Fahrer zig Stunden im Führerhaus, und schlafen auch dort. Wir wissen überhaupt nicht, welche Sicherheitsvorkehrungen für die LKW-Fahrer getroffen wurden. Wir wissen auch nicht, ob wir Infektionen mit nach Hause nehmen. Und niemand versucht, uns diese Unsicherheit zu nehmen. Die meisten von uns haben Familienangehörige – natürlich auch Kinder oder ältere Angehörige.

    „Wir sehen, wie in der Verwaltung unseres Unternehmens auf Abstand geachtet wird. Da stehen Schilder „Abstand halten“ auf dem Flur. Aber für uns ,in vorderster Linie’ kümmert sich niemand um erhöhten Schutz.“

    Seit dem 21. April werden Stoffmasken verteilt: drei Stück für jeden von uns. Wir wissen aber nicht, wann sie ausgetauscht werden, oder ob wir sie selber zu Hause auskochen müssen. Sie werden einfach nur so verteilt.

    Natürlich reden wir darüber – und ich kann sagen: Die Beschäftigten sind verunsichert. Wir sehen, wie in der Verwaltung unseres Unternehmens auf Abstand geachtet wird. Da stehen Schilder „Abstand halten“ auf dem Flur. Die Leitung kann sich selbst sehr gut schützen. Aber für uns ,in vorderster Linie’ kümmert sich niemand um erhöhten Schutz. Wir merken, dass die Leute aus der Verwaltung seltener zu uns runter kommen, und wenn, dann sind sie schnell wieder weg. Warum haben der Flughafenbetreiber und FRASEC nicht Trennwände aus Plexiglas mit Schlitzen zum Durchreichen von Ausweisen, Handy etc. aufgebaut – wie in Drogeriemärkten oder Bäckereien? Wir fühlen uns nicht gut geschützt.

    ver.di und die Betriebsräte arbeiten eng zusammen und machen seit Wochen Druck auf den Flughafenbetreiber und die Sicherheitsunternehmen, um unseren Gesundheitsschutz zu verbessern.“

    Interview und Protokoll: Bruno Neurath-Wilson