Corona

    Solo-Selbstständige drohen in Hartz IV abzurutschen

    Solo-Selbstständige

    Warten auf Soforthilfe

    Solo-Selbstständige sind bisher durch alle Raster der Soforthilfen gefallen und bangen weiterhin um ihre Existenzen. „Bei einem sehr großen Teil der Solo-Selbstständigen sind Privates und Berufliches untrennbar miteinander verquickt und das eigene Einkommen eine laufende betriebliche Ausgabe. Insofern erfüllen sie nicht die bestehenden Voraussetzungen für Soforthilfen des Bundes“, sagte unlängst der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke, um noch einmal wie schon zu Beginn der Corona-Krise auf die Notlage der rund 2,2 Millionen Solo-Selbstständigen in Deutschland hinzuweisen.

    Bisher ist nur das Land Baden-Württemberg bereit, seinen Solo-Selbstständigen aus Landesmitteln monatlich 1.180 Euro Soforthilfe zu zahlen, erst einmal für die kommenden drei Monate. Die anderen Bundesländer wollen nachziehen, sehen aber noch nicht so recht ein, warum der Bund nicht für das Geld aufkommen sollte. Seit Wochen warten so auch Leipziger Künstler*innen, die wegen Corona keine Auftrittsmöglichkeiten mehr haben, auf Hilfen der Stadt. Ein angekündigtes Programm mit einmaligen Zuschüssen von 1.500 bis 2.000 Euro soll ihr Abrutschen in Hartz IV vermeiden. Nur: Gestartet ist es noch nicht. Mit einem Flashmob am 20. April haben Künstler*innen und unter anderem auch solo-selbstständige Lehrkräfte in der Leipziger Innenstadt wiederholt auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht.

    Flashmob mit Abstand und Social Distancing in Leipzig Gundula Lasch Flashmob mit Abstand und Social Distancing in Leipzig


    Kaltgestellt und ohne Einkommen

    Yasmin D. (29), solo-selbstständige Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache in Leipzig Foto: Gundula Lasch Yasmin D. (29), solo-selbstständige Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache in Leipzig

    20. April 2020 – Yasmin hat einen Masterabschluss in Deutsch als Fremdsprache/Zweitsprache und hatte noch während ihres Studiums begonnen, dieses Fach bei der privaten Fremdsprachenschule Berlitz zu unterrichten. Auf Honorarbasis, denn angestellt werden in diesem Bereich nur wenige Bildungsarbeiter*innen. „Durch meinen Abschluss konnte ich die BAMF-geförderten Kurse – Integrations- und Berufssprachkurse – unterrichten, die mit 35 Euro pro Unterrichtseinheit vergütet werden. In den privaten Kursen bekommen die Kollegen zum Teil weniger als die Hälfte“, sagt die 29-jährige Leipzigerin. 35 Euro Stundenhonorar – das scheint auf den ersten Blick recht gut. Aber davon muss Yasmin ihre Krankenkassen- und Rentenbeiträge, Fahrtkosten und beruflich benötigte Materialien bezahlen, Weiterbildung finanzieren und einiges mehr. Bezahlter Urlaub als Jahresleistung? Fehlanzeige.

    Die Teilnehmer*innen in Yasmins Kursen sind erwachsene Leute zwischen 18 und 65 Jahren, die in Deutschland ein neues Leben anfangen und dafür eine neue Sprache lernen müssen oder wollen. „Bisher war ich vor allem in sehr heterogenen Klassen, was Herkunft, Lernerfahrung, gesellschaftlichen Status, Religion, Sprachniveau angeht. Am liebsten unterrichte ich in sogenannten B2-Kursen für Fortgeschrittene, weil da das Sprachniveau schon soweit ausgebaut ist, dass richtig gute Diskussionen stattfinden können“, sagt sie. Yasmin liebt ihren Beruf und den Umgang mit Menschen.

    „Der letzte Unterrichtstag war am 16. März. Dann wurde uns wurde mitgeteilt, dass die Schule vorerst zwei Wochen geschlossen bleibt. Ich und meine Kolleg*innen ahnten, dass dies für uns totalen Honorarausfall bedeutete.“

    Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie brach das fragile Existenzgerüst vieler freiberuflicher Lehrkräfte schlagartig zusammen, so auch Yasmins: „Der letzte Unterrichtstag war am 16. März. Dann wurde uns wurde mitgeteilt, dass die Schule vorerst zwei Wochen geschlossen bleibt. Ich und meine Kolleg*innen ahnten, dass dies für uns totalen Honorarausfall bedeutete.“ Etwas später kam das Angebot, online zu unterrichten. Aber es gab kein richtiges Konzept und viele Probleme dabei: „Die von uns genutzten Lehrwerke sind auf Präsenzunterricht ausgelegt, wir sind überhaupt nicht im E-Teaching geschult und nicht bei allen Teilnehmer*innen kann man technisch und sprachlich eine Online-Teilnahme voraussetzen. Außerdem wird die zeitintensive Vorbereitung natürlich nicht bezahlt“, beschreibt Yasmin die vertrackte Situation. Etliche ihrer Kolleg*innen unterrichten jetzt dennoch online, weil sie auf die Honorare angewiesen sind. Wie gut die Wissensvermittlung auf diesem Wege funktioniert, weiß niemand so recht. „Die Stundenanzahl ist zudem heruntergesetzt worden. So kommt bei vielen am Monatsende nicht mehr raus, als hätten sie ALG II beantragt. Ich habe mich dagegen entschieden, online zu unterrichten“, sagt Yasmin.

    Sie und die meisten solo-selbstständigen Lehrkräfte in Leipzig sind nun bis mindestens 3. Mai kaltgestellt. Erst danach werden die Kurse eventuell wieder stattfinden können. Genau weiß das momentan niemand. Die unfreiwillig freie Zeit nutzt sie jetzt für die Organisierung ihrer Kolleg*innen in der „Initiative Leipziger Lehrkräfte gegen Prekarität in der Erwachsenen- und Weiterbildung“. Für die junge Frau steht fest: „Ich möchte gern weiter in der Erwachsenenbildung unterrichten, aber ich möchte auch eine sichere Perspektive damit verbunden wissen – einen Arbeitsvertrag, bezahlte Urlaubs- und Krankheitstage.“

    Protokoll: Gundula Lasch